Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Rupert Steiner: Außenansicht des Künstlerhauses

THE BEGINNING Als Avantgarden NS-Gespenster überwanden

Gottfried Helnwein Der höhnische Arzt, 1973 © Bildrecht, Wien, 2020

Der international bemerkenswerte Aufbruch österreichischer Kunst zwischen 1945 bis 1980

Laut Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Albertina, soll die Ausstellung „The Beginning“ als längst fällige kultische Reinigung des Künstlerhauses gesehen werden. In diesem Haus feierte die Schandausstellung der „Entarteten Kunst“ im Dritten Reich ihre letzte Station. Das Schicksal dieses im Historismus gestalteten Gebäudes war in den Jahren danach wechselhaft, teils gab es großartige Ausstellungen wie Hans Holleins Inszenierungen „Türken vor Wien, Traum und Wirklichkeit. Wien 1870-1930“ sowie „Zauber der Medusa. Europäische Manierismen“ von Werner Hofmann, dann kehrte wieder Ruhe ein, lediglich unterbrochen vom heutigen Wien Museum und anderen Veranstaltern, die diese der Kunst gebotenen großzügigen Möglichkeiten nutzten. In den letzten Jahren waren einige der Räume kleinen Präsentationen des Vereins Künstlerhaus und diversen Events vorbehalten, das Haus selbst verbarg sich hinter einem scheinbar zur Fassade gehörenden Gerüst – bis zum überraschenden Verkauf der Sammlung Essl.

VALIE EXPORT Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001 © Bildrecht, Wien, 2020

Als sie das eigens für sie kreierte Museum in Klosterneuburg verloren hatte, wurde das Künstlerhaus neu entdeckt. Hans Peter Haselsteiner, dessen finanzieller Einsatz den geschlossenen Weiterbestand der Sammlung ermöglichte, entwickelte gemeinsam mit Familie Essl und Klaus Albrecht Schröder die Vision, zusammen mit den zeitgenössischen Beständen der Albertina ein eigenes Museum für moderne Kunst zu gründen. Als Location, die allerdings noch einigen Aufwands an Renovierung bedurfte, bot sich das Künstlerhaus am Karlsplatz an, das ab nun neben der Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs die prächtige Heimstätte für ALBERTINA MODERN ist.

Florentina Pakosta Große Hand mit gespreizten Fingern ALBERTINA, Wien © Bildrecht, Wien, 2020

Bis 8. November 2020 lädt der „Laufende Klemmer, 1970“ ein, ihm unter dem doppelsinnigen Titel „The Beginnung“ zum einen in die erste Ausstellung der ALBETINA MODERN zu folgen, zum anderen den Neubeginn der „Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ in seiner faszinierenden Vielfalt zu erleben. So ist es unmöglich, von einer Avantgarde im Singular zu sprechen. Es sind etliche Avantgarden, die in der Nachkriegszeit mit ihren Werken die Öffentlichkeit heilsam zu schockieren wussten. Über aller Diversität der jeweiligen Richtungen stand die gemeinsame radikale Auflehnung gegen Autorität und Hierarchie, die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines in vielen Köpfen fest verankerten reaktionären Kunstverständnisses.

So steht man gleich nach dem Betreten dem Phantastischen Realismus gegenüber. Die Bilder von Rudolf Hausner oder Ernst Fuchs sind trotz ihres düster symbolhaft verklausulierten Inhalts noch keine Konfrontation. Für den wahren Aufruhr sorgten nicht zuletzt die Wiener Aktionisten von Otto Mühl über Hermann Nitsch bis Günter Brus. Weniger provokant als heiß diskutiert waren die Abstrakten wie Wolfgang Hollegha oder Markus Prachensky, während die Übermalungen eines Arnulf Rainer vielfach verständnisloses Kopfschütteln ernteten, bis auch der letzte Kritiker einsehen musste, dass seine Einstellung dazu der internationalen Anerkennung weit hinterher hinkte. Als überzeugte Realisten gab es den kraftvollen Bildhauer Alfred Hrdlicka, dessen Skulpturen Hauptwerken von Joannis Avramidis oder Bruno Gironcoli gegenübergestellt sind, und den Maler Gottfried Helnwein, der die zynischen Schattenseiten der Wirklichkeit fast unerträglich offenlegte.

Christian Ludwig Attersee Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967 © Bildrecht, Wien, 2020

Sie lebten durchaus gut mit dem Spott von Vertretern der Art Brut wie Franz Ringel oder Peter Pongratz, die ihrerseits das gewaltige Potential der Werke von Gugginger Künstlern, u. a. Oswald Tschirtner oder August Walla, einer staunenden Kunstwelt nahebrachten. Dazwischen wirkten Einzelgänger wie Friedensreich Hundertwasser oder die in ihrer Selbstdarstellung äußerst ungnädige Maria Lassnig. Aber nicht nur sie thematisierte den Kampf der Geschlechter. Zu ihrer Zeit ungemein populär war VALIE EXPORT, deren Tattoo in Form eines Strapses auf dem Oberschenkel auch hier nicht fehlen darf. Sie war Mitbegründerin der feministischen Avantgarde mit Renate Bertelmann oder Birgit Jürgenssen, in der Frauen den Männern die Präsentation ihrer Weiblichkeit entrissen.

Die Eröffnungsausstellung der ALBERTINA MODERN hat sich damit nichts Geringeres vorgenommen als die Definition eines Kanons der österreichischen Kunst der Nachkriegsjahrzehnte. Sie zeigt insgesamt fast 100 Kunstschaffende dieser sich über drei Jahrzehnte spannenden Epoche an der Schwelle zur Postmoderne. Das Stürzen der Kunstideale von Ständestaat und Nationalsozialismus sowie die internationale Vernetzung aller richtungsweisenden Protagonisten sind bislang oft vernachlässigte Kennzeichen dieser Wiener Avantgarden.

Das Konzept dieser Ausstellung und die Auswahl der gezeigten Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Installationen wurden von einem Ausstellungsteam unter der Leitung von ALBERTINA Generaldirektor Prof. Dr. Klaus Albrecht Schröder gemeinsam erarbeitet. Neben diesem Kuratorenteam, dem Dr. Brigitte Borchhardt Birbaumer, Dr. Elisabeth Dutz, Dr. Berthold Ecker, Dr. Antonia Hoerschelmann und Dr. Angela Stief angehören, haben weitere Autoren zum umfangreichen Katalog der Ausstellung beigetragen.

Franz Ringel Brief an meine Freunde in Wien, 1973 ALBERTINA, Wien – The ESSLCollection © Franz Ringl
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