Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Tanzbild, Ausstellungsansicht

Tanzbild, Ausstellungsansicht

TANZBILD Gefrorene rhythmische Bewegungen

Rudolf Jobst Berta, Elsa und Grete Wiesenthal © Albertina

Rudolf Jobst, Berta, Elsa und Grete Wiesenthal im Lanner-Schubert-Walzer, 1908 ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft

Fotografien aus der Sammlung der Albertina von 1860 bis 1940

Die Magie des Tanzes auf eine Fotografie zu übertragen, ist bis heute eine beachtliche Herausforderung. Obwohl die Bildsensoren moderner Kameras extrem kurze Verschlusszeiten bieten, ist und bleibt es eine Aufgabe des Blicks und der jeweiligen Reaktionsfähigkeit, den Solisten im kraftvollen Sprung oder die Primaballerina in scheinbarer Schwerelosigkeit über dem Corps de ballett schweben zu lassen. Nur wenige verfügen über dieses Können. Daran hat sich seit dem Beginn der Fotografie nichts geändert. Am Beginn musste man sich in den nur mit Tageslicht ausgestatteten Ateliers mit gestellten Posen begnügen. Aber schon in den 1870er-Jahren schufen technische Errungenschaften die Möglichkeit, Tanz in Bewegung auf Platte zu bannen. Es war mühsame Pionierarbeit, bis einzelne Abläufe festgehalten werden konnten und damit in faszinierender Weise das menschliche Auge ergänzt und in seiner Wahrnehmung übertroffen wurde. Ergebnisse waren Dokumentationen der verschiedenen Stile des Tanzes, von künstlerischen Gesten über klassisches Ballett bis zur Dynamik des ländlichen Tanzes im Freien; Stars wurden auf die Titelseiten von Magazinen gedruckt und Revuen buhlten mit lasziv die Beine hoch schmeißenden Mädchen um ihr Publikum.

 Frédéric Boissonnas Dem Ideal entgegen: Tanzende junge Frauen, 1910/Abzug 1912 ALBERTINA
Charlotte Rudolph Mary Wigman in „Raumgestalt“ aus dem Zyklus „Visionen“, 1928 ALBERTINA, Wien

o.: Charlotte Rudolph Mary Wigman in „Raumgestalt“ aus dem Zyklus „Visionen“, 1928 ALBERTINA, Wien © Bildrecht, Wien 2026

l.: Frédéric Boissonnas Dem Ideal entgegen: Tanzende junge Frauen, 1910/Abzug 1912 ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt

Mit „Tanzbild“ (bis 7. Juni 2026) wird in der Albertina Modern ein wahrhaft ausführlicher Überblick über diese Entwicklungen geboten. Nahezu alle der gezeigten Objekte stammen aus der Fotosammlung der Albertina und aus der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt oder aus dem Bestand der Dauerleihgaben der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Die meist kleinformatigen Arbeiten werden mit Videos und dadurch mit bewegten Bildern ergänzt. An der Kamera waren sowohl Männer als auch Frauen tätig: Erwin Blumenfeld, Atelier d´Ora, Hugo Erfurth, Trude Fleischmann, Rudolf Koppitz, Lisette Model, Charlotte Rudolph oder Anton Josef Trčka. Sie lichteten legendäre Größen wie Josephine Baker, Isadora Duncan, Sebastian Droste, Anna Pawlowa, Harald Kreutzberg und die Schwestern Wiesenthal ab und sicherten ihnen quasi für die Ewigkeit einen Fixplatz in der Ruhmeshalle des Tanzes.

Unterbrochen wird die Promenade des Schauens von kurzen Wandtexten mit einer Menge an Wissenswertem. Zu erfahren ist, dass 1903 Frédéric Boissonnas auf der Akropolis in Athen mehrere hundert gestochen scharfe Aufnahmen der sogenannten „Traumtänzerin“ Magdaleine Guipet schuf. Aneinandergereiht wird eine sequenzielle Bewegung suggeriert, wenngleich die einzelnen, angeblich unter Hypnose ausgeführten Gesten eingefroren wirken, aber frühe Zeugnisse des neuen freien Tanzes sind. Oder: Der Maler Victor Krämer arrangierte und fotografierte sein Modell als Vorlage für das Gemälde „Nymphentanz“ (1894) gleich selber. Weiters: Um 1900 gab es eine Reformbewegung, die eng mit dem Jugendstil verbunden war. Tänzerinnen wurden im Pas de deux zu flatternden Schmetterlingen und zur Inspirationsquelle der Secession, etc. Zur weiteren Vertiefung der im Untergeschoss des Künstlerhauses eingerichteten Schau tragen ein Katalog mit ausführlicher Bebilderung und ein Rahmenprogramm mit einer Reihe öffentlicher Führungen bei.

 Charlotte Rudolph Die Tänzerin Gret Palucca, 1924 ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe

Charlotte Rudolph Die Tänzerin Gret Palucca, 1924 ALBERTINA, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Bildrecht, Wien 2026

Marina Abramović , Sleeping Under the Banyan Tree, 2010, © Courtesy of the Marina Abramović Archives

Marina Abramović , Sleeping Under the Banyan Tree, 2010, © Courtesy of the Marina Abramović Archives / Bildrecht, Wien 2025

MARINA ABRAMOVIĆ Was alles ein weiblicher Körper erträgt

Marina Abramović, Ausstellungsansicht

Marina Abramović, Ausstellungsansicht

Eine Performerin geht in ihrer Kunst an die Grenzen emotionaler, physischer und spiritueller Erfahrungen.

Geboren wurde Marina Abramović 1946 in Belgrad in einem von Tito regierten Jugoslawien. Ihre Eltern wurden aufgrund ihres Einsatzes im Partisanenkrieg gegen die deutsche Wehrmacht als Helden gefeiert und mit Staatsämtern belohnt. Marina erlebte damit als Kind hautnah die Zwänge der kommunistischen Ideologie, die einerseits körperliche Disziplin und andererseits ein Aufgaben eigner Meinungen forderte. Umso erstaunlicher ist, dass die heranwachsende Frau sich der Kunst des freien Westens zuwandte. Sie suchte nach der Nische, die in diesen Jahren noch nicht von meist männlichen Malern und Bildhauern besetzt war. Es war die Performance, der Einsatz des eigenen, vor allem weiblichen Körpers, der ihr die Aufmerksamkeit der Kunstwelt ermöglichte. Ähnlich wie im Wiener Aktionismus war damit eine extreme Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst verbunden, mit Schmerz, totaler Erschöpfung und realer Lebensgefahr.

Marina Abramović The Hero, 2001 © Courtesy of the Marina Abramović Archives / Bildrecht, Wien 2025

Marina Abramović The Hero, 2001 © Courtesy of the Marina Abramović Archives / Bildrecht, Wien 2025

Mit „Balkan Baroque“ war Abramović 1997 auf der Biennale in Venedig vertreten. Vier Tage lang je sechs Stunden saß sie auf einem Berg aus 1.500 blutigen Rinderknochen und reinigte diese mit Wasser und Bürste von Fleischresten. Dabei sang sie jugoslawische Volkslieder und Totenlieder. Alles zusammen ist eine schwer beeindruckende Metapher für den damals in ihrer Heimat herrschenden Krieg, der vom Zerfall Jugoslawiens ausgelöst worden war. Ihr Resümee: „Auch wenn ich versuche, die Knochen zu reinigen, ist es unmöglich, das Blut von den Händen zu waschen.“ Mit „The Hero“ hat die Künstlerin 2001 eine Hommage an ihren im Jahr davor verstorbenen Vater geschaffen. In einem Video sitzt sie, in die Ferne starrend, auf einem weißen Pferd und hält eine weiße, im Wind flatternde Flagge.

Weiß ist hier die Farbe des Todes. Im Kopfhörer ist die von einer Frau gesungene, später verbotene Nationalhymne aus der Zeit Titos zu hören. Vor der Projektion finden sich in einer Vitrine persönliche Erinnerungsstücke und Fotografien, von denen eine ihren Vater bei einer Siegesparade in stolzer Reiterpose zeigt.

Marina Abramović, Ausstellungsansicht

Marina Abramović, Ausstellungsansicht

Marina Abramović Lips of Thomas, 1975 © Courtesy of the Marina Abramović Archives / Bildrecht, Wien

Marina Abramović Lips of Thomas, 1975 © Courtesy of the Marina Abramović Archives / Bildrecht, Wien 2025

Dieses emotional hoch aufgeladene Statement ist das Plakatmotiv einer gewaltigen Retrospektive für Marina Abramović, die in der Albertina Modern in Kooperation mit dem Bank Austria Kunstforum bis 1. März 2026 deren teils bereits legendäre Auftritte intensiv erleben lässt. Einige der historischen Performances werden live nachgestellt. So stehen ein Mann und eine Frau (trainiert in der mental und körperlich anspruchsvollen „Abramović Method“) in einem Türrahmen einander nackt gegenüber. Will man auf die andere Seite gelangen, muss man sich, die natürliche Scheu vor unwillkürlichen Berührungen unterdrückend, dazwischen durchzwängen.

Ursprünglich war es der Eingang eines Museums in Bologna, wo sie mit ihrem langjährigen Partner und Lebensmenschen Ulay (Frank Uwe Laysiepen) als „Grundpfeiler des Museums“ agierte und die Erfahrung des Eintritts in eine neue Welt, in die der Kunst, vermitteln wollte. Der Titel „Imponderabilia“ (nicht einschätzbar) spielt auf das individuell unterschiedliche Erlebnispotential angesichts der ausgestellten Werke an. Dazu kommt die Idee der Verschmelzung von männlich und weiblich zur symbolischen Entstehung eines Hermaphroditen, der jedoch mit der Trennung 1988 begraben wurde. 2002/2005 übernahm den männlichen Part ein Skelett, das mit Abramović intimen Kontakt pflegt. „Nude with Skeleton“ ist eine der zahlreichen Stationen, die von Kuratorin Bettina M. Busse im Künstlerhaus als Mutproben vor unerwarteten Begegnungen aufgebaut wurden. Sie alle sind irritierend und fesselnd, zugleich aber ein umfassender Überblick über ein mehr als fünf Jahrzehnte umspannendes Werk einer Pionierin der Perfomance, die nicht zuletzt dank ihr zu einer anerkannten Ausdrucksform innerhalb der bildenden Kunst aufgestiegen ist.

Portal, 2022 Selenit, Stahl, Aluminium, LED, 274 × 152 cm

Portal, 2022 Selenit, Stahl, Aluminium, LED, 274 × 152 cm

Albertina Logo 350

Statistik