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Amadeo Modigliani, Ausstellungsansicht

Amadeo Modigliani, Ausstellungsansicht

MODIGLIANI Ein zu früh verbranntes Genie

Modigliani Liegender Frauenakt auf weißem Kissen © bpk, Staatsgalerie Stuttgart

Amedeo Modigliani Liegender Frauenakt auf weißem Kissen © bpk, Staatsgalerie Stuttgart

Primitivismus, die Kunst zwischen Archaik und Avantgarde

Das kurze Leben – Amadeo Modigliani (1884 – 1920) wurde nur 35 Jahre alt – ist legendenumwoben, war voll mit Skandalen sowie Drogenexzessen und gezeichnet von einer stets immens gefährdeten Gesundheit. In den wenigen ihm gegönnten Jahren hat er jedoch ein gewaltiges Œuvre geschaffen. Dessen Erfolg stellte sich jedoch erst nach seinem Ableben ein, dann aber eindrucksvoll, denn Modigliani zählt heute zu den wenigen Künstlern, deren Werke dreistellige Millionenbeträge erzielen. Die Albertina zeigt nun bis 9. Jänner 2022 Werke dieser Ausnahmeerscheinung der französischen Avantgarde und hat dafür einen speziellen Blickwinkel gewählt. „Modigliani. Revolution des Primitivismus“ hebt diesen Aspekt insoweit hervor, indem sie den in Livorno geborenen Künstler als Außenseiter und Einzelgänger im Kreis anderer Größen dieser Richtung wie Pablo Picasso, André Derain und Constantin Brâncuși einbettet und darüber hinaus seine Funktion als radikaler Brückenbauer zwischen Renaissance, afrikanischer, ostasiatischer oder griechisch archaischer Kunst und der im Umbruch befindlichen Gegenwart im Paris Anfang des 20. Jahrhunderts hervor streicht.

Amedeo Modigliani Kopf, 1911/12 © Minneapolis Institute of Art. Gift of Mr. and Mrs. John Cowles

Amedeo Modigliani Kopf © Minneapolis Institute of Art. Gift of Mr. and Mrs. John Cowles / Bridgeman Images

Constantin Brâncuşi Mademoiselle Pogany © Collection of the Speed Art Museum, Louisville, Kentucky

Constantin Brâncuşi Mademoiselle Pogany © Collection of the Speed Art Museum, Louisville, Kentucky, USA

Zum Gelingen dieser exzeptionellen Schau, die eigentlich zum 100. Todestag des Künstlers eröffnet werden hätte sollen, hat Kurator Marc Restellini einen wesentlichen Beitrag geleistet. Der Pariser Kunsthistoriker ist Herausgeber des Werkverzeichnisses und damit ausgewiesener Experte für Amadeo Modigliani. Gedankt wird auch dem Musée national Picasso-Paris, das mit sensationellen Leihgaben nicht gegeizt hat.

 

Bevor man sich den Gemälden und Artefakten zuwendet, sollte man seine Ungeduld bezähmen und den ersten Wandtext durchlesen. Er macht den Begriff „Primitivismus“ verständlich und eröffnet damit den Zugang zu auf den ersten Blick nicht zusammengehöriger Objekte. In der Kunstgeschichte zählt der Primitivismus als Stilbegriff für Ismen wie Impressionismus oder Fauvismus. Es ist die Zuwendung an die hohe Kunst von Königreichen wie die der Khmer oder afrikanischer Stämme, deren Einfluss Modigliani, beeindruckt von einer formalen Reduktion auf das Wesentliche, als Inspirationsquelle für den Westen in seinen Werken annimmt.

Pablo Picasso Brustbild eines Mannes Photo © Succession Picasso/Bildrecht Wien, 2021

Pablo Picasso Brustbild eines Mannes, Photo © Succession Picasso/Bildrecht Wien, 2021 / RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Adrien Didierjean

Amedeo Modigliani Sitzender Akt © Foto: Rik Klein Gotink

Amedeo Modigliani Sitzender Akt © Royal Museum of Fine Arts Antwerp Foto: Rik Klein Gotink

Der 22jährige Maler kommt 1906 nach Paris und will dort Bildhauer werden. Unter Anleitung seines Lehrers Brâncuși widmet er sich den Neuerungen in der Plastik und schafft die bekannten schmalen Köpfe mit Nasenkeilen und säulenhaften Hälsen, die klar an afrikanische, asiatische oder ägyptische Figuren erinnern. Für Modigliani sind es kultische Gegenstände, entstanden für einen Tempel zu Ehren der Menschheit, aufgeladen mit all den Energien, die aus Bibel, Kabbala, Dante oder der theosophischen und symbolistischen Literatur bezogen werden können. Ein seit seiner Kindheit hartnäckiges Lungenleiden beendet den angetretenen Höhenflug. Den tiefgreifenden Gedanken dahinter bleibt er aber in seiner Malerei treu.

 

Die Freundschaft oder besser gegenseitige Achtung, die ihn mit Pablo Picasso verbunden hat, manifestiert sich in der Ausstellung in etlichen, bisher in Österreich noch nie gezeigten Werken des Spaniers. Dazu kommt eine Fülle von Arbeiten der anderen Wegbegleiter Modiglianis, der sich selbst als Pierrot sieht und dem Betrachter zuzwinkert.

Amedeo Modigliani Liegender Akt © bpk / The Metropolitan Museum of Art, New York

Amedeo Modigliani Liegender Akt © bpk / The Metropolitan Museum of Art, New York

Ein ganzer Raum ist ausgefüllt mit seinen Damenbildnissen, die wie liegende Statuen mit praller Erotik von der Wand blicken. Man kann heute dennoch beim besten Willen nicht nachvollziehen, was ihm dabei den Vorwurf von Pornographie eingetragen hätte, aber genau das hinderte sein Fortkommen und hielt im Verbund mit einem unkonventionellen Dasein zeitlebens den Erfolg von ihm ab. Nach dem Einschreiten der Polizei bei seiner ersten und einzigen Ausstellung wegen „Verletzung des Anstands“ malt er nur mehr züchtig bedeckte Akte. Eines seiner Modelle ist Jeanne Hébuterne, die große Liebe und Mutter seiner Tochter. Als Amadeo Modigliani am 24. Jänner 1920 an tuberkulöser Meningitis stirbt, folgt sie ihm, schwanger im achten Monat, zwei Tage später in den Tod. Damit schließt sich ein Kreis voller Tragik um ein zu früh verbranntes Genie, für dessen Begräbnis Künstlerfreunde Geld sammeln müssen, um die Bohème von Paris einen würdigen Abschied von einem im Grunde Unbekannten nehmen zu lassen.

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