Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Anatevka Ensemble © Christian Husar

ANATEVKA Der viel zu einsame Fiedler auf dem Dach

Der Fiedler Aliosha Biz & Tevje Georgij Makazaria © Christian Husar

Musikalisch und szenisch beeindruckend und persönlich berührend

Der 1859 in Kiew geborene Schriftsteller Scholem Alejchem kannte seine Juden. Mit dem Roman „Tewje, der Milchmann“ beschrieb er zwar mit Augenzwinkern, aber doch mit ernstlicher Ermahnung eine Gesellschaft in einem kleinen russischen Dorf, die über Hunderte von Jahren nicht über ihre längst veralteten Traditionen hinausgekommen sind. Dass sie damit hilflos einer dieses Volk ablehnenden, sie schikanierenden Staatsmacht – damals regierte noch der Zar – ausgeliefert waren, ist eine der Grundaussagen dieses Buches, das aber gleichzeitig auch genügend Ezzes enthält, wie man dieser Drangsalierung mit etwas Weltoffenheit und Emigration entgehen könnte, ganz so, als hätte er den Holokaust etliche Jahrzehnte später geahnt. Die jüdische Bevölkerung eines von ihm erfundenen Schtetls wird ohne einen näheren Grund zu nennen vertrieben und macht sich gar nicht so verzweifelt auf in eine neue Zukunft an Orten, die ihnen freundliche Aufnahme und Sicherheit garantieren werden. Amerika und die bereits dort ansässige Mischpoche ist das erklärte Hauptziel.

Maya Hakvoort (Golde), Georgij Makazaria (Tevje), Shlomit Butbul (Sarah) © Christian Husar

Sie wären auch dort ganz gern unter sich geblieben, abseits von den Gois, die erstens eine andere oder gar keine Religion und damit zweitens wenig Verständnis für das unerschütterliche, bis zur Selbstvernichtung reichende Bewusstsein eines auserwählten Volkes aufbringen. Der US-amerikanische Dramatiker Joseph Stein und dessen Landsmann, der Komponist Jerry Bock, entdeckten jedoch Alejchems Roman und erkannten auf der Stelle, dass sich aus diesen Geschichten ein Welterfolg kreieren lässt, der alle Menschen anzusprechen vermag. „Anatevka“, oder wie der Originaltitel „Fiddler on the Roof“ lautet, ist seit seiner Uraufführung 1964 ein versöhnlicher Hit und Kassenmagnet auf allen Musicalbühnen.

Beppo Binder, Artur Ortens, Tania Golden, Florian Resetarits © Christian Husar

Die Produktion der Bühne Baden, die am 24. Oktober 2020 in aller Stille Premiere feierte, hätte sich andere als die von Covid malträtierten Zeiten, also ein Fest und vor allem ein volles Haus verdient. Volker Wahl und Michaela Ronzoni haben in ihrer Inszenierung das Schtetl „Anatevka“ spürbar gemacht. In der Ausstattung von Stefanie Stuhldreier sind die Anleihen bei Marc Chagall nicht zu übersehen. Sie spannen subtil den (Fiedel-)Bogen über schräge Häuser und die darin wohnenden Menschen.

Ihnen geigt der in Klassik ebenso wie in Klezmer firme Aliosha Biz mit grüner Perücke beinahe gespenstisch ihr Schicksal, das vom anfänglichen Beharren in überkommenen Traditionen bis zum gewaltsamen Öffnen der jüdischen Dickschädel reicht. Franz Josef Breznik schafft dazu mit reduziertem Orchester eine erstaunliche Klangfülle, in der sich die durchwegs soliden Sänger, egal ob Solisten oder Chor, wohl fühlen dürfen. Aus dem temperamentvoll tanzenden Volk (Choreografie: Natalie Holtom) stechen der umtriebige Awram (Beppo Binder), der studierte Perchik (Stefan Bleiberschnig), ein in seiner Bescheidenheit liebenswerter Schneider Mottl (Alexander Donesch) und die vom Verkuppeln besessene Jente (auch in anderen Rollen: Shlomit Butbull) hervor. Maya Hakvoort hat als Golde ihre Probleme nicht nur mit den Töchtern (Zeitel: Anna Burger, Hodel: Marianna Lisa Herzig und Chava: Valerie Luksch befinden sich im heiratsfähigen Alter), sondern auch mit ihrem Gatten, der sie doch glatt fragt, ob es Liebe ist, die sie schon 25 Jahre verbindet.

Georgij Makazaria ist ein teils toleranter Vater, aber auch einer, der endlich einmal reich sein will, um sich nicht mehr mit seinem Milchwagen abschleppen zu müssen. Seinem stimmgewaltigen Tevje traut sich keiner so schnell widersprechen, nicht einmal der Möchtegern-Bräutigam Lazar Wolf (Josef Forstner). Nebenbei führt er das Publikum durch ein Anatevka, in dem es lustig zugehen kann, wie beim Saufen oder der Hochzeit, in dem aber auch bitterer Ernst und die Angst vor einem blutigen Pogrom stets gegenwärtig sind.

Anna Burger (Zeitel), Alexander Donesch (Mottl) © Christian Husar
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