Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Birgit Minichmayr, Oliver Nägele © Burgtheater/Mathtias Horn

DAS INTERVIEW High Noon bei Kriegsnarbe versus Silikonditten

Birgit Minichmayr, Oliver Nägele © Burgtheater/Mathtias Horn

Ein packendes Zweipersonenstück über vielfältige Versuche, einander bloßzustellen

Schuster bleib bei deinen Leisten, möchte man Pierre Peters zurufen, wenn er, bewaffnet mit Aufnahmegerät und entsprechendem Frust, beim Fernsehstar Katja Schuurman vorstellig wird, um ihr Neuigkeiten für sein Blatt zu entlocken. Als harter und konsequenter Politredakteur kann er Minister und Kanzler in die Enge treiben, einer Tussi wie Katja steht er jedoch hilflos gegenüber. Regenbogenpresse ist ihm fremd. Aber die Redaktion hatte gegen ihn entschieden. Statt bei der Pressekonferenz anlässlich des Rücktritts der Regierung dabei zu sein, muss er die Krot für einen erkrankten Kollegen aus der Kulturabteilung fressen. Peters will schlicht nichts von Katja wissen, was sie natürlich auf die Palme treibt. Das Stück nach dem Film von Theo van Gogh und dem Drehbuch von Theodor Holman könnte nach ein paar Minuten zu Ende sein. Irgendetwas lässt ihn doch bleiben. Als geübter Reporter spürt er, dass doch auch aus dieser Silikonpuppe eine Story herauszuholen sein müsste. Ein heimlicher Blick in das Tagebuch aus ihrer Handtasche genügt bereits, um ihm Oberwasser zu verschaffen.

Birgit Minichmayr, Oliver Nägele © Burgtheater/Mathtias Horn

Er erträgt die erotischen Torturen, mit denen ihm die Kleine brutal zusetzt und versucht mit seiner Heldenhaftigkeit im Jugoslawienkrieg dagegen zu punkten. Der Aufschlag, um das Bild eines Tennismatches zu gebrauchen, wechselt laufend. Beiden gelingt immer wieder ein Break, der Matchball will sich aber nicht abzeichnen. Wie ein lästiger Schiedsrichter verschafft ihr Handy den beiden Atempausen, um sie danach wieder mit voller Wucht aufeinander einschlagen zu lassen. Wer gewinnt, das wird hier selbstverständlich nicht verraten, aber es zahlt sich aus, die Spannung bis zum letzten Schlag auszukosten.

 

Martin Kušej hat „Das Interview“ im Akademietheater in der Bühnenadaption von Stephan Lack inszeniert. So direkt und geradlinig auf das Ziel losgehend kennt man den Burgtheaterdirektor kaum.

In einer modern kühlen nicht möblierten Wohnung (Bühnebild: Jessica Rockstroh) lenkt nichts von den dichten Dialogen ab, von denen dieses Stück lebt. Oliver Nägele ist der nicht mehr junge Pierre Peters, dem man stets anmerkt, dass er mit der Aufgabe eines Klatschreporters überfordert ist. Er könnte der Vater seines Gegenübers sein. Der Schmäh verfängt bei ihr jedoch nicht, trotz der zu Tränen rührenden Geschichte vom Tod seiner kleinen Tochter. Schließlich hat er es mit Birgit Minichmayr zu tun, die ihre Katja so fein und gnadenlos ungreifbar zeichnet, dass der härteste Journalist nur im Dunklen tappen kann. Was ist jetzt gespielt und was echt? Am wenigsten sind es Katjas Brüste, deren Silikon sich offenbar bis in den Kopf hinauf verbreitet hat und Liebe zu einer Serienschmiere macht. Er müsste irgendwann einsehen, dass sich der gerissenste Politiker nicht so verstellen kann wie eine gute Schauspielerin, die alles drauf hat, um die Menschen über ihre eigenen Empfindungen im Unklaren zu lassen. Aber das ist ihm fremd, in diesem Fach ist auch der große Journalist Pierre Peters nichts als ein blutiger Anfänger.

Birgit Minichmayr als Katha © Matthis Horn

Schwarzrwasser Szenenaufnahme © Matthias Horn

Politikerdummheit aufgewaschen mit SCHWARZWASSER

Schwarzwasser Szenenfoto © Mattnias Horn

Lange dreieinhalb Stunden Jelinek kurzweilig inszeniert

Man muss es mögen müssen, den Frust einer Elfirede Jelinek auf Gott und die Welt in einem ungeheuer dichten Text verpackt über sich ergehen zu lassen. Erschwerend dazu kommt, dass es sich beim Aufhänger für diese Spontanschöpfung der Nobelpreisträgerin um den aktuellen Fall ätzender Eselei eines nicht unbekannten Parteichefs handelt. Viel zuviel der Ehr´ für diesen Deppen, möchte man meinen, eher ein Fall fürs Kabarett, das durch dieses ernsthafte Bühnenstück eines Themas beraubt wurde. Der Großteil des Publikums goutierte die zahlreichen Anspielungen und wörtlich übernommenen Zitate aus den hilflosen Apologien der betroffenen Politiker und lachte sogar dankbar, wenn nur das längst als Gag abgelutschte „zack, zack, zack“ ertönte. „Schwarzwasser“ ist eine durchaus amüsante Tragödie, die sich, um den literarischen Schein zu wahren, Anleihen aus der Antike nimmt, dazu ein bisschen im Spanien der Habsburger Infanten wildert und zumindest andeutet, dass es um eine ganz bestimmte Insel geht, auf der sich das ungeheuerliche Geschehen abspielt.

Schwarzwasser Szenenfoto © Mattnias Horn

Freilich gibt es auch das übliche Geseier. Die Schlimmen sind die Polizei und das Gesetz, die ständig zu Unrecht Verfolgten sind die Fremden, Frauen werden nichts als unterdrückt und Gott, egal welcher gemeint ist, ob ein griechischer Olympier oder der Liebe Gott unseres Zuschnitts, ist geil auf Verehrung und überhaupt das Böseste, das sich irgendwann selbst erschaffen hat. Von einzelnen Wörtern ausgehend werden dazu flache Assoziationsketten gesponnen, die witzig sein wollen, wenn sie bemüht in einer Pointe münden.

Schwarzwasser Szenenfoto © Mattnias Horn

Robert Borgmann ist es zu verdanken, dass Jelineks Text nicht für Gähnen sorgt. Er schafft es mit teils irrwitzigen Ideen, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Wenn nach der ersten Szene die Videowall zertrümmert wird, ist klargestellt, dass es um Gewalt geht, die sich nicht nur mit den am Boden verbleibenden Trümmern, sondern mit Schlägereien, ausgespielten Brutalitäten und messerscharfen verbalen Angriffen auf das Dasein schlechthin als das eigentliche Thema abzeichnet.

Es sind zumeist endlose Monologe, die den vier Schauspielern Felix Kammerer, Christoph Luser, Caroline Peters und Martin Wuttke Gelegenheit geben, ihr enormes unterhalterisches Vermögen unter widrigsten Verhältnissen zu zeigen. Allein wenn Peters als rosa Gorilla auf die Bühne humpelt und einen Jelinekschen Wortschwall mitreißend in das Publikum fetzt oder Wuttke zuerst eine Prachttreppe herunterkugelt, um dann mit leisen Tönen und bewaffnet mit einer Pistole das Zuhören beinahe zu erzwingen, dann hat das wahrlich einen Sonderapplaus verdient.

Auf schlüssige Dialoge wartet man vergebens, hat aber zur Abwechslung einen Chor, der virtuos das Synchronsprechen beherrscht und dabei verständlich bleibt (Chorleitung: Christine Groß). Amalia Tacács und Verena Tranker lockern mit Gesang (Komposition: Rashad Becker) das weite Flächen füllende Reden auf. Jeder einzelne Satz wäre es wert, eigens behirnt zu werden. In der Fülle an Denkanstößen, die Jelinek mit diesem Stück serviert, droht man jedoch daran fast zu ersticken.

Schwarzwasser Szenenfoto © Mattnias Horn

Die Traumdeutung von Sigmund Freud Szenenfoto © Matthias Horn

DIE TRAUMDEUTUNG VON SIGMUND FREUD als amüsantes Nachtgesicht

Die Traumdeutung von Sigmund Freud Szenenfoto © Matthias Horn

Nichts ist wahr, auch nicht das Ich und schon gar nicht das, was es zu erkennen glaubt

Ausgehend von der Freudschen Erkenntnis, dass unsere Träume alle die gleichen sind, hält das Theaterduo Dead Centre, bestehend aus Ben Kidd & Bush Moukarzel, das Publikum über eine ganze Weile in einer Art REM-Phase, in der es glauben soll, dass die Träumerin tatsächlich nur eine aus dem Publikum zufällig ausgewählte Zuschauerin ist. Auf der berühmten Couch liegend erzählt Anna der als Freud verkleideten Schauspielerin Alexandra Henkel einen Traum. Sie sei in einen Turm eingesperrt, aus der sie ein Drache befreit und über Wald und Stadt fliegt. Als er sie absetzt, wird sie in ein Auto verschleppt, dessen Fahrer sie vor einem Gefängnis hinauswirft. Zwei Polizisten teilen ihr mit, dass hier ihr Vater auf seine Hinrichtung warte. Für die Psychoanalyse gibt ein derart komplexes Traumrlebnis einiges her. Freud/Henkel scheitert aber an der Deutung und überlässt die Rolle von Sigmund Freud samt Bart, Brille und Hut dem Gast. Die „Träumerin“ wird nun von Philipp Hauß, Tim Werths und Johannes Zirner als dessen Arztkollegen zu einer Kartenpartie eingeladen und spielt mit.

Die Traumdeutung von Sigmund Freud Szenenfoto © Matthias Horn

Es wird das 1899 erschienene und auf 1900 vordatierte Buch „Die Traumdeutung“ wortreich kritisiert und handfest zerrissen, dabei schnupft das Trio haufenweise Kokain, während es Einblicke in die antisemitische Politik dieser Tage und eine düstere Vorschau auf die kommende Katastrophe gibt. Das alles passiert in Gegenwart der mit einem Perserteppich bedeckten Couch, die eine kolossale Anziehungskraft ausübt, denn jeder der Herren und auch Freuds Gattin legen sich nolens volens drauf, um ihr Unbewusstes dem Traumdeuter, in diesem Fall dem Publikum, zu offenbaren. Es fällt der bedeutungsvolle Satz: „Ich bin ein Fremder, der sich als Ich verkleidet hat.“

Die Traumdeutung von Sigmund Freud Szenenfoto © Matthias Horn

Mit Videoprojektionen wird eine Stimmung geschaffen, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit auf wunderbare Weise zum Verschwimmen gebracht werden. Als Zuschauer darf man durchaus immer wieder herzlich lachen, hat aber mehr von der Inszenierung, wenn man sich in diesen Schwebezustand wie in Trance hineinfallen lässt. Nina Wetzel ist für Bühne, also das Arbeitzimmer des Dr. Freud, und die stimmigen Kostüme verantwortlich. Die Videos stammen von Sophie Lux.

Sie hat sich dazu einiges einfallen lassen. Wenn vom Turm die Rede ist, flimmern diverse Hochbauten über das Bild, die witzigerweise am Penis einer antiken Figur Halt machen. An dieser Stelle dürfte der Fake dem Dümmsten aufgefallen sein, spätestens aber dann, als ein Kind auftaucht (alternierend Anouk Auer, Chiara Bauer-Mitterlehner, Mara Nathalie Brosteanu), das Lieblingsstofftier der Träumerin ins Bett gibt und den gleichen Traum wie diese gehabt hat, letztlich einen Albtraum, denn beim Zurückschlagen der Decke ist die Träumerin spurlos verschwunden.

Gezeigt wird auch der Vater von Freud in dessen mährischer Heimat, wie er von einem Christen gedemütigt wird. Die Träumerin wird Hannibal oder findet ihr Hirn wissenschaftlich untersucht. Zu Richard Wagners Pilgerchor aus der Oper Tannhäuser wird das Bild der freien Interpretation überlassen. Wenn nun noch das leidige Problem mit der nicht funktionierenden Synchronisation gelöst wird, dann ist es fast nicht mehr auszuhalten, wie trefflich man in Freuds Traumdeutung eingeführt wird.

Die Traumdeutung von Sigmund Freud Szenenfoto © Matthias Horn

Rainer Galke, Annamaria Láng © Matthias Horn

MEISTER UND MARGARITA zwischen Gott und Teufel

Meister und Margarita Szenenfoto © Matthias Horn

Wenn der Satan so sympathisch wird, dass man mit ihm in die Hölle ginge

Michail Bulgakow (1891-1940) gilt als einer der großen Satiriker der russischen Literatur. Er kann sich der Spöttelei auch dann nicht enthalten, wenn es um die Frage der Religion geht. In einer Zeit, als in der Sowjetrepublik rigoroser Atheismus angesagt war, wird er zum Gottsucher. In „Meister und Margarita“ stellt er Joshua (Jesus) und den Höllenfürsten recht entspannt nebeneinander. Der Meister ist Schriftsteller, der ausgerechnet über Pilatus einen Roman verfasst hat und damit in der Presse bitterböse verrissen wird. Auf die Frage des Teufels, warum er kein einfacheres Thema gewählt habe, hat er keine befriedigende Antwort. Das Ergebnis ist das Irrenhaus. Von seiner großen Liebe, der verheirateten Margarita, hält er sich fern, was sie aber nicht akzeptieren will. Um wieder zu ihrem Meister zurückkehren zu können, nimmt in kauf, bei einer höllischen Party die Ballkönigin zu geben und mit den berühmtesten Bösewichtern der Geschichte zu tanzen und nebenbei die Kindsmörderin Frieda von einem Fluch zu erlösen. Der Teufel wird durch diesen unbedingten Einsatz barmherzig.

Norman Hacker als Woland © Matthias Horn

Er ermöglicht dem Paar gemeinsam zu sterben. Das personifizierte Böse ist also existent, genauso wie Gott, der seinen Sohn nach Geißelung und Dornenkrönung blutverschmiert als Reinigungskraft in die Büros eines Verlags schickt, in dem sich die Schreiberlinge krampfhaft in pointierten Gottesleugnungen zu übertreffen versuchen.

Tim Werths (Joshua) © Matthias Horn

Was für das Moskau der 1930er-Jahre galt, hat bis heute seine Bedeutung nicht verloren. Wir leben im Moment zwar in einer Zeit, in der Glaube und Religion eine immer größere Rolle spielen, vor allem aber dann, wenn es darum geht, die Anders- oder Nichtgläubigen zu beseitigen oder zumindest zu belästigen. Im Grund sind uns die Bibel und ihre Botschaft aber wurscht. Man hat derzeit andere Sorgen als den Streit zwischen Himmel und Hölle. Damit nimmt sich dieses Stück Bulgakows seltsam aus.

Es macht aber Spaß, diesem von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo inszenierten gesellschaftlichen Poem im Akademietheater über mehrere Stunden zu folgen. Mit Live-Kameras werden die Darsteller groß herausgezoomt und über einer nüchternen Bürolandschaft projiziert. Die in graue Businessanzüge gesteckten Herren werden kehr um die Hand zu bibischen Gestalten, denen Norman Hacker als Woland, ein gealterter Barde mit intellektuellem Einschlag und niemand anderer als der Teufel, den Kopf nicht nur zurecht setzt, sondern von der Straßenbahn erforderlichenfalls auch abtrennen lässt. Seine sexy Assistenten sind Hella (Stefanie Dvorak) und der Transgender Behemoth (Felix Kammerer). Philipp Hauß darf als Berlioz noch lästern, dass sich die Himmelsbalken biegen, muss sich aber als Pilatus die Frage stellen, was denn nun Wahrheit ist. Iwan Unbehaust (Marcel Heuperman) steckt bald in der Zwangsjacke, mit der er das Schicksal des Meisters (Rainer Galke) teilt. Der wiederum wird anstelle von Joshua gekreuzigt; der vielleicht stärkste Moment in dieser Aufführung. Nachdem der Gottessohn in Person von Tim Werths Wischmob und Staubsauger hingelegt hat, zeigt er wundersames Silly Walking, das einen Szenenapplaus verdient hätte.

Von einem offenbar geschockten Publikum wird dieser aber nicht gegeben. Die smarte Frieda (Hanna Binder), der selbstbewusste Sokow/Kaiphas (Johannes Zirner) und der subalterne Poplawski/Afranius (Mehmet Ateşçi) wandeln virtuos zwischen Zeiten und Welten, aber immer abseits der bewegenden Liebesgeschichte, mit der Annamaria Láng als Margarita dieser lachhaften, aber doch tiefernsten Auseinandersetzung mit jenseitigen Fragen warmes Gefühl und Zusammenhang verleiht.

Stefanie Dvorak (Hella), Annamaria Láng (Margarita) © Matthias Horn

Jan Bülow, Vögel auf der Bühne © Matthias_Horn

VÖGEL zerflattern irrationalen Hass auf die Liebe

Jan Bülow, Deleila Piasko © Matthias_Horn

Auch vier Sprachen sind nicht imstande, Brücken zwischen Menschen zu schlagen

46 Chromosomen enthalten alle Informationen eines Menschen. Eitan Zimmermann weiß das ganz genau. Er studiert dieses Fach und ist sich auch bewusst, dass jegliche Verbohrtheit von wegen ethnischer Abstammung nur eine unbedeutende Äußerlichkeit ist. So hat er auch nicht das geringste Problem, sich in die bildhübsche Wahida, einer Doktorandin in Geschichte, zu verlieben. Eitan ist der Sohn eines deutsch-jüdischen Paares, sie hat ihre Wurzeln in Palästina. Ort des ersten Treffens ist eine Universitätsbibliothek in New York. Dass alles doch nicht so einfach ist, stellt sich spätestens beim Pessachfest heraus, zu dem Eitan seine Eltern in die USA eingeladen hat, um ihnen seine Braut vorzustellen. Vater David will nichts von der Araberin wissen. Es kommt zum familiären Zerwürfnis, das auch seine Mutter Norah und Großvater Etgar nicht kitten können. Bei einer Reise des jungen Paares nach Israel geraten die beiden in Jerusalem in einen Bombenanschlag, bei dem er schwer verletzt wird. Ziel der Reise wäre ein Treffen mit Eitans Großmutter Leah Kimhi gewesen.

Eli Gorenstein, Salwa Nakkara © Matthias_Horn

Diese schaltet sich erst auf intensives Drängen von Wahida in das Geschehen ein. Am Krankenbett des Studenten versammeln sich Eltern und Großeltern, um die Abneigung von Palästinensern und Juden auszustreiten. Nach und nach wandelt sich jedoch das bis dahin eindeutige Problem zweier Feindschaften zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, die am Ende alles relativiert und dennoch zum tragischen Schluss kommt, dass sich damit ganz einfach nicht leben lässt. Was sich hier so geheimnisvoll liest, ist in diesem Stück eine Grundwahrheit, die Menschen, deren Stammbaum mit den Eltern abreißt, fassungslos vor der Ignoranz einander bis aufs Blut bekämpfender Nationen und Religionen im Regen stehen lässt. Man sollte sich ein Beispiel an den Vögeln nehmen, die jegliche Grenzen fliegend überwinden.

Nadine Quittner, Jan Bülow © Matthias_Horn

Wajdi Mouawad, ein kanadischer Schriftsteller mit libanesischer Herkunft, hat das Thema in das viersprachige Stück „Vögel“ verpackt. In der Inszenierung des israelischen Regisseurs Itay Tiran im Akademietheater sind dies Englisch, Deutsch, Arabisch und Hebräisch. Gelöst wird die sprachliche Vielfalt mit Untertiteln, die auf die Kulissen hinter den Schauspielern projiziert werden, leider teilweise aber nur sehr schlecht zu lesen sind. Man kriegt dennoch recht gut mit worum es geht.

Die einzelnen Darsteller machen dieses Manko durch geschickte Gestik und Mimik wunderbar wett. Jan Bülow ist der Student Eitan, der mit seinem sanguinischen Temperament und einer bestechenden Freiheit im Denken Wahida (Deleila Piasko), die schwarzhaarige Schönheit im roten Kleid, für sich gewinnt. Dessen Mutter (Sabine Haupt) ist blond, schlank und eine Reminiszenz an das deutsche Fräuleinwunder, das in der DDR als Kommunistin aufgewachsen ist und erst spät erfahren hat, dass sie Jüdin ist. Anders gelagert ist diesbezüglich ihr Gatte David (Markus Scheumann), der sich seit seinen ersten Lebenserinnerungen als Teil der jüdischen Tradition sieht und die damit verbundenen Verpflichtungen gegenüber dem ewig verfolgten auserwählten Volk befolgt.

Großvater Etgar hat mit Eli Gorenstein die Verkörperung eines weisen Greises gefunden, der, angestiftet von seiner mundflinken Ex-Gattin Leah (Salwa Nakkara), sich schließlich durchringt, die große Lüge seines Lebens dem „Sohn“ zu beichten. Was es damit auf sich hat, will hier nicht verraten werden. Zur Ergänzung: Yousef Sweid ist Wazzan, der ebenso wie Nadine Quittner als Soldatin Eden für kluge Momente in einer Handlung sorgt, die trotz ihres sperrigen Inhalts mitreißt und Diskussionen anregt.

Jan Bülow © Matthias_Horn
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