Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht "Avantgarde und Gegenwart © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Avantgarde und Gegenwart © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

AVANTGARDE UND GEGENWART Neues und „historisch“ Zeitgenössisches

 Agnieszka Polska, Eclipse, 2012  © Courtesy the artist and Zak Branicka Gallery, Berlin

Agnieszka Polska, Eclipse, 2012 © Courtesy the artist and Zak Branicka Gallery, Berlin

Ein überzeugender Nachweis, wofür Belvedere und Artothek des Bundes Geld ausgegeben haben

140 Positionen, wie es im Kuratorensprech heißt, erfüllen den ersten Stock des Belvedere 21 mit der Freiheit von Farben und Formen. Zumeist ist nur ein einzelnes Werk der jeweiligen Künstler, ausgewählt von Luisa Ziaja, die diese Fülle in sechs Erzählstränge gegliedert hat. Die ältesten Beispiele stammen aus den 1930er-Jahren, die jüngsten sind eben erst entstanden und wurden entweder vom Belvedere oder von der Artothek des Bundes angekauft. Ganz bewusst will man die Stunde Null der österreichischen Gegenwartskunst nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ansetzen. So treffen die Besucher gleich beim Aufgang auf ein Gemälde von Albert Paris Gütersloh, dem Mentor der Malerei in der Zwischenkriegszeit. Er verstand sich, so berichtet der Wandtext, prächtig mit den Mächtigen des Ständestaates und gedachte seine Bedeutung auch den Nationalsozialisten anzudienen. Die neuen Herren unter dem Hakenkreuz hatten aber wenig Verständnis für seine Kunst. Sie wurde für entartet erklärt und Professor Gütersloh seines Amtes enthoben. Mehr dazu erfährt man aus dem Begleitheft zur Ausstellung. Es erklärt an dieser Stelle den vielschichtigen Hintergrund von „An-Sammlungen und gebrochenen Realitäten“. Ein Ausspruch des deutschen Philosophen Walter Benjamin sollte zu Denken geben, demnach Sammlungen „niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“ sein können. Zwei mahnende Beispiele sind Arbeiten der Künstlerinnen Marie-Louise von Motesiczky oder Trude Waehner, die vor den Nazis gerade noch emigrieren konnten.

Curt Stenvert, Violinspieler in vier Bewegungsphasen © Belvedere, Bildrecht, Wien 2021

Curt Stenvert, Violinspieler in vier Bewegungsphasen © Belvedere, Bildrecht, Wien 2021

Maria Lassnig, Doppelselbstporträt mit Kamera, 1974 © Maria Lassnig Stiftung/ Johannes Stoll

Maria Lassnig, Doppelselbstporträt mit Kamera, 1974 © Maria Lassnig Stiftung/Johannes Stoll

Hat man sich von diesen düsteren Wurzeln gelöst, darf man in „Surrealen Narrativen“ baden. Sie durchziehen die ganze Schau. Wieder war eine weltweite Katastrophe Anlass zu dieser ins Absurde und Phantastische verschobenen Sicht der Realität. Der Surrealismus entstand um 1924, also bald nach dem Ersten Weltkrieg, und verbreitete sich von Frankreich aus über Europa bis in die ganze Welt. Auch die Österreicher Greta Freist und Gottfried Goebel haben sich der rätselhaften Bildsprache verschrieben, lange vor der Wiener Schule des Phantastischen Realismus mit Ernst Fuchs, Wolfgang Hutter oder Arik Brauer und späteren Strömungen, die bis ins Heute herauf reichen. Ähnlich sonderliche Blumen im zeitgenössischen Garten sind „Abstraktionen“, die bereits im Jugendstil gesät und ihre ersten Blüten im Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus zeitigten. Aus 1939 stammt der faszinierend schwerelose „Diving Bird“ von Erika Giovanna Klien oder Kurt Stenverts „Violinspieler in vier Bewegungsphasen“ als gemalter Ausdruck neuer Musik um 1947. Als Weiterentwicklung dieser Richtung weg vom Gegenstand zeigen sich die „Formen des Informellen“, die in den 1950er-Jahren en vogue waren. Es war die Zeit allgemeiner Ablehnung.

Ashley Hans Scheirl, Neoliberal Surrealist © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ashley Hans Scheirl, Neoliberal Surrealist © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

 VALIE EXPORT, Homometer, 1937  Foto: Johannes Stoll © VALIE EXPORT Bildrecht, Wien 2021

VALIE EXPORT, Homometer, 1937 Foto: Johannes Stoll © VALIE EXPORT Bildrecht, Wien 2021

Realistisch-gegenständliche Bildsprache wurde als Dienst an der Politik diskreditiert, Ordnung, Strenge und harmonische Komposition waren das Charakteristikum des verachteten Spießbürgertums. Markus Prachensky, dessen „Rouges différents sur noir – Liechtenstein“ ausgestellt ist, sah den Malakt manifestiert als Spur impulsiver Pinselstriche auf der Leinwand. Adolf Frohner entdeckte das Potential aufgefundener Reste in seinem Atelier als Kunstgegenstand, gleichzeitig standen er Pate für den Wiener Aktionismus, dem ein eigenes Kapitel in „Performative Körper“, von der Selbstbemalung eines Günter Brus bis Aktionsfotos von Hermann Nitsch, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler gewidmet ist. Der letzte Abschnitt wird als „Re-Visionen“ bezeichnet und ist Werken gewidmet, deren Einordnung nur mit komplizierten bis unverständlichen Überlegungen erklärt werden kann. Aber auch dieses bunte Gemisch aus kreativen Hervorbringungen hat seinen Reiz und ist damit adäquater Teil der beeindruckenden Schau „Avantgarde und Gegenwart. Die Sammlung Belvedere von Lassnig bis Knebl“ (bis 19.02.2023).

 Ausstellungsansicht "Lois Weinberger. Basics"  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Lois Weinberger. Basics" Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

LOIS WEINBERGER Wesentliche Fragen eines Grünen Mannes

 Lois Weinberger, Green Man, 2004  Foto: Paris Tsitsos © Studio Lois Weinberger

Lois Weinberger, Green Man, 2004 Foto: Paris Tsitsos © Studio Lois Weinberger

Künstlerische Praxis in poetischer Feldarbeit

Es sind Schuhsohlen, die wie schwarze Vögel in einem dürren Gebüsch sitzen und nur aufs Auffliegen zu warten scheinen. Eingepflanzt ist der Strauch in einem Beet aus grobem Kies. Es handelt sich dabei um die Skulptur „La Gomera“ und ist postum entstanden. Aber sie wurde exakt gemäß den Anweisungen von Lois Weinberger zusammengesetzt. Ihr Schöpfer ist am 21. April 2020 verstorben, nachdem er die ihm gewidmete derzeit umfassende Ausstellung im Belvedere 21 noch grundlegend konzipiert hatte.

Seine Witwe Franziska erinnert sich an die Genese dieses letzten Werkes. Sie war mit ihrem Mann auf der Kanarischen Insel La Gomera spazierend unterwegs, als sie am Strand einen Haufen von Schuhsohlen entdeckten. Wie und warum diese dorthin gekommen waren, ließ sich nicht eruieren. Lois Weinberger nahm spielerisch einige dieser Stücke und hängte sie in einen Dornbusch. Beide, er und seine Gattin empfanden, dass die damit entstandene Kombination die Kraft eines Ausdrucks entwickelt hatte. Es ist nur eines der vielen Beispiele, in denen Weinberger Natur und Menschenwerk in Beziehung brachte, um damit Anliegen sichtbar zu machen. Es sind Fragen, die bei sensiblem Hinschauen von welken Blättern, Unkraut, verrottendem Holz und kompostierender Erde gestellt werden. Er stöberte dazu in seinem Elternhaus im tirolerischen Stams und wurde mit den dort zutage geförderten Relikten des Alltags zum Archäologen seiner privaten Vergangenheit, er baute ein Hochhaus für Vögel und schuf der Natur ein von ihm konzipiertes Schutzgebiet, einen Hortus conclusus, dem das Betreten durch den Menschen von einem Eisenzaun verwehrt wird.

 Lois Weinberger, Ohne Titel, 2014  Foto: Paris Tsitsos © Studio Lois Weinberger

Lois Weinberger, Ohne Titel, 2014 Foto: Paris Tsitsos © Studio Lois Weinberger

 Lois Weinberger, Wild Cube, 1991/2011  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Lois Weinberger, Wild Cube, 1991/2011 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Lois Weinberger gilt als Vordenker einer künstlerischen Ökologie. Ob er als Künstler bezeichnet werden kann, ist jedoch eine offene Frage. Eher ist er als Philosoph zu bezeichnen, der weniger das Schreiben, als die praktische, meist dreidimensionale Umsetzung seiner Gedanken bevorzugt hat. Er kann dadurch den Mitmenschen leichter verständlich machen, was es bedeutet, ein Green Man zu sein, ein Grüner Mann, ein Fabelwesen aus vorchristlicher Zeit, das noch im Mittelalter in den gotischen Kathedralen als Blattgesicht abgebildet wurde. Es ist Ausdruck der ungebändigten, wilden Natur. Weinberger macht diese seine Identität in einem Foto von Paris Tsitsos 2004 deutlich, wenn er sein Gesicht grün einfärbt, aber auch diese geheimnisvolle Gestalt in zahlreichen Aquarellen, meist als Gerippe und damit als vielsagendes Memento mori, wiederkehren lässt.

 Lois Weinberger, Green Man, 2020  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Lois Weinberger, Green Man, 2020 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

 Lois Weinberger, Hochhaus für Vögel, 1976  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Lois Weinberger, Hochhaus für Vögel, 1976 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Bis 24. Oktober 2021 soll, so Generaldirektorin Stella Rollig, sein Werk nicht nur gewürdigt, sondern darüber hinaus in seiner Relevanz lebendig gehalten werden. „Basics“ ist der englische Titel, frei übersetzt mit „Wesentliches“, das uns zum Nachdenken über unseren Status quo in Bezug auf Umwelt und ein diesbezügliches Bewusstsein anregen soll. Gelegenheit dazu gibt es im Erdgeschoss des Belvedere 21 und im Außenbereich. Und überall schweigende Konfrontation und, wie schon gesagt, immer wieder Fragen. Die Antworten auf „Was begründet unser Sein?“, „Welche Auswirkungen hat unsere zunehmende Entfremdung von der Natur?“ oder grundlegend „Sind Kultur und Natur überhaupt ein Gegensatzpaar?“ muss sich der Besucher jedoch selbst suchen und geben, wobei ein Begleitheft wertvolle Aufschlüsse erteilt und bei mancher Ratlosigkeit auf die Sprünge hilft. Dann gibt es möglicherweise einen Zugang, z. B. für das großformatige Foto, auf dem Weinberger, ausgestattet mit einer Gießkanne, das Unkraut auf einer verwilderten Gstätten liebevoll hegt, wenn er auf seinen Armen wie ein Baby schützend eine mumifizierte Katze trägt oder einen Kasten voll Erde, ein paar wilden Pflanzen und leeren Plastikflaschen als beredte Schöpfung seiner poetischen Feldarbeit gesehen haben will.

Modell der Kirche des Karmelitinnenklosterprojekts © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

WOTRUBA, HIMMELWÄRTS Die Kirche auf dem Georgenberg

Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Hoch aufgetürmte Betonblöcke schaffen einen archaischen Kultplatz

Fritz Wotruba (1907-1975) war Bildhauer. Er hat in seinen Skulpturen dem Menschen eine kraftvolle Gestalt gegeben, reduziert auf dreidimensionale geometrische Formen wie Stele und Kubus, die seine Werke auf den ersten Blick erkennbar machen. Es waren mehrere Zufälle, dass er zum Schöpfer einer Kirche wurde. Es begann im Nachkriegsösterreich mit der Entführung der jungen Ökonomin Margarethe Ottilinger nach Russland und deren Gelöbnis, nach geglückter Heimkehr den Karmelitinnen ein neues Kloster zu stiften.

Fritz Wotruba, Skizze zu einer Architektur, 1966 © Harald Eisenberger / Belvedere, Wien

Ein Grundstück in Niederösterreich war bald gefunden und auf Anregung des damaligen Caritaspräsidenten Prälat Leopold Unger wurde der renommierte Künstler Fritz Wotruba mit dem Entwurf beauftragt. Der Orden empfand das geplante Bauwerk jedoch nicht mit seinem Auftrag zu Demut und Schlichtheit vereinbar. Nicht zuletzt aus finanzpolitischen Überlegungen (es wurde schließlich Kirchenbeitrag dafür verwendet) stoppte die Diözese Wien das Projekt. Das Bestreben, Wotrubas Pläne umzusetzen, blieb jedoch aktuell. So wurde gemeinsam ein Bauplatz gesucht. Auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, wo eine neue Siedlung im entstehen war, wurde man fündig. Das ursprüngliche Patrozinium „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ hat man beibehalten. Als alle möglichen Schwierigkeiten schließlich überwunden waren, einigten sich der Künstler und Architekt Fritz Gerhard Mayr nach intensiven Diskussionen auf Beton als Baumaterial. So konnte zwischen 1974 und 1976 auf dieser archaisch unmutenden Anhöhe einer der markantesten Sakralbauten Wiens entstehen. Der dadurch ausgelöste Entrüstungssturm legte sich bald und die „Wotrubakirche“ wurde zum Wahrzeichen und, wie es in einem protestantischen Kirchenlied heißt, zur festen Burg Gottes, deren dräuendes Äußeres durch Wärme und Helligkeit im Inneren auf wundersame Weise aufgehoben scheint.

Fritz Wotruba in seinem Atelier bei der Arbeit am Tonmodell © Belvedere, Nachlass Fritz Wotruba

45 Jahre sind seither ins Land gezogen. Der Georgenberg wurde mehr und mehr zur Kult- und Pilgerstätte, die Frömmigkeit und Kunstsinn vereint. Das halbrunde Jubiläum wurde nun für eine Ausstellung im Belvedere 21 genützt und diesem Solitär der Kirchenarchitektur eine Ausstellung gewidmet. „WOTRUBA. HIMMELWÄRTS“ (Kuratorin Gabriele Stöger-Spevak, bis 13. März 2022) zeigt die Genese dieser massiven Ansammlung von135 Betonkuben, die eng mit der Formensprache

Wotrubas verbunden ist, veranschaulicht mit Entwurfszeichnungen, Kirchenmodellen und ergänzenden plastischen Arbeiten aus den 1960er-Jahren. Dazu kommen internationale Vergleiche von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart, zu denen Schöpfungen von Le Corbusier oder Günther Domenig zählen. Ein Experimentalfilm von Thomas Draschan zur Wotrubakirche aus 2014 und Evy Jokhovas künstlerische Disziplinen überschreitende Auseinandersetzung mit der Architektur des Sakralbaus bieten anschauliche Vertiefung in die Materie. Die Ausstellungsobjekte stammen zum Großteil aus dem umfangreichen Nachlass Fritz Wotrubas, der 2011 der Österr. Galerie Belvedere anvertraut wurde und seitdem im Belvedere 21 für Forschung und Publikum zugänglich ist.

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