Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Das Mädchen mit der Nelke  Wilhelm Leibl (Detail)

WILHELM LEIBL Gefühlvoller Realist der Seelenmalerei

Die Wildschützen  Wilhelm Leibl (Detail)

Einen großen Unbekannten kennenlernen dank schweizerisch-österreichischer Kooperation

„Gut sehen ist alles!“ war das Motto des 1844 in Köln geborenen Wilhelm Leibl und hat auch im Titel der ihm in der Pfeilerhalle gewidmeten Ausstellung (bis 10. Mai 2020) gefunden. Der junge Bursch konnte einfach hinreißend zeichnen und hat in München das Handwerk des Malers studiert. Seine Werke erregten sehr schnell Begeisterung, auch eines der Großen dieser Tage. Entdeckt wurde Leibl von Gustave Courbet, der ihn nach Paris einlud, um in der Hauptstadt der europäischen Kunst zu reüssieren. Im Jahr darauf erringt Wilhelm Leibl seine erste Goldmedaille im Salon. Die Kriegsereignisse 1870 zwangen ihn zur Rückkehr. Als passionierter Jäger und angetan von der Arbeit im Freien zieht er sich aufs Land zurück. Leibl wird zum „Bauernmaler“, der abseits vom gründerzeitlichen Kunstbetrieb der bayerischen Landbevölkerung liebevoll, aber kritisch bis zur Karikatur ins Gesicht schaut. 1877 entsteht das Genrebild „Die Dorfpolitiker“. Fünf in einer Ecke zusammen sitzende Bauern, jeder für sich ein ausgeprägter Typ, debattieren eine Gemeindesache anhand eines alten Katasters.

Mädchen mit weissem Kopftuch  Wilhelm Leibl

Wieder ist es Paris, das ihm dafür die Ehre erweist und Leibl zu einem durchschlagenden Erfolg verhilft. Er wird mehr und mehr als führender europäischer Realist wahrgenommen. Selbst Van Gogh zeigte sich von den „Drei Frauen in der Kirche“ tief berührt. Alle seine Bilder zeichnet die ungeschönte Wiedergabe der Wirklichkeit aus, seinen unbedingten Wahrheitsanspruch, nicht ohne jedoch auf die Zuneigung zu vergessen, die der Maler seinen Modellen gegenüber gefühlvoll sichtbar macht. Fast Verliebtheit des Künstlers in das Gegenüber strahlt das „Bildnis der Frau Apotheker Rieder“ (1893) aus, deren große Augen und der sinnliche Mund den Betrachter verführerisch herausfordernd in ihren erotischen Bann ziehen.

 

Die Ausstellung mit Leihgaben aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Tschechien, der Schweiz und den USA entstand in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich. Auf den leider etwas zu klein geratenen Wandtexten (für etwas schwächere Augen sind sie ohne Sehhilfe nicht lesbar, für die Lesebrille aber zu weit weg) wird Leben und Werk von Wilhelm Leibl Station für Station kommentiert. Angefangen von den Akademiejahren und ersten Kompositionen geht es zur Goldmedaille im Pariser Salon, über eine Schaffenskrise und die Pleinairmalerei bis zum Bauerngenre, das mit seinem Freund Johann Sperl im entlegenen Örtchen Kutterling, einem heute unter Denkmalschutz stehenden Dorf in Oberbayern, den idealen Platz gefunden hatte.

Hier gab es die sparsamen Lichtverhältnisse, wie sie in den Innenräumen der Bauernhäuser geherrscht haben, mit niedrigen Decken und kleinen Fenstern, aber auch die Landschaft, den eigentlichen Lebensraum dieser Menschen. Es sind zwei kleine, überschaubare Welten, die drinnen und die draußen, die Wilhelm Leibl aus diesen Jahren wiedergegeben hat, ohne Kompromisse, wie ein von ihm an einen jungen Landschaftsmaler gerichteter Ausspruch belegt: „ […] wenn Sie die Bilder nicht in der Natur fertigmachen, Wind, Wetter, Kälte und Nässe scheuen, dann lassen Sie es bleiben.

Die Dorfpolitiker  Wilhelm Leibl
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