Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


TONY CRAGG, Sculpture: Body and Soul, Ausstellungsansicht

TONY CRAGG, Sculpture: Body and Soul, Ausstellungsansicht

AUSSTELLUNGSTRILOGIE Skulptur, Sammlung & Selbstbetrachtung

Die Sammlung Chobot, Ausstellungsansicht

Die Sammlung Chobot, Ausstellungsansicht

Ein pralles Tagesprogramm im Museum mit scheinbar Altbekanntem und noch nie Gesehenem

Schon ein paar Schritte nach dem Eingang werden die Besucher von fantastischen Skulpturen in die Säulenhalle eingeladen. Weder die Formen noch die dabei zu lesenden Titel verraten deren Inhalt, aber sie ziehen die Blicke auf sich, machen neugierig, verleiten dazu, sie zu umrunden und Mutmaßungen zu den vielen verschiedenen Materialien anzustellen, aus denen sie hergestellt wurden. Es sind zentrale Arbeiten des 1949 in Liverpool geborenen und in Wuppertal und Berlin lebenden Tony Cragg, wie sie in den letzten beiden Jahrzehnten entstanden sind. Die Ausstellung „TONY CRAGG, Sculpture: Body and Soul“ (bis 6. November 2022) ist eine Verbeugung vor diesem Künstler und wird erstmals in Österreich präsentiert.

Tony Cragg Deep Early Form © Tony Cragg / Bildrecht, Wien 2022
Tony Cragg Compound © Tony Cragg / Bildrecht, Wien 2022 Foto: Francesco Allegretto

l.: Tony Cragg Deep Early Form, ALBERTINA, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Tony Cragg / Bildrecht, Wien 2022

o.: Tony Cragg Compound, 2015  © Tony Cragg / Bildrecht, Wien 2022 Foto: Francesco Allegretto

Cragg gilt als Solitär in der Kunstwelt, denn er verbindet auf faszinierende Weise abstrahierte Natur mit ästhetischer Innovation; das heißt, man glaubt bei jedem Hinschauen Gegenständliches zu erkennen, muss sich aber damit zufrieden geben, dass jeder Tropfen (Compound), jedes Blatt (Thicket) oder alle die Kombinationen aus runden Formen (Deep Early Form, Off The Mountain) ihre ganz eigene, in sich geschlossene Sinnhaftigkeit bewahren. Die dazu gehängten Zeichnungen (Skizzen) tragen nur wenig zur Lösung dieser Rätsel bei, aber sie sind gleichermaßen inspirierend, sich mit dieser skulpturalen Welt entspannt auseinanderzusetzen.

Die Sammlung Chobot, Ausstellungsansicht

Die Sammlung Chobot, Ausstellungsansicht

Propter Homines ist der edle Name des Stockwerks, das allein aufgrund seiner Ausdehnung würdig ist, einen wesentlichen Teil der Werke aus der Sammlung Chobot der Öffentlichkeit zugänglich zu machen (bis 18. September 2022). Dagmar und Manfred Chobot haben schon in jungen Jahren Kunst angekauft. 1971 wurde eine Galerie gegründet, in der sich ihre Zeit prägende Künstler mit deren Arbeiten in stattlicher Zahl versammelten. Rund 50 Jahre später (2019) erfolgte eine Schenkung mit mehr als 800 Werken an die Albertina, die – so Generaldirektor Prof. Dr. Klaus Albrecht Schröder – in geradezu idealer Weise an die bisherigen Bestände anknüpfen und nicht zuletzt Sammlungslücken des Hauses schließen.

Verena Bretschneider Engel der Verkündigung © Albertina Wien

o.: Verena Bretschneider Engel der Verkündigung ALBERTINA, Wien – Sammlung Dagmar und Manfred Chobot

r.: Franz Ringel Kasperl experimentiert ALBERTINA, Wien – Sammlung Dagmar und Manfred Chobot © Bildrecht Wien, 2022

Franz Ringel Kasperl experimentiert, Albertina Wien

Es ist eine Begegnung mit der jüngeren Vergangenheit der bildenden Kunst hauptsächlich in Österreich. Schröder diagnostiziert ein Vergessen so mancher Position, „verschüttet unter den Hypes ihrer Nachfolgegenerationen.“ Er vergleicht seine Inszenierung mit der Arbeit von Archäologen, die in Euphorie geraten, wenn sie auf Fundstücke von unermesslichem Wert stoßen. Als Beispiel nennt er Fritz Martinz, einen mit Alfred Hrdlicka vergleichbaren Bannerträger und Repräsentant eines sozialistischen Realismus, der – in Schröders Worten – „auf dem Schuttabladeplatz der Geschichte deponiert wurde.“ Ganz so schlimm verhält es sich natürlich nicht. Die gezeigten Bilder und Skulpturen haben nichts von ihrer Spannung, mit der sie einst Furore machten, verloren. So nehmen große Namen wie Franz Ringel oder Bruno Gironcoli, aber auch die nach wie vor aktuelle Art Brut der Gugginger Künstler wie August Walla ihre entsprechend wichtige Stellung in dieser Sammlung ein, neben den von Georgy geschaffenen und nun in geheimnisvoller Diversität Verena Bretschneider zugeschriebenen Gemälden.

Francesco Clemente, Ausstellungsansicht

Francesco Clemente, Ausstellungsansicht

Die Tietze Galleries sind dem aus Italien stammenden und in den USA lebenden Francesco Clemente (*1952) bis 30. Oktober 2022 gewidmet. Unter Experten wird er als Vertreter der Transavanguardia (Stilrichtung des Postmodernismus in Italien) gehandelt, seine Ausdrucksweise geht aber weit darüber hinaus, eben dorthin, wo er sich gerade aufhält, ob in Amerika, im fernen Osten oder in Indien, das zu einem bevorzugten Ziel geworden ist. Clemente ist Autodidakt und nach eigener Aussage beinahe Architekt (er hat die letzte Prüfung nicht abgelegt). Aber er beherrscht neben der Ölmalerei virtuos verschiedene Techniken wie Lithographie, Druckgrafik, Pastell, Aquarell oder Tuschezeichnung.

Francesco Clemente Southern Cross © Francesco Clemente

o.: Francesco Clemente Southern Cross, 2006 Öl auf Leinwand ALBERTINA, Wien – The JABLONKA Collection © Francesco Clemente

r.: Francesco Clemente Self-Portrait in White, Red and Black I, 2008 Pastell auf Papier ALBERTINA, Wien – The JABLONKA Collection © Francesco Clemente

Francesco Clemente Self-Portrait in White, Red and Black © Francesco Clemente

Neben einer Reihe von Selbstporträts, in denen er sich durchaus auch als Narr darstellt, finden sich Anklänge an exotische Volkskunst und die Verarbeitung von Mythen, denen er auf seinen Reisen begegnet ist. Das unbestrittene Zentrum ist jedoch das Southern Cross (Kreuz des Südens), das wichtigste Himmelssymbol der südlichen Hemisphäre. Zwei Paar Hände schließen sich mit Daumen und Zeigefinger zu einem Stern zusammen. Entstanden ist das Ölgemälde in Brasilien und gilt als die Erinnerung an die Initiation in das Candomblé Ritual, einer Religion, die von westafrikanischen Sklaven dorthin gebracht wurde. Rund um diese mystische Darstellung hat Francesco Clemente in der Albertina höchstpersönlich seine anderen Werke angeordnet. Ein Parade ganz nach Mussorgski vorbei an fröhlich spielenden Delphinen auf Alba´s Amalfi, einem Hermaphrodit oder dem androgynen Künstler selbst wird damit zu einem Erlebnis voller Entdeckungen über eine vom Bewusstsein abgewandte Wirklichkeit, die uns dieser Künstler in seinen Arbeiten zugänglich macht.

Albertina Logo breit

Statistik