Kultur und Weindas beschauliche MagazinPicasso Bacon Ausstellungsansicht PICASSO BACON Wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein
Physisch begegnet sind einander die beiden Künstler nie. Dennoch besteht eine enge Verbindung zwischen den beiden. Michael Peppiatt (*1941 in Wycombe/England) weiß aus der sicherst möglichen Quelle, dass Pablo Picasso (1881-1973) das Werk von Francis Bacon (1909-1992) wesentlich beeinflusst hat. Er erinnert sich an ein Treffen im Oktober 1973 mit dem damals bereits arrivierten irisch-britischen Künstler, Es fand wenige Monate nach dem Ableben von Pablo Picasso in Paris statt. Der Spanier war dabei der unsichtbare Dritte. Picasso wurde aber auch zu einem Rivalen, so Peppiatt, mit dem Bacon während seiner gesamten Laufbahn wetteiferte und sogar versuchte, ihn zu übertreffen. Aus dieser Spannung heraus entstanden die irritierenden Menschenbilder, allerdings weich und verschwommen und damit losgelöst vom bewunderten Vorbild, dessen Gesichter neben den von der natürlichen Anordnung abweichenden Mündern, Nasen und Augen deutliche Ecken und Kanten aufweisen.
Der Idee von Michael Peppiatt ist es zu verdanken, dass die Albertina bis 31. Jänner 2027 eine Schau bieten kann, die erstmals in gewaltigem Ausmaß Werke dieser zwei Jahrhundertkünstler zusammenführt. Als Motto wurde ein Spruch von Francis Bacon zu Picasso gewählt, den er vor Jahrzehnten Peppiatt anvertraut hatte: „It Feels Like to Be Human“. Damit hat auch die Liebe in den gezeigten Werken nahezu die wichtigste Position. Bei Picasso erscheint immer wieder die Frauengestalt. Sie vertritt seine Frau Olga Chochłova, mit der er einen Sohn hat, und seine Geliebte Marie-Thérèse Walter, mit der er heimliche Téte-à-tétes in einer Strandkabine genoss. Aus dieser Zeit stammen kleine Gemälde, die unbeschwerte Lebensfreude der Badenden mit dem Hintergrund des Verbotenen verbinden. Sie nehmen sich im Verbund mit den übrigen stattlichen Formaten bescheiden aus, haben jedoch Bacon entscheidend beeindruckt. Als Marie-Thérèse schwanger wurde, verließ ihn Olga, was den Maler schwer belastete. Waren Bilder wie „Drei Schafsköpfe“(1939), das „Stillleben mit Stierschädel“ (1942) oder das makabere „Der Hahn und die Katze“ (1953) Folgen dieser Depression?
Francis Bacon litt unter hingegen schwer unter dem Tod von Peter Lacy, seinem geliebten Lebensgefährten, den er unter anderem mit dem düsteren Gemälde „Landschaft bei Malabata, Tanger“ (1963) aufzuarbeiten versuchte. Die Auseinandersetzung mit Schmerz und Thanatos sind jedoch nur zwei aus einer Reihe von Themen, die sich durch diese Promenade entlang einer bildgewaltigen Suche nach dem Sinn des Daseins ziehen. Möglich wurde deren beachtlicher Umfang dank der 70 Schlüsselwerke aus internationalen Museen und Privatsammlungen von Chicago über Mexiko-City bis London, Paris und Stockholm. Generaldirektor Ralph Gleis nennt die daraus entstandene Konfrontation der Gemeinsamkeiten im Œuvre von Picasso und Bacon mit hörbarem Stolz einen „offenen Schlagabtausch“, von dem nachfolgende Künstlergenerationen bis heute entscheidende Impulse beziehen dürfen. Richard Prince, Ausstellungsansicht RICHARD PRINCE Cowboys & Girlfriends „refotografiert“
Der US-Künstler Richard Prince (geb. 1949) lässt fotografieren. So hat der Schweizer Fotograf Hannes Schmid für die Zigarettenmarke Marlboro den Cowboy entwickelt, als Inbegriff freier Männlichkeit, den Tschick im Mundwinkel mit seinem Gaul Kunststücke aufführend oder einsam gen Sonnenuntergang reitend. Unter dem raffinierten Begriff „Appropriation Art“ hat Prince daraus seine eigenen Werke geschaffen. Er hat die zum Qualmen verführenden Bilder aus Hochglanzmagazinen ausgeschnitten und „refotografiert“. Dahinter steht das Anliegen, mit der gezielten Bearbeitung wie abweichenden Bildausschnitt oder Entfernen von Logos und Aufschriften kritische Reflexionen über Mythen und Medien sichtbar zu machen. Was die Profis der Werbung einst damit verdient haben, weiß man nicht so genau, aber das Bild „Untitled (Cowboy)“ von Prince hat 2005 bei Christie´s New York über eine Million Dollar erzielt.
Es muss also etwas dran sein, an diesen Arbeiten, die bis 16. August 2026 in der Basteihalle der Albertina einen ausladend weiten Überblick über das ungewöhnliche Wirken dieses Künstlers vermitteln. Kurator Walter Moser und Generaldirektor Ralph Gleis sind jedenfalls felsenfest davon überzeugt, dass sie dem Publikum damit eine Welt eröffnen, in der mit Ironie, Witz und Scharfsinn die Konsumgesellschaft entlarvt und gleichzeitig das Erlebnis einer die Genres übergreifenden Kunst geboten wird. Angefangen von den 1970er-Jahren bis heute hängen und stehen neben ikonischen Serien wie „Fashion“, „Gangs“ & „Cowboys“ und autobiografischen Aufnahmen aus dem ländlichen Bundesstaat New York teils noch nie gezeigte Werke wie Kollagen aus gefundenem Material.
Die Geschichte vom Prinzen Genji (Detail) © Albertina Wien FASZINATION PAPIER Manifestation der DNA einer Sammlung
Die Erfindung des aus Pflanzenfasern hergestellten Papiers wird den Chinesen um 140. V. Chr. zugestanden. Dabei darf man nicht vergessen, dass lange vorher in Ägypten bereits auf Papyrus Totenbücher oder Handelsverträge geschrieben wurden. Wie auch immer, egal! Feststeht viel mehr, dass die Albertina 2026 auf 250 Jahre Bestehen zurückblicken kann. Für Generaldirektor Ralph Gleis lag es damit nahe, auf Papier zurückzugreifen. Immerhin zählt die Sammlung von Kunst auf Papier mit über einer Million Objekten weltweit zu den größten ihrer Art. Drei Kuratorinnen (Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel) wurden mit der Gestaltung einer Ausstellung mit dem Titel „Faszination Papier. Rembrandt bis Kiefer“ (bis 22. März 2026) beauftragt. Das Ergebnis ist ein in seiner ansprechenden Fülle weit über papierene Wissensvermittlung hinausgehendes Erlebnis, das die überraschende Vielseitigkeit eines an sich unscheinbaren Materials im wahrsten Sinn des Wortes begreiflich macht.
Abgesehen davon, dass auf Papier gezeichnet oder gedruckt werden kann, hat die Kunst eine reiche Palette weiterer Bearbeitungsmöglichkeiten gefunden. Es wuchert hinaus in den Raum, wie bei Birgit Knoechl, die mit „Out of Control_Revisited – The Autonomy of Growth“ das Publikum nach dem Abstieg in die Basteihalle empfängt. Der gigantischen Installation gegenüber wollen zwei winzige „Schnitte“ wahrgenommen werden. Der eine öffnet „Das heilige Herz“ und wurde vor 1470 als Andachtsbildchen geschaffen, der andere leuchtet aus der Radierung „L´épée dans l´eau“ von Lucio Fontana aus 1962. Diese drei Werke leiten das Kapitel „Schnitt, Struktur, Entfaltung“ ein und beweisen die Zeitlosigkeit des Umgangs mit Papier. Hat man sich von den unglaublich feinen japanischen Scherenschnitten gelöst, folgt „Eindrücklich und einprägsam“. Spätmittelalterliche Schrotschnitte und jüngere Werke von Hans Bischoffshausen, Alena Kučerová, Sol Lewitt, Antoni Starczewski, Rebecca Salter oder Günther Uecker veranschaulichen die Techniken, mit denen Papier durch Abdruck von einer Metallplatte oder anderen Werkzeugen reliefartig geprägt wird.
Mächtig dominierend fordert die von Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer gefertigte „Ehrenpforte“ unter dem Motto „Entfaltung im Raum“ den Nahblick auf deren unzählige Details. „Die Welt im Überblick“ zeigen frühe Versuche, die Erde als Kugel korrekt darzustellen (Johannes Stabius, Albrecht Dürer) oder mit Stadtansichten von Paris und Hallstatt aus der Vogelperspektive den Stolz der Bürger zu dokumentieren. Ähnlich funktioniert die Betrachtung in „Die Ferne ganz nah“. Wieder war es Dürer, der den nördlichen und südlichen Sternenhimmel für den Druck aufbereitet hat. In einem Verschlag wird dazu mit Lichtpunkten Klarheit geschaffen. Eher enttäuschend ist der Blick auf die von Kratern übersäte Oberfläche des Mondes, für den Wendelin Pressl einen seltsamen Apparat erfunden hat. Erst in der Zusammenschau offenbaren einzelne Elemente ihre Bedeutung in „Viele Teile – ein Ganzes“. Vergnügliches Augentäuschen, das vor allem im Manierismus beliebte Trompe-l´Œil, bietet „Anders, als es scheint“. Es erfordert ein listiges Herangehen an Werke von Victor Vasarely oder Burhan Doğançay und Toba Khedoori, um die raffiniert versteckten Inhalte zu entdecken. Schon der griechische Maler Apelles war überzeugt:
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