Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Zbyněk Sekal, Ausstellungsansicht © Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht Wien, 2020

ZBYNĚK SEKAL Werke eines Flüchtenden und Suchenden

Zbyněk Sekal, Ohne Titel © Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht Wien 2020

„Freiheit“ im Käfig aus Labyrinthen und Schreinen

Zbyněk Sekal (Prag 1923-Wien 1998) war ein leiser Künstler. Was hätte er nicht alles hinausschreien können! Sein Leben war geprägt von Isolation, Gefangenschaft und Flucht. Schon während seiner Studienzeit in den 1940er- und 1950er-Jahren eckte er mit seinem kritischen Denken an, so sehr, dass er zwischen 1941 und 1945 im Gefängnis Prag-Pankrác sowie in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Mauthausen inhaftiert war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kostet ihn seine politische Überzeugung den Abschluss an der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag. Surrealismus und die marxistische Philosophie prägten sein Schaffen. In den 1960er-Jahren wendet sich Zbyněk Sekal immer mehr der Architektonik des Skulpturalen zu. Seine Materialbilder fügen sich in die Zeitströmung der ZERO-Kunst ein; einer Kunst, die vorgefundenes Material umordnet und in einen neuen formalen und inhaltlichen Zusammenhang bringt. Die Literaten Franz Kafka und Jean-Paul Sartre sowie der Philosoph Martin Heidegger waren darin seine gedanklichen Richtungsgeber.

Zbyněk Sekal  Schrein mit 22 Nägeln 1993

Offenbar wurde er von Mächtigen nicht verstanden, seine Zerlegung natürlicher Formen dürfte dem Kunstsinn der Kommunisten widersprochen haben, nachdem der Prager Frühling 1968 von der Sowjetarmee brutal niedergeschlagen worden war. 1969 emigrierte Sekal nach Berlin und ließ sich anschließend in Wien nieder. Hier entwickelte er seine Material- und Strukturbilder weiter zu räumlich verschachtelten Gitterkuben. Seine Erfahrung der Ausweglosigkeit im Konzentrationslager Mauthausen übersetzt er in flache Labyrinthe aus Kupferdrähten. In den 1980er-Jahren folgen räumliche Strukturen – die Schreine (tschech.: schránky). Diese Würfel aus dünnen Holzlatten bilden ein Gerüst rund um kleinere Objekte oder Objektensembles. Sie zeugen vom kritischen Interesse des Künstlers an Ordnungssystemen des Menschen und von der Suche nach persönlicher Freiheit innerhalb dieser Systeme. Die Einschränkung wurde sein künstlerisches Prinzip.

Zbyněk Sekal Labyrinth mit dem Grundriss Mauthausens

Bis 6. Jänner 2020 ist nun im Belvedere 21 ein Teil seines Werks zu sehen, das einen bedeutenden Vertreter der tschechischen Avantgarde vorstellt und, wie GD Stella Rollig betont, „gerade heute – in einer krisenbedingten Umbruchstimmung – aktueller den je ist“. Insgesamt sind es rund 70 von Kurator Harald Krejci ausgewählte Arbeiten, der ihn dort als kritischen Denker bezeichnet, als analytischen Beobachter und „Poet des Materials“, der auch großartig mit Worten umgehen konnte.

So beginnt ein Gedicht auf einem der Wandtexte mit den von Kokurator Miroslav Haľák berührend übersetzen Zeilen: Ich kenne ein weites Gestade tief, tief im Süden. Das Meer erbricht dort blaugrünes Geröll. Ich sammle die Steinchen und fühle: dem Meere gehören sie ja, nicht mir. Allein ich bin nun Sammler, auflesend was sich ergibt. Damit wird der Zugang zu seinen sich verschlossen gebenden Gitterstrukturen und Schränken zumindest einen Spalt weit geöffnet.

Die Besucher lernen einen Menschen kennen, der sich aufgrund seiner bitteren Lebenserfahrungen der Zerbrechlichkeit des Individuums bewusst war und sich wie kaum ein anderer damit so intensiv auseinander gesetzt hat. Ein Blick auf die von Holzstäbchen eingefangenen Nägel oder auf den Grundriss des KZ Mauthausen, der als Labyrinth auf einem massiven Steinblock eingegraben ist, lassen den kaum hörbare Schrei eines Gefangenen vernehmen, dessen Freiheitsbewusstsein zum Motor eines sehenswerten Lebenswerks geworden ist.

Zbyněk Sekal  Schrein mit Hündchen 1986

Herbert Brandl, "Apokalypse zur schönen Aussicht", 2020 Foto: Markus Wörgötter / Belvedere, Wien

HERBERT BRANDL die großen Formate der letzten 20 Jahre

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2001 Foto: Franz Schachinger, Wien

Schrecklich schöne Natur betrachtet in gewaltigen Pinselstrichen

Herbert Brandl ist sich sein Leben lang treu geblieben. Er hat stets auf die Kraft des Pinsels und der Farben gesetzt, unangefochten von den unzähligen Strömungen wie Konzept-, Performance- und Medienkunst. Die Konsequenz ließ ihn zu einen der bekanntesten und maßgeblichsten Künstler der Gegenwart werden. Seine Malweise wagt sich heutzutage niemand mehr anzugreifen oder herunterzumachen. Es ist einfach die Kraft des Ausdrucks, die seinen Werken innewohnt und sich durchgesetzt hat. Unter dem Titel „Herbert Brandl. Exposed to Painting“ (bis 24. Mai 2020) würdigt nun das Belvedere 21 sein Schaffen der vergangenen 20 Jahre. Sein Interesse gilt der Natur, egal ob es monumentale Gebirgsmassive und brausende Wasserfälle sind, verträumte Seen und Aulandschaften oder der ganz nahe Blick auf eine Blume. Sie sind eine Liebeserklärung an das Unbändige, das per se Existierende, dessen Erhabenheit auch in den Formaten ihren Ausdruck findet. Sie alle wären aufgrund ihrer Größe kaum mehr geeignet, in einem Wohnzimmer Platz zu finden.

Ausstellungsansicht "Herbert Brandl Fotos: Markus Wörgötter/Belvedere, Wien

Literarisch begleitet werden die Malereien Brandls von Texten des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr. Sie sind Teil dieser Ausstellung, indem sie die überwältigenden Emotionen der Bilder mit ebenso kraftvollen Worten vertiefen. Zwei Hyänen lesen aufmerksam „Alles, was zu seinem Dasein nicht mehr brauchte als Feuchtigkeit, Wärme und das graue Licht dieser Tage, gedieh und wucherte. Erlosch ein Feuer, kroch blühendes Unkraut aus der Asche. Brennholz schlug aus.

Verstohlen und mit glasigen Wurzeln zuerst, dann mit grünen Fingerchen, betörenden Blüten und schließlich mit zähen, von bemooster Rinde gepanzerten Armen griff die Wildnis um sich“ (aus dem Roman „Die letzte Welt“). Sie leiten hin zum Hauptwerk dieser Ausstellung, zum Triptychon mit dem geheimnisvollen Titel „Apokalypse zur schönen Aussicht“, einem Rausch aus Farben und breiten Strichen als Verheißung einer farbenprächtigen Endzeit, in der die Natur unangefochten den Sieg davontragen wird.

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2003 Foto: Markus Wörgötter, Courtesy Galerie nächst St. Stephan
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