Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 Nancy Spero, Sheela and Wilma, 1985 (Detail)  Belvedere, Wien, Ankauf von der Galerie Lelong, New Y

Nancy Spero, Sheela and Wilma, 1985, Ankauf von der Galerie Lelong, New York, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2026

STELLPROBE der Sammlung aus dem letzten Jahrzehnt

Stellrpobe, Ausstellungsansicht © Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Stellrpobe, Ausstellungsansicht, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Heimo Zobernig inszeniert Kunst, die unter Stella Rollig das Belvedere bereichert hat.

Mehr als 150 Kunstwerke sind dennoch nur ein kleiner Teil dessen, was in der Dekade seit dem Amtsantritt von Generaldirektorin Stella Rollig angekauft, geschenkt oder auf Dauer geliehen wurde. Eine solche Leistungsschau musealen Bewahrens soll überzeugend vor allem den Eindruck von einer der Grundaufgaben des Museums vermitteln. Für die Gestaltung der Präsentation wurde deswegen ein renommierter österreichischer Künstler engagiert. Dem Kärntner Heimo Zobernig wurde abgesehen vom Untergeschoss, in dem sich zeitgleich die in Shanghai geborene Miao Ying unter „Come, Sit, Stay“ kritisch mit der KI auseinandersetzt, der übrige Teil des Belvedere 21 zur Verfügung gestellt. Zobernig schuf im Erd- und Obergeschoss, aber auch im Blickle Kino und im Skulpturengarten eine Bühne, auf der für ein Stationentheater geprobt wird. Das Ensemble ist erst bei der „Stellprobe“ angelangt, der Phase einer Inszenierung, bei der Provisorien noch die endgültige Ausstattung ersetzen.

 Margot Pilz, O. T. (Hände), 1978/2019  Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

o.: Margot Pilz, O. T. (Hände), 1978/2019 Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2026

r.: Helene Funke, Akt in den Spiegel blickend, 1908/10 Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

 Helene Funke, Akt in den Spiegel blickend, 1908/10  Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll

Trotz dieses scheinbar noch unfertigen Zustandes werden Publikum und Kritiker zur Besichtigung eingeladen. Sie dürfen zwischen verspiegelten Wänden und in einem Labyrinth, gebaut mit Kulissen aus dem Fundus des Volkstheaters, auf Entdeckungsreise gehen und sollen dabei feststellen, was alles, so Stella Rollig, für kommende Generationen bewahrt wird. Sie hat ihre Arbeit gut gemacht, zugleich einen öffentlichen Auftrag erfüllt und, wie sie sagt, den Blick in die Zukunft einer kontinuierlich wachsenden Sammlung geöffnet. Das Belvedere ist ein Museum der besonderen Art. Es besitzt Kunst aus beinahe einem Millennium, vom Mittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart. Die Oberfalkensteiner Altarflügel des Meisters von Möllbrücke stammen aus 1500/15, „Slow March“ von Sandra Mujinga wurde 2026 geschaffen. Den eigentlichen Schwerpunkt bilden Werke von Frauen. Künstlerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden ins Bewusstsein gerückt, so auch die Feministische Avantgarde, die organisch in die zeitgenössische Kunst führt.

Vertreten ist jedenfalls das Who´s Who Kunst schaffender Damen unseres Landes; um nur einige zu nennen: Elke Silvia Krystofek, Margot Pilz oder VALIE EXPORT. Etliches kennt man von Einzelausstellungen. Eine davon war der zwischen den Geschlechtern wandelnden Ashley Hans Scheirl gewidmet, deren „Two Heads“ nur einen schwachen Eindruck ihrer irritierenden Potenz vermitteln. Diesbezügliche Erinnerungen ruft auch „Untitled“, ein kunstvolles Fadengeflecht von Kazuko Miyamoto, wach, oder „Der Schwindelprinz“ von Christian Ludwig Attersee, dessen Personale 2019 anstelle eines Skandals für einen gewaltigen Zustrom Neugieriger gesorgt hat. Es lohnt sich also, auch die zwischen den weiblichen eingestreuten männlichen Positionen zu beachten. Dazu zählen „Der schöne Brunnen vor der Frauenkirche in Nürnberg“ von Rudolf von Alt, das „Selbstbildnis“ von Martin van Meytens dem Jüngeren oder ganz anders das „Malhemd der 40. Malaktion“ von Hermann Nitsch. Doch schließlich sollte es egal sein, ob ♀ oder ♂, denn alle zusammen verraten in dieser Stellprobe beachtliche Kompetenz des Sammelns.

 Heimo Zobernig, Ohne Titel, 2023  Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Heimo Zobernig, Ohne Titel, 2023 Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2026

 Ausstellungsansicht "Sandra Mujinga. Skin to Skin", Belvedere 21  Foto: Kunst-Dokumentation.com

Ausstellungsansicht "Sandra Mujinga. Skin to Skin", Belvedere 21 Foto: Kunst-Dokumentation.com, Manuel Carreon Lopez / Belvedere, Wien

21ER-HAUS-FRAUEN bespielen das Museum im Schweizergarten

Sue Williams. WHAT NOW © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Sue Williams. WHAT NOW © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Begegnung mit drei unterschiedlichen Positionen weiblicher Gegenwartskunst

Stella Rollig., Generaldirektorin des Belvedere, hat die Dependance ihres Museums in diesem Frühling ihren Geschlechtsgenossinnen vorbehalten. Das Belvedere 21 wird auf allen drei Etagen zum Ort der Präsentation von Kunst, mit der Frauen ihre Anliegen an eine in ihren Augen von Männern beherrschten Welt in jeweils ganz persönlicher Weise sichtbar machen. Als erste an der Reihe war im Jänner die norwegisch-kongolesische Künstlerin Sandra Mujinga. In „Skin to Skin“ (bis 31. Mai 2026) lädt sie, so Kurator Axel Köhne, dazu ein, Körper anders als bisher zu denken, nicht als klar abgegrenzte Einzelwesen, sondern als kollektive, fluide und widerständige Präsenz. Gemeint sind damit 55 identische überlebensgroße Figuren, gehüllt in dunkelgraue Gewänder. Entstanden ist damit eine Ansammlung von gespenstischen Klonen, deren Begegnung vielerlei Deutungen, von Science-Fiction bis zum Albtraum, offen lässt.

 Sandra Mujinga, Spectral Keepers, 2020  Installationsansicht, The Approach, London, 2021

Sandra Mujinga, Spectral Keepers, 2020 Installationsansicht, The Approach, London, 2021, Foto: Plastiques, Courtesy Sandra Mujinga und The Approach, London © Sandra Mujinga

 Friedl Kubelka, Der Besuch, 1975  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien, © Bildrecht, Wien 2026

Friedl Kubelka, Der Besuch, 1975 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien, © Bildrecht, Wien 2026 für Friedl Kubelka

Die Österreicherin Friedl Kubelka ist als Friedl vom Gröller bekannt für künstlerische Fotografie und tiefsinnige Kurzfilme. Nur wenige wissen, dass sie auch im bildnerischen Sektor aktiv ist. Unter dem Titel „Nicht daheim und doch zuhause“ (bis 7. Juni 2026) beweisen im Untergeschoß kleinformatige Gouachen ihr zeichnerisches Können. Dazu Co-Kurator Dietmar Schwärzler: „Fragmentierte Handlungsbögen, widersprüchliche Blickwinkel und uneindeutige Situationen prägen sowohl die gemalten Bilder als auch die Laufbilder. Slapstickhafte Momente stehen neben existenziellen Fragestellungen, Traumlogiken neben analytischen Setzungen.“ Entstanden sind die Blätter seit den 1970er-Jahren im kleinen Atelier in der Gartengasse in Wien, das trotz seiner Enge auch als Schul- und Wohnraum gedient hat. Das Belvedere 21 darf sich rühmen, weltweit als erstes Museum Objekte aus diesem Bestand der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen.

 Friedl Kubelka, Dianabad, 1975  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien, © Bildrecht, Wien 2026

Friedl Kubelka, Dianabad, 1975 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien, © Bildrecht, Wien 2026 für Friedl Kubelka

 Sue Williams, All Roads Lead to Langley, 2016  © Sue Williams. Courtesy 303 Gallery, New York

Sue Williams, All Roads Lead to Langley, 2016 © Sue Williams. Courtesy 303 Gallery, New York; Galerie Eva Presenhuber, Zurich / Vienna; Regen Projects, Los Angeles; Skarstedt, New York/ Paris / London. Foto: John Berens

Mit der amerikanischen Künstlerin Sue Williams ist eine Legende in den ersten Stock des Belvedere 21 eingezogen. Gemeinsam mit der von der Kraft ihrer Werke tief bewegten Stella Rollig und der Kuratorin Luisa Ziaja hat sich Williams für „What Now“ (bis 7. Juni 2026) als Titel entschieden. Unter den kleinen, noch von comichafter Gegenständlichkeit geprägten Zeichnungen der frühen Jahre fällt „Try to Be More Accammodating“ (Versuchen Sie, entgegenkommender zu sein) auf. Ein Frauengesicht wird von Penissen malträtiert, bis es blutet. Die prophetische Verbindung zur Gegenwart mit den Umtrieben eines Jeffrey Epstein und seiner „Freunde“ liegt auf der Hand.

Sue Williams war schon in den Jahren 1997 bis 1999 als Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Jetzt ist ihr eine umfangreiche Retrospektive gewidmet. Die Formate sind mit der Zeit größer geworden, deren Inhalt geheimnisvoller und abstrakter. Man ist gefordert, darin die reiche Anzahl von Symbolen für sich zu deuten, bis sich das Auge an zuletzt freundlich scheinenden verschiedenfärbigen, ineinander verschlungenen Linien erfreuen darf. Aber als gemalte Konstante im Schaffen dieser kämpferischen Frau wird sich immer die ironische Auseinandersetzung mit männlich codierter Einstellung zum Kunstbetrieb auch des 21. Jahrhunderts finden.

 Sue Williams, Your Bland Essence, 1992  Privatsammlung, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Sue Williams, Your Bland Essence, 1992 Privatsammlung, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

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