Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Polly Apfelbaum, "Face (Geometry)( Naked) Eyes", 2016 © Belvedere, Wien, / Foto: Sandro Zanzinger

POLLY APFELBAUM Teppiche im Farbenrausch der 68er

"Deep Purple, Red Shoes", 2015 (Detail) © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll

Aufgelegte Konzeptkunst im Sinne des „Potential of Women“

Zuerst heißt es: Schuhe aus! Und Schlapfen an! Stella Rollig, Genrerealdirektorin des Belvederes, nennt es eine erste Aktion, an der sich der Besucher des Belvedere 21 beteiligt, so er die Ausstellung „Happiness Runs“ (bis 13. Jänner 2019) der US-amerikanischen Künstlerin Polly Apfelbaum betreten will. Mit ihren farbenfrohen Teppichen konterkariert sie die herbe Architektur dieses Pavillons der modernen Kunst. Sie schafft einen Hauch von Gemütlichkeit, denn man hockt sich gern auf den mit Kunst bedeckten Boden, erstens ist er nicht so kalt wie der Beton dazwischen und zweitens kann man die bei einem Museumsbesuch üblicherweise ohnehin strapazierten Füße entspannen. In dieser entspannten Stellung liest man mit Vergnügen die kleine Broschüre, in der ein Teppich nach dem anderen mit Titel und kurzer Erklärung vorgestellt wird. „The Potential of Women“ stammt beispielsweise aus 2017 und besteht aus vier identen Objekten, auf denen die Frontalansicht eines abstrahierten weiblichen Kopfes mit schwarzer Bobfrisur in Orange und Pink vor einem hellbraunen Hintergrund.

Polly Apfelbaum, Stella Rollig, Esther vorne sitzend

Zu erfahren ist auch, dass sich das Motiv auf ein Symposium anno 1963 bezieht, das sich mit der Emanzipation der Frau beschäftigte. Diese Diskussionsrunde, die hauptsächlich aus Männern bestand, verfehlte damals glatt ihre Ziele. Da es sich weniger um den emanzipatorischen Prozess als um die Frau als Forschungsobjekt drehte, brachte sie Polly Apfelbaum auf die Idee, mit gleichem Titel und Sujet das Thema Gleichstellung in, wie es dort wörtlich zu lesen ist, seiner historischen und gegenwärtigen Dimension zu hinterfragen.

Ausstellungsansicht: Polly Apfelbaum. Happiness Runs © Belvedere, Wien, 2018 Foto: Sandro Zanzinger

Die 68er-Jahre hat Polly Apfelbaum als Teenager erlebt, sie ist Jahrgang 1955. Aber der Aufbruch, der sich dieser Tage ereignete, wurde von ihr bewusst wahrgenommen und in ihr späteres Arbeiten miteinbezogen. Hierzulande war sie bis dato unbekannt, also muss man den Recherchen der Ausstellungsgestalter glauben, die herausgefunden haben, dass Polly Apfelbaum seit Ende der 1980er-Jahre aus der amerikanischen und der internationalen Kunstszene nicht mehr wegzudenken ist.

So auch, dass für ihr vielschichtiges Œuvre eine hybride Ästhetik, in der Traditionen aus Skulptur, Malerei, Handwerk, Design und Installation ineinander übergehen, charakteristisch ist. Sie bemüht sich, die Grenzen zwischen Kunst (von ihr stammen Konzept und Idee) und Handwerk (die Teppiche werden in Mexiko von Männern gewebt) auszuloten. Apfelbaum ist zudem zutiefst überzeugt, dass die Summe aus dieser Begegnung, kurz das Kunsthandwerk, mit dem Stigma der Häuslichkeit und Weiblichkeit behaftet und darob umgehend zu überwinden sei.

Es gibt also eine Menge Möglichkeiten, diese Teppiche zumindest gedanklich zum Fliegen zu bringen. Treibstoff für ein entsprechendes Abheben sind die hemmungslos freundlichen Farben. „Deep Purple, Red Shoe“ oder „Rainbow Nirvana Houndstooth“, das für eine Gruppenausstellung des französischen Modehauses Dior 2012 entstand, bringen Happiness ins Laufen. Houndstooth ist übrigens ein schottisches Muster, dem sich nur Männer bedienen durften und das erst Dior für die Damenwelt zugänglich gemacht hat.

"Face (Geometry)( Naked) Eyes", 2016 (Detail) © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll
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