Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Katharina Lorenz, Jan Bülow © Matthias Horn

Katharina Lorenz, Jan Bülow © Matthias Horn

Düster beschaulicher UNTERGANG DES HAUSES USHER

Bibiana Beglau © Matthias Horn

Bibiana Beglau © Matthias Horn

Eine seltsam mehrsprachige Kollage von E. A. Poe-Geschichten

Diesen Anfang muss man überstehen, er zerrt an den Nerven und generiert den Gedanken: „Nicht schon wieder!“ Zwei Flügel schlagen klirrend aufeinander los. Tommy Hojsa und Josh Sneesby beginnen auf den Tasten zu den höchsten Tönen dieser Instrumente kurze, metallisch klingende, durch Dissonanzen verfremdete Akkorde anzuschlagen. Immer wieder und wieder, bis sich die Tonhöhe allmählich nach unten bewegt. Nach gefühlten zehn Minuten sind sie in der Mittellage angekommen und modulieren dann mit größter Gemütsruhe weiter zu den langen Saiten, stets die kleine, nach Auflösung drängende Septime nie mit dem Grundton zu befreien, sondern über eine Seitentonart neue Wege in den Harmonien zu beschreiten. Das Publikum wird hörbar unruhig und seufzt auch dann nicht erleichtert auf, wenn endlich eine Art Tonika erreicht wird. Die Musiker arbeiten im Hintergrund einer vielversprechenden Kulisse.

Jan Bülow, Ensemble © Matthias Horn

Jan Bülow, Ensemble © Matthias Horn

Der Untergang des Hauses Usher, Ensemble © Matthias Horn

Der Untergang des Hauses Usher, Ensemble © Matthias Horn

Es handelt sich um die herabgekommene Maschinenhalle der Zeche Zweckel, einem Steinkohlenbergwerk im Ruhrgebiet. Dort feierte diese „literarisch-musikalische Theaterkomposition“ im August dieses Jahres Premiere. Für das Burgtheater wurden nun die grauen Mauern und die mit Holzbrettern beschlagenen Fenster nachgebaut (Bühne: Martin Zehetbauer). Damit erklärt sich auch die minimalistische Ouvertüre, die als Wegweiser in die Tiefe erkannt werden soll. Immerhin hat das Haus Usher am Ende unterzugehen.

 

Regisseurin Barbara Frey setzt bei der Darstellung dieses Abstiegs auf das Ensemble, das als verängstigtes, zusammengedrängtes Grüppchen erscheint und durch den finsteren Raum zappelt. Jede und jeder kommt kurz zu Wort, um den Text von Edgar Allan Poe zu rezitieren, teils in der Muttersprache, wie bei Stacyian Jackson in Englisch und bei Annamária Láng in Ungarisch. Die jeweilige Übersetzung läuft auf zwei Bändern über der Bühne mit und wenn Deutsch gesprochen wird, leuchtet oben Englisch auf.

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Dennoch ist es vor dem Besuch dieser Vorstellung angeraten, sich in Poe einzulesen, insbesondere in die Titel gebende Story, dazu in Berenice, Das Feenland, Die Grube und das Pendel und Die Morde in der Rue Morgue. Zitate daraus unterbrechen den Zusammenbruch der uralten, gespenstischen Villa der Ushers. Während beispielsweise Michael Maertens sich über die Verstümmelungen der Leichen der beiden Französinnen gekonnt fein lustig macht oder Jan Bülow, Debbie Korley, Katharina Lorenz, Markus Scheumann und Bibiana Beglau Kostproben von den großartigen Formulierungen Poes zum Besten geben, arbeitet der Rest der Besetzung an Musikinstrumenten wie Gran Cassa, Glocken, Ratschen und Gong, um mit entsprechendem Wirbel das Gespenstische dieser Wanderungen im Graubereich zwischen Leben und Tod heraufzubeschwören. Geboten wird jedenfalls ungewöhnliches Theater, das in den Zusehern durchaus einen Zwiespalt zwischen „Was soll das!?“ und „ein geniales Gesamtkunstwerk!“ zu hinterlassen imstande ist.

Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Lilith Häßle, Roland Koch © Marcella Ruiz Cruz

KOMPLIZEN Abrechung mit zeitloser Ungerechtigkeit

Roland Koch, Michael Maertens © Marcella Ruiz Cruz

Roland Koch, Michael Maertens © Marcella Ruiz Cruz

Ein dramatischer Angstmacher mitten hinein in die Pandemie

Eine in sich durch Verwandtschaften eng vernetzte Gesellschaft lebt unter materiell scheinbar abgesicherten Umständen fröhlich ihre Beziehungsneurosen aus. Sie ginge einem nichts an, wären da nicht die Ränder, die mehr und mehr ausfransen und letztlich die Scheiben des nur mäßig gesicherten Glaspalasts zur Umwelt draußen einschlagen. Sie kommt einem in dem Moment ganz nahe, vielleicht zu nahe zur eigenen Haut, wenn man erfährt, dass eine Pandemie wütet, mit unvermeidlichen Todesopfern, sozialen Verwerfungen und damit verbundenen Unruhen. Schon Maxim Gorki hat eine solche Situation in „Kinder der Sonne“ auf die Bühne gebracht, das quasi eine Fortsetzung in „Feinde“ erhalten hat, einem Stück, dessen Aufführung sowohl in Russland als auch in Deutschland aufgrund des darin enthaltenen Sprengstoffs am Vorabend der proletarischen Revolution von Zar und Kaiser vorerst einmal verboten wurde. In den dazwischen vergangenen Jahrhundert haben sich möglicherweise einige Parameter verändert. So gibt es hierzulande eine demokratische Republik und ein Sozialsystem, das ein Überleben wochenlanger Quarantäne, medizinische Versorgung und finanzielle Absicherung bei einem Jobverlust bereithält. Geblieben ist dennoch die Unzufriedenheit derer, die nur neidvoll an den Villen derer vorbeispazieren können, die trotz allem locker Porsche plus SUV in der Garage parken und deren einzige Sorge das Auf und Ab von Börsenkursen ist.

Birgit Minichmayr, Michael Maertens © Marecella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr, Michael Maertens © Marecella Ruiz Cruz

Michael Maertens, Annamária Láng © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens, Annamária Láng © Marcella Ruiz Cruz

Trotzdem war es in gewisser Weise ein Wagnis, das Simon Stone, ein noch junger Autor und Regisseur, eingegangen ist, als er die Situation in Russland um 1900 in die Wiener Gegenwart verlegt hat. Die Gefahr, einen Anachronismus zu erzeugen, der das mit den Darstellern gemeinsam erarbeitete Stück womöglich unglaubwürdig gemacht hätte, hat durchaus bestanden, wurde aber sowohl durch Inszenierung als auch durch das engagierte Ensemble abgewendet. In der allgemeinen Begeisterung hat man vielleicht zu wenig darauf geachtet, die Dialoge nicht zu üppig geraten zu lassen. Manches von dem Gesagten ist einfach langatmig und zu breit ausgeführt. Dennoch ist es spannend, das Treiben wie in einem drehbaren Aquarium von allen Seiten beobachten zu können: nichts bleibt verborgen, außer vielleicht dem Wichtigsten: die Welt der anderen, das aber ganz bewusst.

 

Peter Simonischek ist der Industrielle Matthias, der die von seinen Vorfahren aufgebaute Konservenfabrik mit Grandezza leitet und die ganze Mischpoche an seinem Wohlstand teilhaben lässt. Sein Neffe Paul ist Wissenschaftler, der sein eigenes Labor zu Verfügung hat, um an Zellforschung zu arbeiten.

Felix Rech, Mavie Hörbiger © Marcella Ruiz Cruz

Felix Rech, Mavie Hörbiger © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld, Stacyian Jackson © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld, Stacyian Jackson © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens zeichnet hinreißend dessen Gestalt als intellektuellen Trunkenbold mit Hang zu philosophischem Tiefgang. Verheiratet ist er mit einer wesentlich jüngeren Frau. Lilith Häßle ist die Schauspielerin Tanya, die deutliche Distanz zum Ehemann zeigt und sich lieber vom Fotografen Dietmar (Roland Koch) im ehelichen Schlafzimmer porträtieren lässt. Mit im Haus wohnen die Geschwister Melanie (Birgit Minichmayr), eine verkrachte Akademikerin, und der Therapeut Botho (Felix Rech). Sie wird am Mikroskop bei Paul zudringlich, Botho will bei Lisa (Mavi Hörbiger), der burschikosen Schwester des Forschers, landen, steht sich dabei aber selbst im Wege. Als gute Seele des Haushalts gelingt es Anita (Annamária Láng) in der starken Anfangsszene den arg verkaterten Paul wieder ins Bewusstsein zurück zu holen. Verbindung nach draußen schaffen der cholerische Hausmeister Igor (Rainer Galke), der mit seiner plumpen Anmache bei Farida (Safira Robens), einer jungen Putzfrau, abprallt, der umsichtige Vorarbeiter Jürgen (Falk Rockstroh) und Raschid (Bardo Böhlefeld), der bei einem Zusammenstoß mit revoltierenden Arbeitern schwer verletzt wird. Eine mehr als undurchsichtige Rolle spielt dessen Frau Cleo (Stacyian Jackson). Gehört es auch zu ihrem perfiden Plan, dass der junge Arbeiter Goran (Dalibor Nikolic) Lisa in der U-Bahn vor einem Angriff ausländischer Burschen rettet und ihr eigener Mann im Rollstuhl gelandet ist? Ihr Vorhaben geht so glatt auf, dass Matthias in Vertretung der „Komplizen“ vor dem Scherbenhaufen seines Lebens eingestehen muss: „Schuld sind wir alle selber!“

Zdeněk  Adamec, Ensemble © Matthias Horn

Zdeněk Adamec, Ensemble © Matthias Horn

ZDENĚK ADAMEC Selbstverbrennung? Warum? Wozu?

Zdeněk  Adamec, Ensemble © Matthias Horn

Zdeněk Adamec, Ensemble © Matthias Horn

Ein Ensemble, das Handke, Weltverbesserer und andere Moralisierer genial infrage stellt

Mehr als vier Stunden in einer tschechischen Kleinstadt zu verbringen, in der Dreck, Ärmlichkeit und Perspektivlosigkeit des Kommunismus anno 2003 noch lange nicht überwunden waren, könnte durchaus zur Tortur werden. Aleksandar Denić kennt dazu mit seiner Ausstattung der Bühne kein Erbarmen. Riesige Plakate mit Zigarettenreklame aus Bruderstaaten des Ostblocks, brüchige Lattenzäune und ein dominierender Bildschirm, auf dem neben gnadenlosen Nahaufnahmen der Schauspieler (Live-Kameras: Andreas Deinert, Georg Eisnecker, Tonangler: Philip Plamitzer, Matthias Ermert, Live-Cutter: Manuel Bader) brutale Autocross Rennen oder Schwarzweißfilme sozialistischer Machart laufen, trägt an sich nicht gerade zum Wohlfühlen bei. Erschwerend dazu kommt ein Text von Peter Handke, der den grandiosen Wortkomponisten als peniblen Läusesucher und Grübler ausweist. Aber ausgerechnet Regisseur Frank Castorf, der Gottseibeuns mühsamen Regietheaters, hat gewusst, wie man eine derartige Malaise erträglich, sogar unterhaltsam auf diese Länge ausdehnen kann, ohne das Publikum in der Pause zum frühzeitigen Aufbruch zu bewegen. Er setzt einfach auf ein großartiges Ensemble, das sich selbst spielen darf.

Zdeněk  Adamec, Ensemble © Matthias Horn

Zdeněk Adamec, Ensemble © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi, Marcel Heuperman, Franz Pätzold © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi, Marcel Heuperman, Franz Pätzold © Matthias Horn

Florian Teichtmeister, Hanna Hilsdorf, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger, Mehmet Ateşçi̇, Mavie Hörbiger und Marcel Heuperman bringen Leben nach Humpolec, von wo aus der 18jährige Schüler Zdeněk Adamec am 5. März 2003 per Bus nach Prag aufbricht, um sich auf dem Wenzelsplatz mit Benzin zu übergießen und zu verbrennen. Der Bursch ist damit dem großen Vorbild Jan Palach gefolgt, der allerdings seine Aktion „Fackel No. 1“ im Gegensatz zu Adamec gegen das Diktat der Sowjetunion gesetzt hat und damit zum Helden geworden ist.

 

Während Handke nach ausgiebigen Recherchen kein wirklich tragkräftiges Motiv entdecken, sondern nur vermuten kann, lassen die Darsteller vieles durchblitzen, was den jungen Mann dazu getrieben haben könnte. Sie sind unter anderem Bewohner von Humpolec, die sich mangels anderer Aussichten dem Suff ergeben haben. Der an sich sinnlose, letale Protest wird bis zu einem gewissen Grad verständlich, wenn die Person von Adamec wieder ins Leben zurückgeholt wird, um sowohl an seiner Umwelt als auch an sich selbst zu scheitern.

Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Hanna Hilsdorf © Matthias Horn

Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Hanna Hilsdorf © Matthias Horn

In Zdeněks Abschiedsbrief, der an die lieben Bewohner der ganzen Welt gerichtet ist, bitte dieser, aus ihm keinen Irren zu machen. Das Ensemble hat sich daran gehalten und geht mit Handke auf die Suche, was gemeint sein könnte, wenn Adamec schreibt, „Fackel 2003“ sei eine Fortsetzung der Proteste gegen das Böse, das auf der ganzen Welt verbreitet ist. Ausgehend von diesem Allgemeinplatz erheben sie ihn zu einem Vorläufer von „Fridays For Future“ und schaffen damit eine Aktualität, die ganz ohne Moralisieren den traurigen Zustand unseres Planeten über die Rampe bringt. Ein wesentlicher Beitrag zum Gelingen ist der Humor, der sogar berührenden Dialogen den Bierernst nimmt und dank subtiler Komik zu ernsthaftem Nachdenken anregt.

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

MARIA STUART Zwei Frauen unter (nackten) Männern

Birgit Minichmayr, Bibiana Beglau © Matthias Horn

Birgit Minichmayr, Bibiana Beglau © Matthias Horn

Der Kampf Königin gegen Königin, entschieden von Friedrich Schiller

War Maria Stuart nun eine Heilige, wie es in katholischen Kreisen gerne lanciert wird, oder war sie ein Machtmensch der frühen Neuzeit mit all den damit verbundenen Brutalitäten, die mit einer Herrscherwürde verbunden waren? Historiker neigen eher zu zweitem. Immerhin wird ihr einiges an Blutverbrechen angelastet. Ihr zweiter Gemahl soll auf ihre Veranlassung hin umgebracht worden sein, sie bekämpfte entschlossen die Protestanten und zog blutig gegen schottische Adelige zu Felde. Ihre Gegnerin Elisabeth I. war aus dem gleichen Holz geschnitzt, nur eben nicht so schön und erotisch anziehend wie Maria. Außerdem wusste sie um die Gefahr, die von der schottischen Königin ausging und ließ diese, als Maria in England um Asyl ansuchte, sicherheitshalber arretieren. Gerüchte, dass die Gefangene einen Anschlag auf die englische Königin organisiert hätte, führten schließlich zur Verurteilung wegen Hochverrats.

Birgit Minichmayr, Ensemble © Matthias Horn

Birgit Minichmayr, Ensemble © Matthias Horn

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Drei Tage vor ihrer Hinrichtung setzt nun Friedrich Schillers Trauerspiel ein. Der Dichter hat darin letztlich die Entscheidung getroffen, wer am Tod von Maria Stuart tatsächlich die Schuld trägt. Es ist nicht die englische Königin, vielmehr sind es sie umgebende Berater, die den Unruheherd schleunigst entfernt wissen wollen, um ihre eigenen Ränke ungestört von dieser Affäre schmieden zu können.

 

Dass es ausschließlich Männer waren, die für wichtige Entscheidungen der Königin zuständig waren, macht Martin Kušej in seiner Inszenierung des Dramas auf drastische Weise anschaulich. Eine Schar meiste Zeit nackter Komparsen bildet beinahe ständig den Hintergrund zu Monologen und Dialogen, in denen Schillers Texte getreulich rezitiert werden. Ein paar kleine Kürzungen und Umstellungen im Ablauf der Szenen, und schon wird vieles klar, was vielleicht bei der Fülle an englischen Namen verwirrend sein könnte. Außerdem werden durch allgemeine Dunkelheit Gedankenpausen geschaffen, in denen das Gehörte verarbeitet werden kann. Ein weiterer Beitrag zum Verständnis ist auch die Personenführung, die von den Darstellern keinerlei akrobatische Übungen verlangt. So kann Itay Tiran den raubeinigen Feschak Leicester (mit Bierdose) bei beiden Damen elegant anbringen oder Franz Pätzold als junger Mortimer bei Maria mit uneinlösbaren Versprechungen schmachten.

Birgit Minichmayr, Rainer Galke © Matthias Horn

Birgit Minichmayr, Rainer Galke © Matthias Horn

Itay Tiran, Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Itay Tiran, Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Rainer Galke ist Gefängniswärter Paulet, der ganz böse sein will, aber sein gutes Herz einfach nicht überspielen kann. Da ist Norman Hacker ein anderes Kaliber. Sein Burleigh ist durchtrieben und von erstaunlicher Falschheit, die ihm letztendlich beinahe zum Verhängnis wird, wenn er dem biederen Davidson (Tim Werths) das unterfertigte Todesurteil abluchst. Der umsichtige Talbot, Graf von Shrewsbury, ist Oliver Nägele, der das Verhängnis nicht abwenden kann, denn Elisabeth ist aufgrund von Hass, Angst und Beschämung seitens ihrer Kontrahentin mehr als geneigt, diese köpfen zu lassen. Dennoch hemmen sie Skrupel, die Bibiana Beglau, ganz Königin, unaufgeregt deutlich macht. Birgit Minichmayr dagegen ist als Maria hoch emotional, geißelt sich mit Selbstvorwürfen, genießt umgekehrt wieder ihre Anziehungskraft auf Männer und geht schließlich mit hoch erhobenem Haupt zum Schafott. Der Applaus des Wiener Premierenpublikums quittierte das erfolgreiche Bemühen, einen Klassiker auf eine doch ganz neue Art auf die Bühne zu bringen.

Mein Kampf Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

MEIN KAMPF Eine Farce von einem Betroffenen

Markus Hering, Marcel Heuperman, Oliver Nägele © Marcella Ruiz Cruz

Schlomo Herzl und seine illustren, aber großteils ungebetenen Gäste

Der Jude Herzl will nichts als an seinem Buch arbeiten. Er hat bereits einen mehr schlechten als rechten Beginn. Er weiß zwar, was er schreiben will. Es sind die Erinnerungen an das, was er in seiner Jugend vergessen hat. Ins schönste Sinnieren platzt aber der Allmächtige, Gott himself, der mit Herzl einen Dialog voll prächtigster Blasphemien einleitet. Als sich herausstellt, dass es sich bei diesem Besucher auch um einen gewissen Lobkowitz handeln könnte und über den Titel des Buches disputiert wird, erscheint just beim Vorschlag „Mein Kampf“ per Eintreten der Tür ein junger Mann aus Braunau am Inn und begehrt von Herzl ein Nachtlager. Solches wird ihm gewährt und nebenbei erklärt, dass sein Name Hitler eigentlich jüdischen Ursprungs ist. Blätter aus der von ihm mitgebrachten Mappe zur Bewerbung als Student der Kunstakademie werden begutachtet und launig kommentiert. Dass die Aufnahme nicht klappt, ist klar. Hitler bleibt aber, scheißt hemmungslos vor den beiden in einen Kübel und lässt sich nur schwer überreden, sich doch zurück zu ziehen.

Marcel Heuperman © Marcella Ruiz Cruz

Es kommt nämlich das junge und schöne Gretchen zu Herzl, das sich in den Greis aus welchen Gründen auch immer verliebt hat. Sie mampft Gummibärlis und schenkt dem Alten ein streichelweiches Huhn. Ein kaltes Lüfterl weht durch den Raum, wenn von unten Frau Tod auftritt. In einem Song beteuert sie, wie schön das Sterben ist und engagiert sich dazu als Gehilfen diesen Hitler, dessen Freund Heinrich Himmlisch das bis dahin wunderbar mitspielende Hendl nach allen Regeln der Kochkunst brät und nebenbei den bedauernswerten Herzl kreuzigt. Auf die finale Frage an den noch immer anwesenden Herrn: „Wo warst du, Gott?“, antwortet dieser, dass er ohnehin da gewesen sei, aber Herzl vergessen habe, ihn zu sehen.

Rainer Galke, Hanna Hilsdorf © Marcella Ruiz Cruz

George Tabori, dessen Vater im Konzentrationslager umgekommen ist, hatte die Kraft, Hitler in der Farce „Mein Kampf“ als im Grunde idiotisches Phänomen hinzustellen. Es darf zu den schrecklichsten Ahnungen gelacht werden, wenn entsprechende Pointen es erlauben. Die sehr kompakte Regie stammt von Itay Tiran, einem Isreali, der bereits etliche Male für das Burgtheater gearbeitet hat. Marcel Heuperman ist der junge Hitler, der diesen ohne Rücksicht auf sich zur lächerlichen Figur macht.

Er rennt in Unterhosen herum und entblößt mutig seinen Arsch, während er als Dauerredner den aus Hitlers Auftritten als Führer sattsam bekannten Schwachsinn von sich gibt. Gott und Lobkowitz ist Oliver Nägele, der sich in beiderlei Gestalt über die von ihm vertretene höchste Instanz lustig machen darf. Sehr irdisch ist Hanna Hilsdorf als zierliches junges Gretchen, das seine erwachende Erotik an Herzl versucht, bevor es ihn in einem Blumen bestückten Dirndl als Mörder Jesu anklagt.

Rainer Galke wütet fürchterlich als ein mit einer Hacke bewaffneter Heinrich Himmlisch. Das Opfer ist schließlich derjenige, der niemandem je ein Leid angetan hat. Schlomo Herzl hat Hitler Quartier gewährt, Gott sehr kultiviert kontra gegeben, sich an dem jungen Mädchen nicht vergriffen und den Tod (unnahbar smart: Sylvie Rohrer) willkommen geheißen. Dank Markus Hering wird Herzl zum bemitleidenswerten Sympathlieträger, dessen Seelenruhe durch diesen genial absurden Auftrieb ungebetener Gäste gründlich gestört wird.

Markus Hering, Sylvie Rohrer © Marcella Ruiz Cruz
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