Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gilbert & George Bloody People, 1997

DIE SAMMLUNG ESSL Erste Einblicke in eine gewaltige Fülle an Kunst

Annette Messager Gonflés, dégonflés, 2005/2006

Die vielfältige Welt zeitgenössischen Kunstschaffens spannend in einer Ausstellung vereint

Die Werke scheinen sich auch in ihrer neuen Umgebung wohlzufühlen. Freilich, der zeitgemäße Palast in den Donauauen bei Klosterneuburg wurde ihnen mehr gerecht und es war ein Vergnügen, in wechselnden Ausstellungen die neusten Erwerbungen des Sammlerpaares Agnes und Karlheinz Essl in den Licht durchfluteten Räumen des Essl-Museums zu entdecken, zu kritisieren und letztlich doch auch zu bewundern. Nun sind sie Kellerkinder geworden, die Gemälde, Skulpturen und Fotos, wenn sie in den Untergeschossen des altehrwürdigen Künstlerhauses dem Publikum präsentiert werden. Offenbar um die Internationalität des Gezeigten zu betonen, hat man sich in der ALBERTINA unter der Leitung von Klaus Albrecht Schröder zu einem englischen Titel entschlossen. „The Essl Collection“ ist Ausdruck für einen winzigen Ausschnitt der Sammlung, der bis 14. März 2021 ebendort zu sehen ist.

Cindy Sherman Untitled #412, 2003 ALBERTINA, Wien – The ESSL Collection © Cindy Sherman

Die 130 Werke, teils aus der Schenkung an die ALBERTINA, teils aus der Dauerleihgabe der Familiensammlung Haselsteiner geben Einblicke in die künstlerische Vielfalt und wie es so schön heißt, in den geographisch weiten Horizont, die Multimedialität der verschiedenen Arbeiten und – vor allem – die Qualität, für die Namen wie Dieter Roth, Heimo Zobernig, Gilbert und George, Lassnig oder Baselitz bürgen.

Georg Baselitz Hockender Hund, 1969 ALBERTINA, Wien – The ESSL Collection © Georg Baselitz

Mit den Informationen gleich zu Beginn, die über die wundersame Geschichte dieser Sammlung erzählen, geht es hinein in Schauen und Staunen, was die beiden Kunstverrückten alles an Sehenswertem zusammengetragen haben. Das künstlerisch strenge Auge hatte wohl Agnes Essl, die ihren Mann 1958 in New York kennengelernt hat. Karlheinz war nach Amerika gereist, um das in Europa noch unbekannte Geschäftsmodell des auf Selbstbedienung basierenden Supermarkts zu studieren, während seine spätere Frau ebendort ihr Englisch perfektionieren wollte. Man begegnete einander, heiratete bald und tauchte gemeinsam ein in die Kunstszene New Yorks, der neuen Kunsthauptstadt der Welt, und fing Feuer an amerikanischen und bald auch an weiteren internationalen Kunstsammlungen. 15 Jahre später nahm die eigene Sammeltätigkeit Gestalt an. Wichtig war dabei dem Paar stets der direkte Kontakt zu den Künstlern.

Besuche von Ateliers und Studios brachten bald Freundschaften mit bedeutenden Kunstschaffenden wie Peter Pongratz und Franz Ringel, Jörg Immendorf, Albert Oehlen, Alex Katz oder Georg Baselitz. Das eigene Unternehmen „Baumax“ expandierte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs über die Grenzen hinaus und erweiterte damit den Horizont und die Möglichkeit, in bis dahin noch als künstlerisches Neuland geltende Gefilde vorzudringen. Gesammelt wurde in die Tiefe, ganze Werkblöcke wurden angekauft, immer mit dem offenen Blick für das Neue, das Andere, das in seiner Erscheinung geeignet ist, traditionelle Vorstellungen einer Ästhetik des Schönen herauszufordern.

 

Ein großes Plus bei Gestaltung dieser Ausstellung sind unscheinbare, aber wichtige Begleittexte bei jedem Werk. Man kommt damit dem Besucher entgegen, der, ohne ein Trottel zu sein, möglicherweise ratlos vor einer verrückten Installation oder einem abstakten Gemälde steht.

Gut verständlich für den Laien wird darin erklärt, was hinter dem auf den ersten Blick unverständlichen Gebilde steckt und was sich der Künstler bei diesem Opus gedacht haben könnte. Damit öffnet sich schlagartig ein Zugang zu einer fallweise recht sperrigen Materie. Mit dem Verständnis wird gleichzeitig Nachdenklichkeit generiert. So ist es nicht ausgeschlossen, dass vor den von Licht und Ausdruck her unheimlich starken Fotografien von Philip-Lorca diCorcia eine Diskussion über die Bedeutung von Persönlichkeitsrechten versus Freiheit der Kunst entbrennt. Die anonymen Porträts wurden am New Yorker Times Square ohne das Wissen der Abgelichteten geschossen. Einer der heimlich Fotografierten verklagte den Fotografen wegen Verletzung der Privatsphäre. Den Prozess gewann der Künstler, da Street-Fotos, so wurde argumentiert, anders nie zum Kunstwerk werden könnten und die belangte Vorgangsweise eine unabdingbare Voraussetzung für den jeweiligen Schaffensprozess darstellt.

Fang Lijun 2004.9.30, 2004 © Albertina, Wien - The Essl Collection
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