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Der große Michelangelo ist tot! Ausstellungsansicht

Der große Michelangelo ist tot! Ausstellungsansicht

DER GROSSE MICHAELANGELO IST TOT!

Alter Streit: Avantgarde und Akademismus

Der große Michelangelo ist tot! Ausstellungsansicht

Der große Michelangelo ist tot! Ausstellungsansicht

Eine Ausstellung zum 300-Jahr Jubiläum der Akademie fordert neben den Augen vor allem das Hirn heraus.

Es gab Zeiten, in denen es zum guten Ton gehörte, sich von der Akademie als Ausbildungsstätte der Kunst zu distanzieren. Die Secession ist eines der gelungensten Beispiele. Doch die Avantgarde wiederum hatte nicht immer das Monopol auf das Neue. Die Auseinandersetzung tobt seit der Gründung der ersten Kunstakademie, der Accademia del Disegno in Florenz anno 1563. Einer ihrer Mitbegründer war der Renaissancemaler und Architekt Giorgio Vasari, der in seinen Schriften jedoch das Ideal des autonomen, authentischen und originellen Künstlers betonte. Der Inbegriff des „göttlichen“ Künstlers war für ihn Michelangelo Buonarotti, der im Jahr darauf starb und mit einer pompösen Beerdigung gewürdigt wurde.

Julius Schnorr von Carolsfeld, Christi Gleichnis von den Ähren, 1816 © Kupferstichkabinett

Julius Schnorr von Carolsfeld, Christi Gleichnis von den Ähren, 1816 © Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien

Martin Ferdinand Quadal, Der Aktsaal der Wiener Akademie im St.-Anna-Gebäude, 1787 © Gemäldegalerie

Martin Ferdinand Quadal, Der Aktsaal der Wiener Akademie im St.-Anna-Gebäude, 1787 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Der Kunsthistoriker Prof. Helmut Draxler versucht die wahrlich lange schwelende Auseinandersetzung in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste mit einer Ausstellung begreiflich zu machen. Die Institution selbst feiert immerhin heuer ihr 300jähriges Bestehen. Entstanden ist ein reichlich mit kunstvollen Beispielen ausgestalteter Parcours durch die Geschichte der Akademien und ihrer antiakademischen Widersacher. Diese stießen sich unter anderem an der Praxis des Kopierens nach Gipsabgüssen. Einige dieser mächtigen, weiß leuchtenden Beispiele von Michelangelo oder Antonio Canova sind schon beim Eintreten nicht zu übersehen.

Die heute eher geringschätzig betrachtete Nazarener-Bewegung, gegründet in Wien, installierte erstmals in Düsseldorf das Reformmodell einer Meisterklasse, das dem klassizistisch-normativen, regel- und theoriebasierten Unterricht der Pariser Akademie entgegen trat. Inspiriert davon war auch das Bauhaus, das sich direkt an junge Menschen wandte und ihnen abseits der Akademien Ausbildungsmöglichkeiten in einer Reihe von Lehrgängen anbot. Bis heute wogen die Meinungen diesbezüglich hin und her. So ist neben historischen Artefakten seit dem 16. Jahrhundert auch Kunst der Gegenwart zu erleben. Eines kann man jedoch nicht behaupten: Die Akademie im Jetztzustand sei rückständig. Das beweisen Werke, die eigens von akademisch Ausgebildeten für diese das Denken ungemein herausfordernde, aber letztlich genau dieses Behirnen anregende Ausstellung geschaffen wurden.

 Roy Lichtenstein, The Old Tree, 1984, aus der Serie Cartoon Brushstroke Landscape, Privatsammlung

Roy Lichtenstein, The Old Tree, 1984, aus der Serie Cartoon Brushstroke Landscape, Privatsammlung © Estate of Roy Lichtenstein / Bildrecht, Wien 2026

ANA TORFS & AUTUMN LEAVES, Ausstellungsansicht

Ana Torfs, Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger

ANA TORFS & AUTUMN LEAVES Insert aus 28 kunstvollen Tapisserien

Tapisserie von Ana Torfs, Detail

Tapisserie von Ana Torfs, Detail

Die Weissagungen der Sibylle aus der Aeneis gewebt in tagesaktuelle Zeitungen

Der Titel ist nicht ohne: „The Day You were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumns Leaves“ ergänzt bis 30. August 2026 die Dauerausstellung „Die Sammlung betrachten“ der Kunstsammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien. Die belgische Künstlerin Ana Torfs hat das Insert gestaltet und dabei einen weiten Bogen über die Zeiten gespannt. Während sie im November 2020 auf der Suche nach besonders schönen Herbstblättern unterwegs war, kam ihr die Passage aus Vergils Aeneis in den Sinn, in der die Sibylle von Cumae mit dem trojanischen Helden in die Unterwelt hinabsteigt. Sie pflegt ihre Prophezeiungen auf abgefallene Blätter zu schreiben und lässt diese vom Wind zerstreuen. Ana Torfs, sie lebt und arbeitet in Brüssel, hat solche Blätter als Motiv in einen umfangreichen Werkzyklus eingebaut. Sie wurden auf Ausschnitte von internationalen „Tagblättern“ gelegt und fotografiert. In einem Feld darunter finden sich persönliche Bemerkungen von Torfs.

Ana Torfs, Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien

Ana Torfs, Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger

Ana Torfs vor einem ihrer Werke in der Ausstellung

Ana Torfs vor einem ihrer Werke in der Ausstellung

Die damit entstandenen Bilder wurden gewebt, als Jacquard-Tapisserien, für deren Herstellung Belgien mit seiner Jahrhunderte langen Tradition berühmt ist. Das Weiß der Zeitungen ist aus mattem, die Blätter dagegen aus glänzendem Faden, die Schatten dazwischen lassen die jeweiligen Zacken und Stiele in einem Tromp-l´Oeil abheben und damit eine hoch ästhetische Synthese aus Kunst und Kunsthandwerk empfinden. Wenngleich die von Torfs gewählten Zeitungsausschnitte nichts darüber berichten, ist es ist das Werk einer Pandemie, die damals unter dem Namen Covid bzw. Corona wütete und die Menschen in ihrer Angst vor Ansteckung in Lockdowns verharren ließ. So begleiten im ersten Raum Gemälde die Tapisserien, die Seuchen wie die Pest thematisieren. Im nächsten Raum sind es die Sibyllen, die schon bei Michelangelo in der Sixtina, aber besonders in der Barockzeit vieldeutige und vor allem geheimnisvolle Motive waren.

Zwischen den Gemälden eines Friedrich Amerling, Bartolomé Esteban Murillo, Rembrandt Harmensz. Van Rijn oder Peter Paul Rubens trifft man immer wieder auf Tapisserien, bis man beim „Wiener Weltgericht“ von Hieronymus Bosch angelangt ist. Gegenüber diesem fantastisch prophetischen Triptychon findet sich auch das bewusst als Ende bezeichnete Werk von Ana Torfs, das durchaus als ein Hinweis auf die Unsicherheit des sibyllischen Blätterwirbels bezüglich unserer Handlungsperspektiven gelesen werden will.

Ana Torfs, Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien

Ana Torfs, Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger

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