Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Peter Doig Echo Lake, 1998 © Tate

Peter Doig, Echo Lake, 1998 © Tate

EDVARD MUNCH und die den Schrei vernommen haben

Edvard Munch, Frauen im Bad, 1917 Foto: Munchmuseet/Ove Kvavik

Edvard Munch, Frauen im Bad, 1917 Foto: Munchmuseet/Ove Kvavik

Sieben Kunstschaffende der Gegenwart im Dialog mit dem norwegischen Künstler

Über 60 Werke wären allein schon eine tiefe Verbeugung von Edvard Munch (1863-1944), der uns über den Schrei in seinen zig Fassungen auf die abgründige, Angst machende Seite unsers Daseins führt. Seine Madonna ist keine bleiche, in Frömmigkeit gebeugte Mutter Gottes. Vielmehr schaut die Frau mit entblößtem Busen den Betrachter herausfordernd an, zur Sünde verleitend, wenn ihre Umgebung nicht gar so trist, dunkel und unheimlich wäre. Ängstlich in sich verschränkt sitzt ein Mädchen nackt auf einem Bett, als Prototyp der pubertierenden Jugend und dennoch als Versuchung, sich an dem schutzlos ausgelieferten mageren Körper zu vergreifen. Wenn sich Munch selbst dargestellt hat, musste der Tod mit aufs Bild, wie im Selbstporträt mit Knochenarm; genauso wie der Schlafwandler, der blind durch die Nacht stolpert und deutlich die Züge des Malers zeigt. Der Erfolg, der sich ab den frühen 1920er-Jahren eingestellt hat, findet keinen Widerschein in seinen Arbeiten. Er selbst bleibt ein Einsiedler, trotz der in seinen Bildern evidenten Utopie nach der Frau, dem Idealbild, für das er sogar Farben intensiver Leuchtkraft auf seiner Palette entdeckt, mit dem Pinsel fotografische Techniken wie Mehrfachbelichtung einsetzt oder im Kuss die beiden Protagonisten in eins verschmelzen lässt, und die sich dennoch nie erfüllt, sondern in der Depression einer melancholischen Winterlandschaft ihren Ausdruck findet.

Edvard Munch Straße in Aggsgardstrand, 1901 © Kunstmuseum Basel, Martin P.Bühler

Edvard Munch Straße in Aggsgardstrand, 1901 © Kunstmuseum Basel, Martin P.Bühler

Andy Warhol Madonna and Self-Portrait © Michal Tomaszewicz

Andy Warhol Madonna and Self-Portrait © Michal Tomaszewicz

In erster Linie waren es die späten Werke, die in der Gegenwart auf gewaltige Resonanz gestoßen sind. Sieben Stars der bildenden Kunst wurden ausgewählt, um die weitreichende Rezeption Munchs in der zeitgenössischen Kunst zu dokumentieren. Entstanden ist ein Dialog, in den man bis 19. Juni 2022 in der Jahn Galerie und der Tietze Galerie der Albertina eintreten kann. Sollte man selbst ratlos nach Entsprechungen suchen, geben Wandtexte die erforderlichen Hinweise, um die oft gut versteckten Querverbindungen zu erkennen. Die drei weiblichen Positionen drehen das für Munch gestörte Verhältnis zwischen Mann und Frau radikal um. Für die südafrikanische Malerin Marlene Dumas ist das pessimistische Weltbild Munchs nicht nur Grundlage für das Einzelschicksal, sondern ein Symbol für die Unterdrückung des Menschen (klarerweise durch den Mann) an sich, die sie in dem wohl nie zu lösenden Konflikt zwischen ihm und ihr, aber auch zwischen Schwarz und Weiß ortet. Miriam Cahn sieht ihre Sendung darin, die Welt aufzurütteln. Auf ihren Bildern treiben am Grund des Meeres die Leichen von Migranten, die von Schleppern samt ihren wahnsinnigen Erwartungen in ein goldenes Europa auf Seelenverkäufern ins Mittelmeer entlassen werden. Selbstverständlich hadert auch sie mit dem Bösen an sich, gemeint ist der Mann, indem sie ihre Figuren sich kraftvoll gegen Verfolgung, Aggression und Machtausübung zur Wehr setzen lässt. Die dritte der Frauen ist Tracey Emin, die ihre Reverenz zu Munch u. a. in einem Kurzfilm umgesetzt hat, mit einer auf einem Steg kauernden Frau (sie selbst), die von Zeit zu Zeit einen markerschütternden Schrei ausstößt.

Marlene Dumas Evil is Banal, 1984 © Marlene Dumas

Marlene Dumas Evil is Banal, 1984 © Marlene Dumas

Georg Baselitz Ekely, 2004 Foto: Jochen Littkemann © Georg Baselitz

Georg Baselitz Ekely, 2004 Foto: Jochen Littkemann © Georg Baselitz

Seelische Erholung von all diesen niederschmetternden Anklagen ist Andy Warhol. „The Scream (after Munch)“ erscheint in einer Vielzahl von grellen (Neon-)Farben, ebenso Madonna und Selfportait oder der laszive Blick von Eva Mudocci, die allesamt einem psychedelischen Traum entsprungen zu sein scheinen. Warhol stellte dazu fest: „Ich staunte, dass alles, was ich tue, mit dem Tod zusammenhängt.“ Immer wieder mit Munch befasst hat sich auch Jasper Johns. Er übersetzt ihn in abstrakte Muster, wie er sie in der Kreuzschraffur der Decke auf dem Sterbebett des Malers gefunden hat. Peter Doig hat mit „Echo Lake“ 1998 eine Atmosphäre der Verzweiflung geschaffen, wie sie auch aus den Landschaftsbildern Munchs strahlt. Ein Gemälde des norwegischen Meisters komplettiert hat Georg Baselitz. In „Ekely“ (ein Wohnort von Edvard Munch) hat Baselitz 2004 das Selbstporträt des sitzenden Edvard mit dessen auf den Knien liegenden Händen und den Schuhen beginnend mit einem zerrissenen Abgrund erweitert. Der von ihm gewählte Farbauftrag in diesen Gemälden ist ebenso expressiv und übersteigert. Baselitz selbst gibt dazu die Auflösung: „Es gibt in Munchs Bildern eine Nervosität, eine Aggressivität, eine Spannung, die man vergleichen kann mit derjenigen in Geisteskranken-Bildern, etwas wahnsinnig Naives und Reißendes: Es zerrt immer.

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