Kultur und Weindas beschauliche MagazinDer große Michelangelo ist tot! Ausstellungsansicht DER GROSSE MICHAELANGELO IST TOT! Alter Streit: Avantgarde und Akademismus
Es gab Zeiten, in denen es zum guten Ton gehörte, sich von der Akademie als Ausbildungsstätte der Kunst zu distanzieren. Die Secession ist eines der gelungensten Beispiele. Doch die Avantgarde wiederum hatte nicht immer das Monopol auf das Neue. Die Auseinandersetzung tobt seit der Gründung der ersten Kunstakademie, der Accademia del Disegno in Florenz anno 1563. Einer ihrer Mitbegründer war der Renaissancemaler und Architekt Giorgio Vasari, der in seinen Schriften jedoch das Ideal des autonomen, authentischen und originellen Künstlers betonte. Der Inbegriff des „göttlichen“ Künstlers war für ihn Michelangelo Buonarotti, der im Jahr darauf starb und mit einer pompösen Beerdigung gewürdigt wurde.
Der Kunsthistoriker Prof. Helmut Draxler versucht die wahrlich lange schwelende Auseinandersetzung in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste mit einer Ausstellung begreiflich zu machen. Die Institution selbst feiert immerhin heuer ihr 300jähriges Bestehen. Entstanden ist ein reichlich mit kunstvollen Beispielen ausgestalteter Parcours durch die Geschichte der Akademien und ihrer antiakademischen Widersacher. Diese stießen sich unter anderem an der Praxis des Kopierens nach Gipsabgüssen. Einige dieser mächtigen, weiß leuchtenden Beispiele von Michelangelo oder Antonio Canova sind schon beim Eintreten nicht zu übersehen.
Ana Torfs, Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger ANA TORFS & AUTUMN LEAVES Insert aus 28 kunstvollen Tapisserien
Der Titel ist nicht ohne: „The Day You were Thinking About the Sibyl While You Were Picking Autumns Leaves“ ergänzt bis 30. August 2026 die Dauerausstellung „Die Sammlung betrachten“ der Kunstsammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien. Die belgische Künstlerin Ana Torfs hat das Insert gestaltet und dabei einen weiten Bogen über die Zeiten gespannt. Während sie im November 2020 auf der Suche nach besonders schönen Herbstblättern unterwegs war, kam ihr die Passage aus Vergils Aeneis in den Sinn, in der die Sibylle von Cumae mit dem trojanischen Helden in die Unterwelt hinabsteigt. Sie pflegt ihre Prophezeiungen auf abgefallene Blätter zu schreiben und lässt diese vom Wind zerstreuen. Ana Torfs, sie lebt und arbeitet in Brüssel, hat solche Blätter als Motiv in einen umfangreichen Werkzyklus eingebaut. Sie wurden auf Ausschnitte von internationalen „Tagblättern“ gelegt und fotografiert. In einem Feld darunter finden sich persönliche Bemerkungen von Torfs.
Die damit entstandenen Bilder wurden gewebt, als Jacquard-Tapisserien, für deren Herstellung Belgien mit seiner Jahrhunderte langen Tradition berühmt ist. Das Weiß der Zeitungen ist aus mattem, die Blätter dagegen aus glänzendem Faden, die Schatten dazwischen lassen die jeweiligen Zacken und Stiele in einem Tromp-l´Oeil abheben und damit eine hoch ästhetische Synthese aus Kunst und Kunsthandwerk empfinden. Wenngleich die von Torfs gewählten Zeitungsausschnitte nichts darüber berichten, ist es ist das Werk einer Pandemie, die damals unter dem Namen Covid bzw. Corona wütete und die Menschen in ihrer Angst vor Ansteckung in Lockdowns verharren ließ. So begleiten im ersten Raum Gemälde die Tapisserien, die Seuchen wie die Pest thematisieren. Im nächsten Raum sind es die Sibyllen, die schon bei Michelangelo in der Sixtina, aber besonders in der Barockzeit vieldeutige und vor allem geheimnisvolle Motive waren.
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