Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Blick auf Wien von der Spinnerin am Kreuz  Jakob Alt © Albertina

STADT UND LAND Fünf Jahrhunderte Landschaftsmalerei

Alte Häuser in Krumau  Egon Schiele © Albertina

Von Albrecht Dürer über Bruegel, Rembrandt bis Alfred Kubin und Paul Klee

Was ersehnen sich die Menschen derzeit mehr als frei hinauszugehen und nach der dunklen Zeit ihre Welt, von der sie sich beinahe entwöhnt hatte, neu zu erleben. Dazu kommt die Lust auf Kultur, die Schritt für Schritt zurückkehrt. Um beide Wünsche erfüllen zu können, hat die Albertina einmal mehr ihre Schatzkammer geöffnet und 170 Landschaftsbilder aus fünf Jahrhunderten ausgewählt, um den Besuchern darin einen abwechslungsreichen Spaziergang unter dem Motto „Stadt und Land. Zwischen Traum & Realität “ (bis 22. August 2021) zu gewähren. Es wäre nicht Direktor Albrecht Schröder, wenn mit dieser Wohltat nicht ein kunsthistorisch-pädagogisches Programm verbunden wäre. Es geht um die Entwicklung der Landschaftsmalerei. Diese nimmt ihren Ausgang in der Neuzeit, in der mittelalterliche Goldhintergründe von einem noch bescheidenen Naturalismus abgelöst wurden; als Albrecht Dürer 1520 eine Ansicht der die Stadt Innsbruck in einem kleinen Aquarellen festgehalten hat.

Die große Fichte  Albrecht Altdorfer © Albertina

Gleichzeitig hat Erhard Altdofer eine Seelandschaft mit der Feder gezeichnet, während Jacopo de´Barbari sich bereits um 1500 an eine Ansicht von Venedig in der Vogelschau gewagt hat. Hat er sich noch an die Realität eines stilisierten Stadtplanes gehalten, ist Tizian mit „Arkadischer Landschaft mit Hirten“ bereits in idealisierte Idylle vorgedrungen.

Landgut bei Fryburg  Paul Klee

Mit Werken wie diesem, die neben geografischen Tatsachen vor allem Stimmung einfangen, wurde das Goldene Zeitalter der Landschaft eingeleitet, das in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts seine Hochblüte erlebte. Jakob de Gheyn II. hat die Gegend um Antwerpen wiedergegeben und in „Baumreiche Landschaft mit Lanzenträger“ offenbar einen Deserteur auf seiner Flucht vor dem Heer ertappt. Unverkennbar sind die lavierten Federzeichnungen von Rembrandt Harmensz. van Rijn wie „Bauernhäuser vor gewittrigem Himmel“, durchwegs zwar topografisch bestimmbare, dennoch unspektakuläre Gegenden. Es waren Franzosen wie Nicolas Poussin oder Claude Lorrain, die über die Alpen gewandert sind.

Im Licht des Südens haben sie pittoreske römische Ruinen zu ihrem Sujet erkoren. In diesen imposanten Resten des Imperium Romanum darf die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten sein oder über dem Tiber ein düsterer Wolkenhimmel dräuen.

Adrian Zingg, Blick durch ein Felsentor © Albertina

Nach Süden zog es auch die jungen Adeligen auf ihrer Grand Tour, der Kavaliersreise. Herzog Albert von Sachsen Teschen unternahm eine solche mit seiner Gemahlin Erzherzogin Marie Christine nach Italien. Die Fahrt geriet zu einer wahren Einkaufstour an Kunstwerken, die heute zu den wertvollsten Beständen der Albertina zählen. So kamen als Souvenirs Ansichten von Venedig aus der Hand des Canaletto ebenso nach Wien wie Veduten des Römers Paolo Pannini. Ausgehend von derlei Lagunenzauber und Architekturfantasien entwickelte sich im Rokoko übersteigerte Künstlichkeit, die kunstvolle Natur. Topografische Gegebenheiten werden zu idealisierten Ansichten arrangiert, um die Erwartungen der Städter nach Stoff für gebildete Konversationen zu befriedigen. Wieder ist es Rom, in dem sich Jahrtausende vereinigen, aber auch wie bei Jean-François Gilles Colson die Notre Dame in Paris.

Mit diesen Träumereien versuchte die Aufklärung aufzuräumen. Natur wurde erforscht und in Zusammenhag mit wachsender Technisierung gebracht. Trotzdem hat Romantik noch eine ganze Weile ihren festen Platz im Kunstgeschehen. Caspar David Friedrich berührt in seinen Gemälden die tiefe Sehnsucht nach Unendlichkeit, während in den Stadtansichten bereits „Der Blick auf die Wirklichkeit“ dominiert. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit von Jakob Alt mit einer Wienansicht von der Spinnerin am Kreuz oder eines Carl Schütz mit „Der Stock-im-Eisen-Platz“. Allen diesen akribischen Malern, aber auch einem Vincent van Gogh oder Pierre-August Renoir, verdanken wir das Wissen, wie unsere Welt vor 150 Jahren ausgesehen hat.

 

Mit dem Aufbruch in die Moderne wandelt sich die Sichtweise auf Stadt und Land radikal. Egon Schiele entdeckt die morbide Schönheit von Verfall und Vergänglichkeit wie in „Alte Häuser in Krumau“, Alfred Kubin fühlt das Dämonische jeder Umgebung, wenn ein dürrer Wolf eine „Schlachthausruine“ umschleicht. Der gelernte Karikaturist und Schwarzseher Lyonel Feininger bildet in nahezu abstoßender Weise „The Railway Bridge“ ab, gegen die das heiter farbenfrohe Gemälde „Frau mit Krug unter Bäumen“ von August Macke eine wahre Wohltat für die Augen ist.

Grund zum Nachdenken und Raten liefert Paul Klee, dessen „Landgut bei Fryburg“ oder „Landschaft zwischen Winter und Frühling“ nur mehr als Idee dargestellt werden, reduziert auf einfachste Symbole und Prinzipien. Wärmend scheint dagegen „Die Wintersonne“ von Emil Nolde dem Betrachter entgegen, bevor dieser sich mit dem Aquarell „Walchensee im Winter“ von Lovis Corinth von diesem faszinierenden Rundgand durch fünf Jahrhunderte Landschaftsmalerei verabschiedet.

Schlachthausruine  Alfred Kubin © Albertina
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