Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Modell der Kirche des Karmelitinnenklosterprojekts © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

WOTRUBA, HIMMELWÄRTS Die Kirche auf dem Georgenberg

Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Hoch aufgetürmte Betonblöcke schaffen einen archaischen Kultplatz

Fritz Wotruba (1907-1975) war Bildhauer. Er hat in seinen Skulpturen dem Menschen eine kraftvolle Gestalt gegeben, reduziert auf dreidimensionale geometrische Formen wie Stele und Kubus, die seine Werke auf den ersten Blick erkennbar machen. Es waren mehrere Zufälle, dass er zum Schöpfer einer Kirche wurde. Es begann im Nachkriegsösterreich mit der Entführung der jungen Ökonomin Margarethe Ottilinger nach Russland und deren Gelöbnis, nach geglückter Heimkehr den Karmelitinnen ein neues Kloster zu stiften.

Fritz Wotruba, Skizze zu einer Architektur, 1966 © Harald Eisenberger / Belvedere, Wien

Ein Grundstück in Niederösterreich war bald gefunden und auf Anregung des damaligen Caritaspräsidenten Prälat Leopold Unger wurde der renommierte Künstler Fritz Wotruba mit dem Entwurf beauftragt. Der Orden empfand das geplante Bauwerk jedoch nicht mit seinem Auftrag zu Demut und Schlichtheit vereinbar. Nicht zuletzt aus finanzpolitischen Überlegungen (es wurde schließlich Kirchenbeitrag dafür verwendet) stoppte die Diözese Wien das Projekt. Das Bestreben, Wotrubas Pläne umzusetzen, blieb jedoch aktuell. So wurde gemeinsam ein Bauplatz gesucht. Auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, wo eine neue Siedlung im entstehen war, wurde man fündig. Das ursprüngliche Patrozinium „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ hat man beibehalten. Als alle möglichen Schwierigkeiten schließlich überwunden waren, einigten sich der Künstler und Architekt Fritz Gerhard Mayr nach intensiven Diskussionen auf Beton als Baumaterial. So konnte zwischen 1974 und 1976 auf dieser archaisch unmutenden Anhöhe einer der markantesten Sakralbauten Wiens entstehen. Der dadurch ausgelöste Entrüstungssturm legte sich bald und die „Wotrubakirche“ wurde zum Wahrzeichen und, wie es in einem protestantischen Kirchenlied heißt, zur festen Burg Gottes, deren dräuendes Äußeres durch Wärme und Helligkeit im Inneren auf wundersame Weise aufgehoben scheint.

Fritz Wotruba in seinem Atelier bei der Arbeit am Tonmodell © Belvedere, Nachlass Fritz Wotruba

45 Jahre sind seither ins Land gezogen. Der Georgenberg wurde mehr und mehr zur Kult- und Pilgerstätte, die Frömmigkeit und Kunstsinn vereint. Das halbrunde Jubiläum wurde nun für eine Ausstellung im Belvedere 21 genützt und diesem Solitär der Kirchenarchitektur eine Ausstellung gewidmet. „WOTRUBA. HIMMELWÄRTS“ (Kuratorin Gabriele Stöger-Spevak, bis 13. März 2022) zeigt die Genese dieser massiven Ansammlung von135 Betonkuben, die eng mit der Formensprache

Wotrubas verbunden ist, veranschaulicht mit Entwurfszeichnungen, Kirchenmodellen und ergänzenden plastischen Arbeiten aus den 1960er-Jahren. Dazu kommen internationale Vergleiche von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart, zu denen Schöpfungen von Le Corbusier oder Günther Domenig zählen. Ein Experimentalfilm von Thomas Draschan zur Wotrubakirche aus 2014 und Evy Jokhovas künstlerische Disziplinen überschreitende Auseinandersetzung mit der Architektur des Sakralbaus bieten anschauliche Vertiefung in die Materie. Die Ausstellungsobjekte stammen zum Großteil aus dem umfangreichen Nachlass Fritz Wotrubas, der 2011 der Österr. Galerie Belvedere anvertraut wurde und seitdem im Belvedere 21 für Forschung und Publikum zugänglich ist.

Joseph Beuys, Das Erdtelefon, 1968  Bildrecht Wien, 2021, Foto: Marcus Leith, C. Thaddaeus Ropac

Die Wiener Ecke des Kunstuniversums JOSEPH BEUYS

Ausstellungsansicht Joseph Beuys - Denken. Handeln. Vermitteln. Foto: Johannes Stoll / Belvedere

Die „Bewaldung“ des Belvedere 21 zum Hunderter

1983 war ein „Baumbüro“ gedacht und an die Bewaldung des heutigen MuseumsQuartiers. Es sollte die Fortsetzung der Aktion „7000 Eichen“ im Rahmen der documenta 7 in Kassel unter dem Motto „Stadtverwaldung“ statt „Stadtverwaltung“ in Wien fortsetzen. Deren Initiator erlebte die Pflanzung des letzten Baumes 1987 nicht mehr, Joseph Beuys starb am 23. Jänner 1986. Als Verbeugung vor dem Jahrhundertkünstler wurde nun am 3. März 2021 im Garten des Belvedere 21 eine Eiche gesetzt, als postumes Geschenk zum 100sten Geburtstag. Die Ausstellung dazu bietet bis 13. Juni 2021 eine Expedition durch das Werk von JOSEPH BEUYS mit den Begriffen „Denken. Handeln. Vermitteln.“ als Wegweiser für die Besucher, die sich bis heute teils ratlos mit überschießenden Ideen und herausfordernden Fragen konfrontiert sehen. Kurator Harald Krejci war sich dieses Problems bewusst und er hat es geschafft, die Gedanken hinter den provozierenden Äußerungen dieses radikalen Weiterdenkers der Kunst sowohl Beuys-Experten als auch Skeptikern schmackhaft zu machen.

Harald Kreijci und Stella Rollig beim Planzen der Beuys-Eiche

Die Dramaturgie beginnt bereits mit der Wandfarbe Gelb. Sie erinnert an den Honig, einem zentralen Medium in etlichen Aktionen, und chanchiert von hellzitronig bis bernsteinfarben, je nachdem das Tageslicht durch die Glaswände einfällt und die Stimmung der Kulisse bestimmt. Neonlicht ist ausgeschlossen. Lediglich kleine Spots heben einzelne Objekte hervor oder schaffen in den eigens errichteten Räumen Sichtbarkeit.

Joseph Beuys, Hirschkuh / Dreibein frisst Gras, 1979 © Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021

Zum ersten Wienaufenthalt von Joseph Beuys gelangt man vorbei am Filzanzug und an einem Video aus 1974. In „I Like America and America Likes Me“ befindet sich der Künstler mit einem Kojoten allein in einem Galerieraum. Ein Tier war wie in vielen anderen Fällen auch hier sein erster Kontakt zur Neuen Welt. Eines seiner wichtigsten Anliegen waren die Ökologie, das Aufmerksammachen auf die Natur. Nicht zuletzt stand dafür Rudolf Steiner, Gründer der Anthroposophie, Pate.

Dessen Philosophie lag auch 1967 in Wien, in der Galerie nächst St. Stephan, der Aktion „Eurasienstab 82 min fluxorum organum“ zugrunde, deren religiöser und ritueller Hintergrund mit damals ausgestellten Graphiken und dem mystischen „Eurasienstab“ illustriert wird. Die nächsten Kontakte zu Wien knüpfte Oswald Oberhuber, Professor an der Hochschule für angewandte Kunst. Beuys war 1972 von der Kunstakademie Düsseldorf aufgrund seiner nicht in gängige Schemen passenden Ansichten entlassen worden und hätte nun eine neue Lehrstelle erhalten sollen. Daraus wurde zwar nichts, aber Joseph Beuys durfte sich wie schon in den 1960er-Jahren in der Wiener Kunstszene aufgenommen fühlen.

Immer wieder taucht in seiner Arbeit auch der Schlitten auf. Beuys war – nicht zuletzt durch eigene traumatische Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg – überzeugt, dass man nur mit „gleitbaren Instrumenten“ im Falle einer Katastrophe an den Verunglückten herankommen könne. Nachdem ihm offenbar zeitlebens die Welt als einziges großes Desaster erschienen war, stieg die Rodel, stets ausgestattet mit Filzdecke, einem Stück Fett und einer Stablampe, zur Metapher der Errettung aus Notlagen auf. Ähnlich verhält es sich mit dem Honig. 1977 erregte die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ auf der documenta 6 in Kassel Aufsehen. Die Teile der umfangreichen Installation, die aufgebaut ein geschlossenes Kreislaufsystem bildet, sind in säuberlich angeordneter Präsentation neben dem „Basisraum nasse Wäsche“ aus 1979 oder dem toten Hasen beim „Wegweiser für den Khan“ (1963) zweifellos eines der Highlights dieser Ausstellung, die mit abreißbaren Infoblättern an den einzelnen Stationen und einem ausführlichen Katalog das Universum eines ins Unendliche erweiterten Kunstbegriffs nachvollziehbar macht.

Joseph Beuys, Wegweiser für den Khan, 1963 © Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021
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