Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kinderzimmer-Triptychon 1971

ATTERSEE Genialster Kindskopf und witzigster Schweinigler

Christian Ludwig Attersee, „Feuerstelle“, 2011 © Belvedere, Wien; © Bildrecht, Wien, 2019

An der FEUERSTELLE sitzen und mit dem Künstler schauen, lachen, hören und GrüVe trinken

Christian Ludwig Attersee hat die Malerei in Österreich ähnlich populär gemacht wie Peter Handke die Literatur oder Thomas Bernhard das Burgtheater. Man hat sich über sie an den Stammtischen das Maul zerrissen, sich über ihre Eskapaden auf die Schenkel geklopft und zumindest einige ihrer Werke gekannt, wenn oft auch nur vom Hörensagen. Attersee ist im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geblieben, und wenn es sich nur um das jüngste Plakat für den Damen-Weltcup 2018 am Semmering gehandelt hat, das aufgrund sexistischer Darstellung von den Veranstaltern zurück gewiesen wurde. Der Meister wird nächstes Jahr 80 Jahre alt und kann nicht ganz verstehen, was an einem nackten Schihaserl anstößig sein sollte.

Hundebüstenhalter 1966

Schließlich hat er sein ganzes, fast sechzig Jahre dauerndes Schaffen mit derlei Inhalten erfolgreich provoziert. Dieser Auffassung waren auch die Politiker, allen voran NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, die sich mit Attersee bei der Präsentation stolz ablichten ließen. Erst der ÖSV ließ das Plakat zurückziehen und verzichtete auf „sexistische“ Werbung. Tempora mutantur! Trotzdem, warum sollte Attersee jetzt einsehen müssen, dass Herrenwitze aus den 1960ern heutzutage nicht mehr lustig sind und das, was vor ein paar Jahrzehnten noch als Werk des berühmtesten Malers unseres Landes galt, dem Zeitgeist nicht mehr als ein aus allen Medien brüllendes #MeToo entlockt. Aber das ist eben Attersees Markenzeichen. Lass die Wogen ruhig hochgehen, irgendwann werden sie sich wieder glätten und die Empörung der Verehrung weichen.

Dinge 1967

In diesem Sinn wird auch die Ausstellung ATTERSEE FEUERSTELLE im Belvedere 21 (bis 18. August 2019) schwerlich einen Skandal hervorrufen. Es geht, wie es Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere ausdrückt, um „eine Rückkehr zu den Wurzeln des Künstlers und zugleich eine Zeitreise in die Gegenwart.“ Sie ortet im radikalen Frühwerk Sprengkraft und sieht Attersee als singulären Wegbereiter des souveränen Cross-over zwischen Kunst und Lebensgestaltung in allen Facetten. Dazu zählt auch die Musik, die ebenfalls seiner ganz persönlichen, die Hörnerven attackierende Interpretation unterworfen ist. Attersee: „Ich spiele gerne falsch Klavier, singe gerne falsche Töne, halte am liebsten keinen Rhythmus ein.

Dabei entsteht etwas Neues, eben Atterseemusik.“ Um einen Eindruck davon zu erhalten, hat man im Rahmen der Ausstellung Gelegenheit, den Stimmungsmacher Rampi Rampi in Vinylbox inklusive CD, 7“-Single und 2 Kunstdrucken zu erwerben.

 

Der Kosmos des Malers Attersee ist tatsächlich prallvoll mit überschießenden Ideen des Schrägen, die auf Befindlichkeiten zart besaiteter Seelchen keine Rücksicht nehmen. Meist ist es der Frauenkörper, der seine Phantasie zu witzigen Pointen angeregt hat. Mit „Hundebüstenhalter“ ist ein Gemälde aus 1966 tituliert, bei dem ein sehr erotischer Busen mit zwei bellenden Hundsköpfen bedeckt ist. Im selben Jahr wurden abgeschnittene Finger mit elegant rot lackierten Nägeln mit Schinken und Käse zu „Schinkenfingern“ gewickelt. Hundsordinär sind die Katzen auf dem „Kinderzimmer-Triptychon“ (1971) mit schaukelnden Brüsten und spritzenden Penissen.

Oder die Außerirdischen, denen der in Pressburg geborene und in Aschach und am Attersee zum Künstler und Meistersegler herangewachsene Christian Ludwig unter dem Motto „Komm mit nach Österreich“ einen Führer zu den schönsten Plätzen geschaffen hat, um sie dort ihre Geilheit abreagieren zu lassen. Dagegen sind die Etiketten des GrüVe, von denen 2018 bereits die 32. Auflage auf Flaschen mit Grünem Veltliner des Weinguts Jurtschitsch erschienen ist, ausgesprochen harmlos. Schließlich geht es bei deren Inhalt um den Treibstoff, der Attersee nach wie vor zu neuen Ideen anregt. Es bedeutet ihm, wie er selbst sagt, ungeheures Glücksgefühl, ein Bild aus seinem Kopf auf der Leinwand umzusetzen. Es hält ihn frisch und macht ihn, so Attersee, zu einem unserer jüngsten Maler.

Schinkenfinger 1966
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