Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Félix Vallotton Die Weiße und die Schwarze © Foto: Reto Pedrini, Zürich

SAMMLUNG HAHNLOSER Van Gogh, Cézanne, Matisse

Vincent van Gogh Das Nachtcafé in Arles Foto: Reto Pedrini, Zürich

Die spannenden Wege der französischen Moderne in die Schweiz

Vielleicht liegt es daran, dass Bern geographisch der Kunsthauptstadt Paris näher liegt als Wien. Direktor Albrecht Schröder von der Albertina ist jedoch überzeugt, dass es das Fehlen fürstlicher Sammlungen ist, weswegen die Eidgenossen sich eher nach Westen gewandt haben und aus ihrem Land ein Zentrum der klassischen französischen Moderne geschaffen haben. Der Anfang liegt nicht allzu weit in der Vergangenheit zurück. In der Blütezeit der Avantgarden begannen Arthur und Hedy Hahnloser in Winterthur im Kanton Zürich eine umfangreiche Sammeltätigkeit. Basis war wie schon zuvor bei Hedys (damals noch Bühler) Aufenthalten als aufstrebende Künstlerin in München und persönlichen Kontakten zur Maler-Vereinigung „Allotria“ um Franz Lembach und Mitgliedern der Münchner Sezession, u. a. Wassily Kandinsky, Alfred Kubin oder Franz Marc. Nach der Hochzeit 1898 richteten sich die Begehrlichkeiten des Ehepaares nach Paris und auf die dort pulsierende Kunstszene.

Pierre Bonnard Palais de Glace Privatsammlung

Mit Félix Vallotton, Henri Manguin, Pierre Bonnard und Henri Matisse wurde intensiver Umgang gepflogen, der ihnen auch Zugang zu Werken von Renoir, van Gogh, Gauguin, Cézanne und Toulouse-Lautrec eröffnete. An die 500 Gemälde, Papierarbeiten und Plastiken füllten zunächst das Wohnhaus des Augenarztes und der gelernten Malerin. Eingebracht wurde der Schatz schließlich in die Stiftung Hahnloser/Jaeggli. 1916 wurde in Bern ein Kunstmuseum eingeweiht, das mit Fug und Recht als Zentrum der schweizerischen und französischen Moderne genannt werden darf. Der zweite Zugang moderner Kunst in die Schweiz erfolgte kurioserweise während der Nazizeit. Entartete Kunst wurde vom Deutschen Reich zum Kauf angeboten und so vor Zerstörung gerettet.

Édouard Vuillard Damespiel in Amfréville, 1906 Privatsammlung, Schweiz

Die Propter Homines Halle in der Albertina ist nun bis 24. Mai 2020 Schauplatz einer sensationellen Auswahl aus dieser Sammlung, behutsam ergänzt mit Beständen der Albertina und der Sammlung Batliner, die in einem Stockwerk darüber als permanente Schausammlung eingerichtet ist. In der Schweiz ist man, wie Kurator Dr. Matthias Frehner betont, ungemein stolz darauf, eine Essenz der Sammlung Hahnloser ausstellen zu dürfen. Die Freude beruht ganz auf Gegenseitigkeit.

Wann gibt es schon die Möglichkeit, unmittelbar vor Vincent van Goghs „Das Nachtcafé in Arles“ zu verweilen oder über „Die Dächer“ mit den Augen eines Paul Cezanne blicken zu können. Seltsam berührend ist die pralle Nacktheit der Europa, die Félix Valloton in den Fluten der Ägäis verzweifelt an den Stier klammern lässt, oder das Rätselraten um Odilon Redons „Angelika und der Drache".

Entspannung pur bietet der „Akt unter Bäumen“ von Henri Manguin, dessen Schöne dem Betrachter im Halbschatten kühl den Rücken zukehrt. Claude Monet vermittelt das beängstigende Gefühl eines „Sturms auf offener See“, vor dem man sich gerne mit wenigen Schritten in das Boudoire der „Rothaarigen Frau“ von Henri Toulouse-Lautrec rettet. Mit dem programmatischen Blick ins Unendliche, den Ferdinand Hodler fünf Frauen vor einem gewölbten Horizont in die Gesichter gemalt hat, wird der Besucher wieder in die Gegenwart zurück geführt, um die gewaltige Fülle an malerischer Pracht in sich zu verankern.

Paul Cézanne Die Dächer, 1876/77 © Foto: Reto Pedrini, Zürich
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