Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Rainer Galke, Annamaria Láng © Matthias Horn

MEISTER UND MARGARITA zwischen Gott und Teufel

Meister und Margarita Szenenfoto © Matthias Horn

Wenn der Satan so sympathisch wird, dass man mit ihm in die Hölle ginge

Michail Bulgakow (1891-1940) gilt als einer der großen Satiriker der russischen Literatur. Er kann sich der Spöttelei auch dann nicht enthalten, wenn es um die Frage der Religion geht. In einer Zeit, als in der Sowjetrepublik rigoroser Atheismus angesagt war, wird er zum Gottsucher. In „Meister und Margarita“ stellt er Joshua (Jesus) und den Höllenfürsten recht entspannt nebeneinander. Der Meister ist Schriftsteller, der ausgerechnet über Pilatus einen Roman verfasst hat und damit in der Presse bitterböse verrissen wird. Auf die Frage des Teufels, warum er kein einfacheres Thema gewählt habe, hat er keine befriedigende Antwort. Das Ergebnis ist das Irrenhaus. Von seiner großen Liebe, der verheirateten Margarita, hält er sich fern, was sie aber nicht akzeptieren will. Um wieder zu ihrem Meister zurückkehren zu können, nimmt in kauf, bei einer höllischen Party die Ballkönigin zu geben und mit den berühmtesten Bösewichtern der Geschichte zu tanzen und nebenbei die Kindsmörderin Frieda von einem Fluch zu erlösen. Der Teufel wird durch diesen unbedingten Einsatz barmherzig.

Norman Hacker als Woland © Matthias Horn

Er ermöglicht dem Paar gemeinsam zu sterben. Das personifizierte Böse ist also existent, genauso wie Gott, der seinen Sohn nach Geißelung und Dornenkrönung blutverschmiert als Reinigungskraft in die Büros eines Verlags schickt, in dem sich die Schreiberlinge krampfhaft in pointierten Gottesleugnungen zu übertreffen versuchen.

Tim Werths (Joshua) © Matthias Horn

Was für das Moskau der 1930er-Jahre galt, hat bis heute seine Bedeutung nicht verloren. Wir leben im Moment zwar in einer Zeit, in der Glaube und Religion eine immer größere Rolle spielen, vor allem aber dann, wenn es darum geht, die Anders- oder Nichtgläubigen zu beseitigen oder zumindest zu belästigen. Im Grund sind uns die Bibel und ihre Botschaft aber wurscht. Man hat derzeit andere Sorgen als den Streit zwischen Himmel und Hölle. Damit nimmt sich dieses Stück Bulgakows seltsam aus.

Es macht aber Spaß, diesem von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo inszenierten gesellschaftlichen Poem im Akademietheater über mehrere Stunden zu folgen. Mit Live-Kameras werden die Darsteller groß herausgezoomt und über einer nüchternen Bürolandschaft projiziert. Die in graue Businessanzüge gesteckten Herren werden kehr um die Hand zu bibischen Gestalten, denen Norman Hacker als Woland, ein gealterter Barde mit intellektuellem Einschlag und niemand anderer als der Teufel, den Kopf nicht nur zurecht setzt, sondern von der Straßenbahn erforderlichenfalls auch abtrennen lässt. Seine sexy Assistenten sind Hella (Stefanie Dvorak) und der Transgender Behemoth (Felix Kammerer). Philipp Hauß darf als Berlioz noch lästern, dass sich die Himmelsbalken biegen, muss sich aber als Pilatus die Frage stellen, was denn nun Wahrheit ist. Iwan Unbehaust (Marcel Heuperman) steckt bald in der Zwangsjacke, mit der er das Schicksal des Meisters (Rainer Galke) teilt. Der wiederum wird anstelle von Joshua gekreuzigt; der vielleicht stärkste Moment in dieser Aufführung. Nachdem der Gottessohn in Person von Tim Werths Wischmob und Staubsauger hingelegt hat, zeigt er wundersames Silly Walking, das einen Szenenapplaus verdient hätte.

Von einem offenbar geschockten Publikum wird dieser aber nicht gegeben. Die smarte Frieda (Hanna Binder), der selbstbewusste Sokow/Kaiphas (Johannes Zirner) und der subalterne Poplawski/Afranius (Mehmet Ateşçi) wandeln virtuos zwischen Zeiten und Welten, aber immer abseits der bewegenden Liebesgeschichte, mit der Annamaria Láng als Margarita dieser lachhaften, aber doch tiefernsten Auseinandersetzung mit jenseitigen Fragen warmes Gefühl und Zusammenhang verleiht.

Stefanie Dvorak (Hella), Annamaria Láng (Margarita) © Matthias Horn

Jan Bülow, Vögel auf der Bühne © Matthias_Horn

VÖGEL zerflattern irrationalen Hass auf die Liebe

Jan Bülow, Deleila Piasko © Matthias_Horn

Auch vier Sprachen sind nicht imstande, Brücken zwischen Menschen zu schlagen

46 Chromosomen enthalten alle Informationen eines Menschen. Eitan Zimmermann weiß das ganz genau. Er studiert dieses Fach und ist sich auch bewusst, dass jegliche Verbohrtheit von wegen ethnischer Abstammung nur eine unbedeutende Äußerlichkeit ist. So hat er auch nicht das geringste Problem, sich in die bildhübsche Wahida, einer Doktorandin in Geschichte, zu verlieben. Eitan ist der Sohn eines deutsch-jüdischen Paares, sie hat ihre Wurzeln in Palästina. Ort des ersten Treffens ist eine Universitätsbibliothek in New York. Dass alles doch nicht so einfach ist, stellt sich spätestens beim Pessachfest heraus, zu dem Eitan seine Eltern in die USA eingeladen hat, um ihnen seine Braut vorzustellen. Vater David will nichts von der Araberin wissen. Es kommt zum familiären Zerwürfnis, das auch seine Mutter Norah und Großvater Etgar nicht kitten können. Bei einer Reise des jungen Paares nach Israel geraten die beiden in Jerusalem in einen Bombenanschlag, bei dem er schwer verletzt wird. Ziel der Reise wäre ein Treffen mit Eitans Großmutter Leah Kimhi gewesen.

Eli Gorenstein, Salwa Nakkara © Matthias_Horn

Diese schaltet sich erst auf intensives Drängen von Wahida in das Geschehen ein. Am Krankenbett des Studenten versammeln sich Eltern und Großeltern, um die Abneigung von Palästinensern und Juden auszustreiten. Nach und nach wandelt sich jedoch das bis dahin eindeutige Problem zweier Feindschaften zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, die am Ende alles relativiert und dennoch zum tragischen Schluss kommt, dass sich damit ganz einfach nicht leben lässt. Was sich hier so geheimnisvoll liest, ist in diesem Stück eine Grundwahrheit, die Menschen, deren Stammbaum mit den Eltern abreißt, fassungslos vor der Ignoranz einander bis aufs Blut bekämpfender Nationen und Religionen im Regen stehen lässt. Man sollte sich ein Beispiel an den Vögeln nehmen, die jegliche Grenzen fliegend überwinden.

Nadine Quittner, Jan Bülow © Matthias_Horn

Wajdi Mouawad, ein kanadischer Schriftsteller mit libanesischer Herkunft, hat das Thema in das viersprachige Stück „Vögel“ verpackt. In der Inszenierung des israelischen Regisseurs Itay Tiran im Akademietheater sind dies Englisch, Deutsch, Arabisch und Hebräisch. Gelöst wird die sprachliche Vielfalt mit Untertiteln, die auf die Kulissen hinter den Schauspielern projiziert werden, leider teilweise aber nur sehr schlecht zu lesen sind. Man kriegt dennoch recht gut mit worum es geht.

Die einzelnen Darsteller machen dieses Manko durch geschickte Gestik und Mimik wunderbar wett. Jan Bülow ist der Student Eitan, der mit seinem sanguinischen Temperament und einer bestechenden Freiheit im Denken Wahida (Deleila Piasko), die schwarzhaarige Schönheit im roten Kleid, für sich gewinnt. Dessen Mutter (Sabine Haupt) ist blond, schlank und eine Reminiszenz an das deutsche Fräuleinwunder, das in der DDR als Kommunistin aufgewachsen ist und erst spät erfahren hat, dass sie Jüdin ist. Anders gelagert ist diesbezüglich ihr Gatte David (Markus Scheumann), der sich seit seinen ersten Lebenserinnerungen als Teil der jüdischen Tradition sieht und die damit verbundenen Verpflichtungen gegenüber dem ewig verfolgten auserwählten Volk befolgt.

Großvater Etgar hat mit Eli Gorenstein die Verkörperung eines weisen Greises gefunden, der, angestiftet von seiner mundflinken Ex-Gattin Leah (Salwa Nakkara), sich schließlich durchringt, die große Lüge seines Lebens dem „Sohn“ zu beichten. Was es damit auf sich hat, will hier nicht verraten werden. Zur Ergänzung: Yousef Sweid ist Wazzan, der ebenso wie Nadine Quittner als Soldatin Eden für kluge Momente in einer Handlung sorgt, die trotz ihres sperrigen Inhalts mitreißt und Diskussionen anregt.

Jan Bülow © Matthias_Horn
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