Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Alles, was der Fall ist, Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

ALLES, WAS DER FALL IST Philosophie zur Logik des Theaters

Tim Werths, Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz

Wittgenstein, Macbeth und die Amokfahrt in Graz als Denkmodelle

Der Titel verrät nichts über das Stück, er dient eher der Abschreckung des Publikums. Wer will sich schon mit den vertrackten Gedankengängen eines Ludwig Wittgenstein auseinandersetzen, wenn er ins Theater geht. Seinen Tractatus logico-philosophicus hat ohnehin kaum wer verstanden. Davon erhalten hat sich lediglich der Satz: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Sieht man aber genauer hin, dann findet sich im Untertitel der Name „Dead Centre“, ein Kollektiv aus den beiden Regisseuren Bush Moukarzel und Ben Kidd und der Produzentin Natalie Hans. Die beiden Herren stammen aus Irland und England und haben gewaltigen Spaß daran, Antworten auf komplizierte wissenschaftliche Fragen in Form von Theaterstücken zumindest erahnbar zu machen. Kurzweil und Spannung sind also garantiert, wenngleich ein abstraktes „Alles, was der Fall ist“ und Wittgenstein als Aufgabenstellung dienen. Das Akademietheater ist Schauplatz dieser packenden Collage aus philosophischen Betrachtungen und Szenen aus Shakespeares Macbeth.

Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz

Abgeleitet von beidem wurden Überlegungen zur erschütternden Amokfahrt in der Grazer Innenstadt am 20. Juni 2015. Das Leitmotiv ist die leere Bühne, das Motto: Wirklichkeit kann auch enttäuschend sein. Mit raffinierten Videotricks wird diese Realität derart radikal infrage gestellt, bis man sich als Zuschauer nicht mehr im Klaren ist, was tatsächlich da oben abläuft und was eingeblendet ist. Echt ist zumindest das Red Bull, das beim Spritzen aus der Dose den Raum mit seinem süßlichen Duft nach Gummibärli erfüllt.

Alles, was der Fall ist, Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

Philipp Hauß stellt sich gleich zu Beginn als Ludwig Wittgenstein vor, der er ja nicht wirklich ist, sondern nur ein Schauspieler und damit eigentlich gar nicht existiert. Er bleibt über weite Strecken der Moderator, der an einer Modellbühne aufschlussreiche Szenarien entwirft, die für das Publikum groß zu sehen sind. Alexandra Henkel, Andrea Wenzel, Tim Werths und Johannes Zirner sind das Personal dieser Wanderung durch Schein und Sein, die als Opfer, Täter und sonstige Gestalten zugange sind.

Ein SUV wie der, mit dem drei Personen gebötet und 36 Passanten verletzt wurden, wird zum Hauptdarsteller, der hier bereits bei der Flucht der Eltern des Amokfahrers aus Bosnien im Einsatz ist. Die Show stielt ihm lediglich ein Hund, der auf Befehl Sitz macht und sich mit treuherzigem Blick über die maskierte Menschenansammlung im Dunkeln wundert. Er ist selbstredend nicht der Mörder und spielt auch keinen solchen. Diese Rolle bleibt Philipp Hauß überlassen, wenn er die Logik des Theaters abhandelt, der zufolge die Welt mit der Sprache erfassbar gemacht werden soll.

Ludwig Wittgenstein, der seine vielseitigen Begabungen auch als Dorfschullehrer, Ingenieur und Architekt unter Beweis gestellt hat, lässt seinen Tractatus mit dem Hauptsatz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ beginnen und stellt in der Folge Fragen, deren Antworten nie jemand begehrt hat. Weder Macbeth noch der Amokfahrer dürften je darüber nachgedacht haben, ob tatsächlich nur einen Sinn hat, was in logisch einwandfreien Sätzen gesagt werden kann. Sie haben schlicht gemordet. Und unsereins? Schweigt am besten.

Alles, was der Fall ist, Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

Florian Teichtmeister, Regina Fritsch, Mavie Hörbiger, Tim Werths  © Susanne Hessler-Smith

BUNBURY Die Geschichte vom Ernst neu erzählt

Florian Teichtmeister, Tim Werths © Susanne Hessler-Smith

Ein viktorianisches Sittenbild für phantasiebegabte Minimalisten

Mit etlichen Gay-Moments sollte die sexuelle Orientierung des irischen Dichters Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde wohl auch dem in englischer Literatur unbelesenen Zuschauer deutlich gemacht werden. Ganz ohne Grund beginnen zwei Männer zu schmusen, begrapschen sich zwei heiratswillige Mädchen oder ein Pastor kniet mit geilem Blick auf dem Schoß des Butlers. Die im Text vorhandenen zarten Anspielungen Wilders waren kaum zu entnehmen. Dieser wurde zwar streckenweise durchaus getreu der deutschen Übersetzung gesprochen, ging aber aufgrund von überbordenden Regieeinfällen im Geschehen unter. Gags werden konsequent bis zum Überdruss zelebriert. So gerät der Auftritt von Lady Brecknell samt Tochter Gwendolin Fairfax zu einer enervierenden Endlosschleife, die unter lautem Gedröhne tosender Klänge immer wieder und wieder vom Klingeln bis zur Begrüßung wiederholt wird. Ähnlich ergeht es Miss Prism, die sich unter ständigen Unterbrechungen vergeblich bemüht, die Verwechslung des Babys mit ihrem Romanmanuskript zu erzählen.

Regina Fritsch, Mavie Hörbiger, Tim Werths © Ssanne Hessler-Smith

Wenn niemand mehr weiter weiß, dann wird eben gesungen oder ein Tanzsolo hingelegt. So besehen erscheint es beinahe wie ein Wunder, dass die Handlung verständlich und schlüssig übermittelt wird. Schließlich geht es um das Wortspiel zwischen Ernst und ernst, das nicht nur einen erfundenen Bruder, sondern auch zwei junge Damen betrifft. Beide wollen partout einen Mann nur heiraten, wenn er Ernst heißt. Bunbury, der nicht existierende sieche Freund des anderen Lebemanns, hat im Grund nur deswegen in den Titel gefunden, weil das Original „The Importance of Being Ernest“ etwas lang geraten ist und sich im Deutschen längst nicht so knackig wie im Englischen hersagen lässt.

Florian Teichtmeister, Mavie Hörbiger, Tim Werths © Susanne Hessler-Smith

Inszeniert hat Antonio Latella, der die feine Komödie vom Jack, der partout ein Ernst sein will, auf die nahezu leere Bühne des Akademietheaters gestellt hat. Darstellern gleichwie Publikum blieb also nichts anderes über, als sich die noblen britischen Salons des 19. Jahrhunderts zu imaginieren. Den weitaus schwierigeren Part in diesem kühnen Unternehmen hatten freilich die Schauspieler. Sie waren auf ihr Können beschränkt. Da es sich um eine Komödie handelt, durften sie auch blödeln.

Und sie machten davon ausgiebig Gebrauch. Tim Werths als Algernon Moncrieff und Florian Teichtmeiser als John (Jack) Worthing, Mavie Hörbiger (Gwendolin) und Andrea Wenzel (Cecily) beweisen, dass sie auch als hemmungslose Komödianten unschlagbar sind. Sie füllen mit ihrer Präsenz ohne weiteres den kahlen Schauplatz zwischen Betonwand und Rampe.

Regina Fritsch lässt ihre Lady Brackwell im aufdringlichem Charme einer betuchten Dame erglänzen und Max Gindorf den Pastor Chasuble zum Ruhepol im Chaos werden. Im schwarzen Glitzeranzug verzweifelt Mehmet Ateşçi als Gouvernante an ihrem Schicksal. Geleitet wird das Ganze von Marcel Heupermann, der Klavier und Tee auf die Bühne bringt, die einzelnen Akte ansagt und Regieanweisungen vorliest. Hoch anzurechnen ist ihm, dass er zuletzt sogar das Publikum zum Singen bringt.

Max Gindorff, Florian Teichtmeister, Andrea Wenzel, Mehmet Ateşçi © Susanne Hessler-Smith

FRÄULEIN JULIE Geschlechtsverkehr kann tödlich sein

Itay Tiran und Bühne © Susanne Hassler-Smith

Knecht bleibt Knecht und Hure bleibt Hure – dramatische Gedanken zu Standesunterschieden

Julie ist adelig, jung und schön, hat aber ein Problem mit Männern. Verlobt war sie mit einem Oberst, bestimmt einem schneidigen Burschen, der ihre Launen jedoch nicht ertragen hat. Im Zuge des Mitsommerfestes verfällt sie auf die seltsame Idee, mit ihrem Diener ein Pantscherl anzufangen, ohne sich bewusst zu sein, wie Sex einen Menschen von Grund auf umkrempeln kann. Jean, so heißt der Mann, hat Erfahrung, ist gebildet und weltläufig, kurz, er fasziniert sie so sehr, dass sie ihre offensichtliche Frigidität überwindet und mit ihm schläft. Was nichts anderes als ein erfreuliches stilles Verhältnis zwischen Herrin und Butler werden könnte, lässt August Strindberg jedoch zu einer zutiefst nordischen Tragödie auswachsen. Julie fühlt sich dreckig, entehrt und erniedrigt. Kristin ist eine Angestellte und quasi Verlobte von Jean. Nolens volens wird sie Zeugin des Geschehens, bekommt die plumpen Annäherungsversuche ihrer Chefin mit und ist auf ihren Freund wegen dessen Reaktion gar nicht allzu böse. Vielmehr versucht sie, den ihr zustehenden Mann wieder für sich zurück zu gewinnen.

Sarah Viktoria Frick (Kristin), Maresi Riegner (Julie) © Susanna Hassler-Smith

Sie scheint es sogar zu genießen, wenn Julie ob ihres Ausrutschers in tiefe gesellschaftliche Gefielde immer mehr der Hysterie verfällt. Jean hat Träume. Er will in der Schweiz ein Nobelhotel eröffnen. Julie, die ihm mittlerweile hörig ist, entwendet das Geld ihres Vaters und wäre bereit, mit ihm zu fliehen. Den Schlussstrich zieht aber der Tod, den das gefallene Fräulein als einzigen Ausweg sieht.

 

Ein Badezimmer wird im Akademietheater zum Schauplatz dieser tragisch endenden Beziehungskiste. Nicht einmal ein Vollbad kann Julie vom Makel dieses jedem Standesbewusstsein spottenden Geschlechtsverkehrs reinigen. Daran dürfte Regisseurin Mateja Koležnik gedacht haben, wenn sie die drei Darsteller hinter einer Glaswand zwischen Waschbecken, Wanne und Klomuschel agieren lässt. Sarah Viktoria Frick als Kristin ist eifrig dabei, das Bad zu putzen.

Die von ihr verkörperte Dienerin wächst über sich hinaus und ist zweifellos die weit stärkere der beiden Frauen, stärker auch als der zwischen ihnen stehende Mann. Jean (Itay Tiran) versucht seine Qualitäten als Liebhaber auszuspielen, wenn er auch lange glaubhaft zögert, den Avancen seiner Herrin nachzugeben. Aber wer würde nicht schwach, wenn ein nobles Fräulein wie Julie ihm ans Hosentürl geht. Hätte er ahnen können, wie sich diese Dame nach gehabtem Liebesakt aufführt? Maresi Riegner zieht alle Register einer von ihrer Geilheit überrumpelten Frau. Wenn sie sich aus dem Sumpf zu ziehen versucht und Jean entgegenschleudert: „Knecht bleibt Knecht!“, muss sie es akzeptieren, wenn er mit „Und Hure bleibt Hure!“ kontert. Sie wimmert, kriecht zu seinen Füßen und ist streckenweise nicht in der Lage, einen vernünftigen Satz sagen. Sie könnte einem Leid tun, wäre uns heute das Problem von adeligem Standesdünkel nicht wurscht. Trotzdem ist der Abend in all seiner Breite, die ihm von der Inszenierung her gewährt wird, kurzweilig und stellenweise sogar spannend.

Maresi Riegner (Julie), Itay Tiran (Jean) © Susanne Hassler-Smith

Der Leichenverbrenner in seinem Krematorium © Matthias Horn

DER LEICHENVERBRENNER Die seltsame Wandlung des Karel Kopfrkingl

Michael Maertens, Nikolaus Habjan © Matthias Horn

Leute mit schweren Krankheiten brennen nicht gut...

Wie ist es doch fein, eine intakte Familie zu haben! Karel Kopfrkingl ist mit einer hübschen Frau verheiratet und hat zwei Kinder im Teenageralter, auf die er stolz sein könnte. Als selbsternannter Romantiker lässt er sich daheim Roman nennen und die Gattin wird statt Marie mit dem Kosenamen Lakmé, nach der Tochter des Brahmanenpriesters, gerufen. Karel bzw. Roman ist nämlich Opernfan. Den vorbildlichen Gatten und Vater stört lediglich, dass sein Sohn Gedichte liest – er selbst begnügt sich mit einem Buch über Tibet und den Dalai Lama – und in seinen Augen ein ängstlicher Weichling ist und die Tochter Lippenstift verwendet. Sein Beruf ist allerdings ungewöhnlich. Er verdient sein Gehalt im Krematorium. Seine große Leidenschaft ist das Kremieren, also das fachgerechte Verbrennen der Leichen. In diesem Punkt kann dem erklärten Abstinenzler niemand das Wasser reichen. Sein Ideal ist die Asche, zu dem Menschen infolge der sauberen Feuerbestattung zerfallen. Seine unerschütterliche Überzeugung lautet daher auch: Staub ist die Antithese von allem. Karel hat zweifellos ein gutes Herz.

Der Leichenverbrenner Ensemble © Matthias Horn

Mit zwei in eine Notlage abgerutschten Bekannten teilt er sogar die Provision, um sie als Helfer anstellen zu können. Noch stört es ihn nicht, dass sie Juden sind. Er mag auch den jüdischen Hausarzt, aber nur so lange, bis Willi auftaucht, ein Kamerad aus dem Ersten Weltkrieg. Der Deutsche ist längst Nazi und löst in Karel eine gespenstische Wandlung aus, die in einer sauberen Endlösung für seine halb und vierteljüdischen Familienangehörigen (Marie hatte einen jüdischen Elternteil) mündet.

Das ungleiche Paar, geführt von Alexandra Henkel und Sabine Haupt © Matthias Horn

Der tschechische Schriftsteller Ladislav Fuks (1923-1994) setzt die Handlung dieser Geschichte in den Jahren 1938 und 1939 an. Romanautor Franzobel hat den Roman dramatisiert und diese düstere Erklärung eines heute unbegreiflichen Sinneswandels von bis dahin biederen Bürgern zu Werkzeugen einer Todesmaschinerie makaber anschaulich, wenn auch schwer nachvollziehbar für die Bühne aufgearbeitet. Als Regisseur wurde für das Akademietheater Nikolaus Habjan gewonnen.

Mit dessen Monsterpuppen wird das Geschehen noch um ein Vielfaches eindringlicher. Nebenbei ersparen sie Personal auf der Besetzungsliste. Es genügen vier Darsteller, die gleichzeitig Puppenspieler sind und von realen Menschen wie Familienangehörige zu skurrilen, von fremder Hand geführten Zeitgenossen werden. Manuela Linshalm, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt und Alexandra Henkel erscheinen als Hausarzt, Angestellte im Krematorium und als gegensätzliches Paar. Er ist unerschütterlicher Optimist, sie ahnt bereits die sich anbahnende Katastrophe. Nikolaus Habjan selbst hat die Gestalt des Hakenkreuz-Armbinde tragenden Willi übernommen.

Schauplätze sind u. a. der Zoo, das Wachsfigurenkabinett, das adrette Wohnzimmer von Familie Kopfrkingl und eben das Krematorium, dem Reich, in dem ein großartiger Michael Maertens, umgeben von Särgen, die kruden Philosophien seines Karels grinsend in monotonen Monologen entwickelt. Man kennt Leute wie diesen Leichenverbrenner, denen die Welt offenbar alles Glück geschenkt hat und mit denen man dennoch nichts zu tun haben möchte, weil ihre Freundlichkeit nichts als Maske ist.

Michael Maertens nach getaner Hinrichutung seiner Lieben © Matthias Horn
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