Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Cyrano de Bergerac, Ensemble © Nikolaus Ostermann

Cyrano de Bergerac, Ensemble © Nikolaus Ostermann

CYRANO DE BERGERAC als Überschreibung witzig, stark

Alexandra Henkel, Gunther Eckes, Bless Amada, Franz Pätzold, Lilith Häßle © Matthias Horn

Cyrano de Bergerac, Ensemble © Matthias Horn

Musik und Gags voll Poesie

Von Liebe, Trug und Sympathie

Wenn Theater ins Theater wandelt,

sich´s dann meist im Sinn drum handelt,

dass ein Stück im Stück gespielt

und auf Publikums Verwirrung zielt.

 

Ein Mann mit großer Nase ist verliebt,

die Frau doch nur an Schönling gibt,

was sie an Reiz zu bieten hat,

und so den Falschen nimmt ganz glatt.

 

Dem Nasenbär´n wird´s auch nicht rechter,

dass er Poet ist und ein Fechter.

Er schreibt den Dummrian zu seinem Glück

und bringt die Tragik so ins Stück.

Holprige Verse und gewagte Reime sind ansteckend. Bei „Cyrano de Bergerac“, einer frisch, frechen und pointierten Überschreibung des Originals von Edmond Rostand von 1897 durch Martin Crimp, bricht nach den zweidreiviertel Stunden Poesie-Infusion zwangsläufig die seit Jugendtagen verödet geglaubte dichterische Ader wieder auf. In der Regie von Lily Sykes wird die Bühne des Burgtheaters zur amüsanten Poesiewerkstatt.

Lilith Häßle, Franz Pätzold, Tim Werths © Matthias Horn

Lilith Häßle, Franz Pätzold, Tim Werths © Matthias Horn

Neben aller Hetz wird sie aber auch zum Schauplatz besinnlichen Nachdenkens. Es gibt Krieg und damit Tote, für die stellvertretend mehr und mehr Leiberl mit einem roten Kreuz auf dem Rücken über der Szene hängen.

 Gunther Eckes, Alexandra Henkel, Bless Amada, Tim Werths © Nilolaus Ostermann

Gunther Eckes, Alexandra Henkel, Bless Amada, Tim Werths © Nilolaus Ostermann

Alexandra Henkel, Bless Amada © Matthias Horn

Alexandra Henkel, Bless Amada © Matthias Horn

Das Ensemble flitzt durch den Zuschauerraum, bevor es in die eigentlichen Rollen schlüpft. Bless Amada ist ursprünglich stimmgewaltiger Moderator, damit sich die Zuschauer auskennen, wer da von den Logen aus Zurufe tätigt, später wird er zum verfolgten Dichter Lignère, bevor er sein Temperament am Schlagzeug auslebt. Den überheblichen De Guiche, trotz allerhöchster Protektion ein Loser auf allen Gebieten, lässt Markus Scheumann so richtig unsympathisch an sich selbst scheitern. Leila Ragueneau hat mit Alexandra Werths die umsichtige Lehrerin für Poesie und Bäckerin einer dampfenden Zitronen Tarte gefunden und damit auch einen Ruhepol im turbulenten Geschehen. Tim Werths hat einfach nur fesch zu sein. Er ist Christian, der mit einer akrobatischen Einlage plus Szenenapplaus seine Schwäche im Schreiben von schmachtenden Liebesbriefen deutlich macht. Viel Aufregung gibt es für Gunther Eckes als Le Bret, dessen Hauptaufgabe darin besteht, seinen Freund vor Misslichkeiten zu bewahren. Franz Pätzold, von der Maske mit Mordsriechorgan ausgestattet, vermeidet als Cyrano de Bergerac nämlich keinen Streit, besiegt hundert Angreifer und vertreibt einen Publikumsliebling von der Bühne. An der innig geliebten Roxane muss er jedoch scheitern. Als solche erkennt Lilith Häßle zu spät, dass die Liebesbriefe nicht von Christian, sondern von Cyrano geschrieben wurden. In einer ungemein berührenden Szene sagt sie ihm zu, mit ihm auf die Hinterseite des Mondes zu fliegen, aber mit dem roten Kreuz am Buckel stirbt Cyrano in ihren Armen.

Michael Maertens, Mavie Hörbiger, Ensemble © Matthias Horn

Michael Maertens, Mavie Hörbiger, Roland Koch, Johannes Zirner, Dietmar König © Matthias Hoen

DER STURM als luftige Spielwiese zugiger Regieideen

Nils Strunk, Lili Winderlich © Matthias Horn

Nils Strunk, Lili Winderlich © Matthias Horn

Ein unterhaltsamer Vermittlungsversuch von Shakespeare mit viel Musik und wohl platzierten Zitaten

Eine entlegene Insel wird zum Mikrokosmos und zum Abbild der großen Welt, aus der deren Bewohner aus verschiedensten Gründen dort gestrandet sind. Schon einige Jahre vor der Zeit der Handlung hat es den entmachteten Herzog von Mailand auf dieses Eiland verschlagen. Nachdem er ein Bücherwurm ist und die Zauberei beherrscht, kann er sich die Geisterwelt seines Exils gefügig machen. Ihm unterstehen der Luftgeist Ariel und Caliban, der Sohn der Hexe Sykorax. Die ruhigen Tage des Inselherrschers und seiner Tochter sind jedoch vorbei, als die Besatzung eines Schiffs, bestehend unter anderem aus dem König von Neapel, dessen Sohn und den Bruder Prosperos nach einem Sturm auf die Insel geraten. Prospero hat ihn selbst durch Ariel entfachen lassen, womit sich die Frage stellt, warum er das getan hat. Mit Eintreffen dieser Gesellschaft ist es vorbei mit Beschaulichkeit und Frieden. Es gibt Mordpläne an Prospero, aber auch Vergebung und eine reizende Liebesgeschichte; ein Märchen eben, dessen fantastische, ans Absurde grenzende Handlung nur William Shakespeare schlüssig erzählen kann.

Maria Happel, Mavie Hörbiger, Nils Strunk, Lili Winderlich © Matthias Horn

Maria Happel, Mavie Hörbiger, Nils Strunk, Lili Winderlich © M. Horn

Dietmar König, Michael Maertens, Roland Koch, Johannes Zirner © Matthias Horn

D. König, M. Maertens, R. Koch, J. Zirner © Matthias Horn

Der Isländer Þorleifur Örn Arnarsson hat sich mit seiner Inszenierung von „Der Sturm“ in diesen Schwebezustand zwischen realem Geistertreiben und erfundener Wirklichkeit eingeklinkt. Er entzieht dem Publikum gekonnt den sicheren Boden, der eine Beurteilung des Geschehens nach logischen Maßstäben ermöglicht hätte. Ein probates Mittel dazu ist der Einsatz musizierender Schauspieler unter der Leitung des vielseitigen Musikers Gabriel Cazes. Mit Flügelhorn und Trompete wird gejazzt, genauso aber rockig aufgegeigt und erforderlichenfalls mit romantischem Pop plüschige Stimmung gemacht. Während man in diesen Klängen dahin treibt, genießt man fein rezitierte Zitate aus dem Stück, zum Teil sogar in Originalsprache.

Nils Strunk, Roland Koch, Michael Maertens, Dietmar König © Matthias Horn

Nils Strunk, Roland Koch, Michael Maertens, Dietmar König © Matthias Horn

So ist es eine Wonne, Michael Maertens als Alonso, König von Neapel oder als Trincolo, seinem eigenen Hofnarren, zuzuhören und zuzuschauen, wenn er mit Roland Koch als Kellermeister die missgebildete Kreatur Caliban (Florian Teichtmeister) zum Mord an Prospero überreden will. Auf den Kopf seines eigenen Bruders hat es auch Antonio (Johannes Zirner) abgesehen, der den Bruder des neapolitanischen Königs namens Sebastian (Dietmar König) zum Attentat an Prospero anstiftet. Dass keine dieser Untaten passiert, darauf schauen verlässlich die Geister, allen voran Mavie Hörbiger als Ariel, der souverän um seine Freiheit kämpft. Diese kann ihm nur – in diesem Fall – die Prosperin (Maria Happel) gewähren, die mit Wohlwollen die Verbindung ihrer Tochter Miranda (Lili Winderlich) mit dem netten Ferdinand (Nils Strunk als Königssohn aus Neapel) zur Kenntnis nimmt, um mit dem zentralen Satz „Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind“ für dankbare Andacht im Auditorium zu sorgen.

Die Ärztin, Esemble © Marcella Ruiz Cruz

Die Ärztin, Esemble © Marcella Ruiz Cruz

DIE ÄRZTIN ordiniert in unheilbaren Klischees

Sophie von Kessel, Bless Amada, Zeynep Buyraç, Gunther Eckes © Marcella Ruiz Cruz

Sophie von Kessel, Bless Amada, Zeynep Buyraç, Gunther Eckes © Marcella Ruiz Cruz

Der Versuch des Engländers Robert Icke, Professor Bernhardi in die Gegenwart zu schreiben

Wie auch bei Arthur Schnitzler geht es in „Die Ärztin“ darum, dass seitens eines Arztes, in diesem Fall einer Ärztin, ein katholischer Priester daran gehindert wird, einer Sterbenden die Sakramente zu erteilen. In beiden Fällen sind die Mediziner Juden. Damit beginnt ein Problem, das dieses Stück bis zur Pause in enervierenden Streitereien verfolgt, ohne einige wesentliche Punkt zu bedenken. Erstens würde kaum ein Spital, zumindest in Wien, seelischen Beistand für eine schwerkranke Patientin ablehnen, vielmehr ist man in allen Krankenhäusern verpflichtet, für die jeweilige Konfession Geistliche zur Hand zu haben und diese zu verständigen. Zweitens fehlt das eigentliche Verständnis für die etwas unglücklich als Sterbesakramente und letzte Ölung genannten geistlichen Handlungen. Gebet und Salbung sollen im ursprünglichen Sinn vor dem Tod retten und den jeweiligen Menschen wieder zur Gesundung verhelfen. So heißt es dort unter anderem: „Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“

Die Arztin, Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

Die Arztin, Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

 Sophie von Kessel, Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz

Sophie von Kessel, Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz

Daran haben offenbar weder Arthur Schnitzler gedacht, noch sein Nachfolger Icke. Im aktuellen Fall verstirbt die Tochter eines streng katholischen Ehepaares an den Folgen einer missglückten, an sich selbst vorgenommenen Abtreibung. Was folgt, ist ein Kesseltreiben gegen die Ärztin, einer Koryphäe in ihrem Fach, der Behandlung von Demenz. Zur Sprache kommen Klischees, angefangen von der Jüdin, die sie zwar ist, aber nicht praktiziert, über die Diskriminierung von Farbigen bis zur Benachteiligung von Frauen, alles sattsam durchgekaute Themen, die unter vernünftigen Zeitgenossen längst keine brennenden Probleme mehr sein sollten. Derzeit erschüttern uns wahrlich andere, weit gefährlichere Blödheiten. Seltsam erscheint auch das Reiben an der katholischen Kirche, die unserem Land der Taufscheinchristen schon vor zwanzig, dreißig Jahren kaum mehr eine Auseinandersetzung wert war.

Der Autor selbst hat im Burgtheater Regie geführt. Dabei dürfte es ihm Spaß gemacht haben, die Zuschauer zu irritieren. Die Farbigen werden von weißen und die Weißen von farbigen Darstellern verkörpert, Frauen spielen gleichermaßen Männer- und Frauenrollen und eine junge Schauspielerin gibt einen Knaben, der sich als Mädchen fühlt. Das Ensemble bewältigt diese Verwirrungen mit Respekt und schafft so weit Klarheit, dass man am Ende sogar weiß, wer wer war. Dazu trägt auch die einfach gestaltete Bühne bei, ein halbrunder, nahezu leerer Raum, in dem sich die Zwistigkeiten ermüdend um sich selbst drehen. Darüber thront eine Schlagzeugerin, die mit ihren Sounds Spannung erzeugt, wenn sich die Handlung darunter zu ziehen beginnt. Eine solche stellt sich aber ganz von selber ein, wenn Professor Ruth Wolff zum Opfer mutiert. Sophie von Kessel als die so forsche und aggressive Leiterin des von ihr gegründeten Instituts nimmt man die Kompromisslosigkeit ab, mit der sie darauf besteht, als Ärztin so und nicht anders entschieden zu haben.

Sophie von Kessel, Teresa Müllner (Schlagzeug), Maresi Riegner © Marcella Ruiz Cruz

Sophie von Kessel, Teresa Müllner, Maresi Riegner © M. Ruiz Cruz

Nacheinander fallen ihre Kollegen, die sich anfangs als zusammen geschweißtes Team geben, von ihr ab. Private Freundschaften zerbrechen. Das alles spielt sich in der wesentlich stärkeren, weil ruhigeren zweiten Hälfte der Vorstellung ab. Berührend ist das tiefgehende Gespräch mit dem Pfarrer (Philipp Hauß), in dem Fragen aufgeworfen werden, die tatsächlich substanziell sind und als Stoff zum Nachdenken mit nach Hause getragen werden dürfen.

Nicholas Ofczarek, Felix Rech, Sarah Viktoria Frick, Oliver Nägele © Matthias Horn

Nicholas Ofczarek, Felix Rech, Sarah Viktoria Frick, Oliver Nägele © Matthias Horn

GESCHICHTEN AUS DEM seltsam fremdartigen WIENER WALD

Maria Happel, Sarah Viktoria Frick © Matthias Horn

Maria Happel, Sarah Viktoria Frick © Matthias Horn

Eine von liebgewordenen „Unanständigkeiten“ befreite Wanderung durch den Dschungel der Großstadt

Regisseur Johan Simons hat es gewagt, eine österreichische Ikone augenzwinkernder Nabelschau grundlegend zu verändern. Der Niederländer hat sich mit dem berühmt berüchtigten Weana Schmäh angelegt, ist diesem dabei aber offenbar aufgesessen. Die tiefschwarzen Abgründe, mit denen der junge Ödön von Horváth in seiner Farce, einem angeblichen Volksstück, virtuos gespielt hat, sind dem Nichtwiener verborgen geblieben. Einfach gesagt, Simons hat die subtile Bösartigkeit, die nahezu jeden einzelnen Typen auszeichnet, nicht wahr haben wollen. So ist es gekommen, dass Alfred (Felix Rech) ein braver, von ehrlichen Skrupeln geplagter junger Mann ist, dessen Anziehungskraft auf Frauen der Attraktivität eines Löschblattes nahekommt. Vom feschen Strizzi, der auf krummen Wegen sein Auskommen mit Wetteinsätzen bei Pferderennen und gelegentlichem Beischlaf mit einer ältlichen Trafikantin bestreitet, ist nichts zu spüren. Ähnliches gilt für Erich, der als 18jähriger Nazi die schlappen Österreicher auf Linie bringen will. Aus ihm ist mit Jan Bülow ein nachdenklicher Jungregisseur geworden, der eher beobachtend, denn als agitierend durch das Geschehen webt.

Geschichten aus dem Wiener Wald, Ensemble © Matthias Horn

Geschichten aus dem Wiener Wald, Ensemble © Matthias Horn

Gertrud Roll, Nicholas Ofczarek © Matthias Horn

Gertrud Roll, Nicholas Ofczarek © Matthias Horn

Der erotische Anziehungspunkt beider Herren wäre laut Horváth die lebensfrohe Valerie, die ihre Sinnlichkeit allzu gern an potente Herren verschwenden möchte. Sylvie Rohrer muss allerdings jeden diesbezüglichen Reiz ablegen, darf kein sexy Outfit tragen und muss die ihrer Figur normalerweise immanente Offenherzigkeit mit kühlem Spiel glaubhaft machen, was auch für eine Schauspielerin ihres Formats eine nahezu unlösbare Herausforderung darstellen dürfte. Das Hauptproblem ist wohl, dass man das Stück schon zu oft und in großartig passender Besetzung erlebt hat. Man wartet auf die Schmankerln, zum Beispiel auf eine dämonische Großmutter, die ihre Umgebung mit pragmatischer Grausamkeit das Gruseln lehrt. Gertrud Roll versucht sich wacker am Bösesein, bleibt aber eine alte, unsympathische Keifen, die sich mit ihrer Tochter (Annamária Láng) Schreiduelle liefert. Ganz schlimm trifft die Verwandlung der Charaktere den Mister, den geborenen Wiener, der in Amerika zu Geld gekommenen ist. Kein Geringerer als Falk Rockstroh muss in seltsamem Kasperlgewand mit deutschem Idiom besoffen herumtaumeln und sich lächerlich machen.

Geschichten aus dem Wiener Wald, Ensemble © Matthias Horn

Geschichten aus dem Wiener Wald, Ensemble © Matthias Horn

Seiner Rolle als eleganter Rittmeister im Ruhestand, der täglich die hervorragende Qualität der Blutwurst lobt und bei der Trafikantin nichts gewonnen hat, bleibt Martin Schwab erfreulich treu. Dass sein Trick, den Zauberkönig (Oliver Nägele) mit dessen auf die schiefe Bahn geratene Tochter zu versöhnen, missglückt, ist nicht seine Schuld. Der von der Entwicklung seines einzigen Kindes erschütterte Vater ist offenbar recht prüde. Denn: Wo sonst Marianne als Nackttänzerin auftritt, zieht Sarah Viktoria Frick züchtig mit Shorts und Top bekleidet eine eher spaßige Show ab. Das ist doch nicht so unanständig, dass man deswegen gleich einen Herzanfall bekommt! Die Lacher an dieser Stelle sind übrigens Maria Happel zu verdanken. Als Koberin, pardon, als Baronin, versucht sie sich am musikalischen Spiel mit Gläsern und assistiert auf der Bühne mit feiner, umwerfender Komik. Ihr Heischen um Applaus samt hintergründigem Grinsen wären alleine schon ein Grund, sich diese Inszenierung anzuschauen, wäre da nicht auch Oskar. Nicholas Ofczarek ist in dem ganzen Wirbel der wohltuend ruhende Pol. Mit eindringlich leiser Stimme „bedroht“ er die in seinen Augen lediglich „störrische“ Marianne: „Du wirst meiner Liebe nicht entkommen“, um sie zuletzt bei Walzerklängen wie eine abgestochene Sau von der Bühne zu schleifen. Eine derart erschütternde Grausamkeit schafft nur einer, der in diesem Wiener Wald mit seinen nur scheinbar heimlichen Gässchen und idyllischen Platzerln als einer der wenigen die Orientierung behalten hat. Dem Publikum bei der Premiere hat diese Performance selbstverständlich gefallen, aber offenbar auch der Rest, worauf beinahe frenetischer Applaus und kräftige Bravorufe schließen lassen.

Florian Teichtmeister  © Matthias Horn

Florian Teichtmeister als Semjon Semjonowitsch Podsekalnikov © Matthias Horn

DER SELBSTMÖRDER hat gefälligst tot zu sein!

Der Selbstmörder Ensemble © Matthias Horn

Der Selbstmörder Ensemble © Matthias Horn

So haben wir uns das Paradies des Proletariats schon immer vorgestellt

1928 ist die Komödie „Der Selbstmord“ entstanden. Autor war der Russe Nikolai Erdman, der den noch in seinen Kinderschuhen steckenden Sozialismus mutig einer parodistischen Befragung unterzogen hat. Entstanden ist eine Satire, deren wahre Bissigkeit heutzutage nur mehr erahnt werden kann. Erstens hat sich mittlerweile das Paradies selbst aus seiner erklärten proletarischen Wohnstatt ausgetrieben und zweitens hat russischer Humor andere Parameter als ein Kabarett hierzulande. Dennoch erinnert manches an die Zeiten, als eine Überschreitung des Eisernen Vorhangs auch für Touristen extreme Einschränkungen mit sich brachte. Fotografieren war eine der gefährlichsten Tätigkeiten, die nicht selten zu ungewollter Verlängerung eines Moskau-Aufenthalts abseits des Hotelzimmers in der ungemütlichen Stube eines Polizeiarrests führte. Heute dürfen wir befreit lachen, wenn Florian Teichtmeister aufgrund einiger unbedachter Äußerungen seines Helden Semjon Semjonowitsch Podsekalnikov zum potentiellen Selbstmörder avanciert.

Florian Teichtmeister, Lilith Häßle  © Matthias Horn

Florian Teichtmeister, Lilith Häßle © Matthias Horn

Der Selbstmörder Ensemble. Bühne © Matthias Horn

Der Selbstmörder Ensemble. Bühne © Matthias Horn

Ausgelöst wir das Kuddelmuddel von seiner Gattin Mascha (Lilith Häßle), die es längst satt hat, dass ihr Mann keine Arbeit, damit auch kein Geld hat und nur von einem Stückchen Leberwurst träumt. Mit einem Schuss in seinen Kopf könnte er zum Titanen der Revolution werden, erklären ihm Vertreter aller möglichen Stände, die Ende der 1920er-Jahre die sozialistische Gesellschaft zu tragen glaubten.

 

Peter Jordan und Leonhard Koppelmann haben diese Farce unter dem Titel „Der Selbstmörder“ für das Burgtheater aufbereitet. Das Motto ihrer Personenführung lautet Chaos, um damit von sich aus das Unkontrollierte dieser Metapher zu erklären. Als einziger Pfeiler der Ordnung donnert hinter der Bühne eine U-Bahn fahrplanmäßig vorbei und macht dabei das stolze Wappen des Sozialismus, Hammer und Sichel, unsichtbar. Dazwischen treiben sich scheinbar (Fünfjahres)planlos diverse Personen herum, die in verschiedensten Rollen auftreten und sich dabei so behände in Person und sogar Geschlecht wandeln, dass man leicht den Überblick verliert.

Der Selbstmörder Ensemble. Bühne © Matthias Horn

Der Selbstmörder Ensemble. Bühne © Matthias Horn

So mischt sich Katharina Pichler als Semjons Schwiegermutter Serafima Iljinischna ungeniert in die Ehe ein, um nur durch einen Schurrbart gekennzeichnet als volkstümlicher Dichter Viktor Viktorowitsch poetischen Senf dem geplanten Suizid aufzuschmieren. Markus Hering ist neben Auftritten u. a. als verdächtige Gestalt im Hauptberuf Schießbudenbesitzer Alexander Petrowitsch Kalabuschkin, frisch verwitwet und mit der vollbärtigen Margarita Iwanowna Pereswetowa liiert (Tim Werths ist auch als frivoler Pope zugange, dem Blasphemie im Blut liegt), um regelmäßig seine Watschen von ihr abzufangen. Als Semjon mit einem Leitfaden für Basstuba auftaucht, hat Petrowitsch auf der Stelle ein Sousaphon bei der Hand, dem Teichtmeister mit reizender Unbeholfenheit einige klägliche Furzer entlockt. Für Eifersuchtszenen sorgt auch die chic in Leder gewandete Kleopatra Maximowna (Alexandra Henkel), die von romantisch verbrämter Liebe schwärmt, die nur Semjon durch seinen Selbstmord zur Erfüllung bringen könnte. Gleichzeitig ist sie ihre eigene Rivalin Raissa Filippowna, die von den Herren unverbrämte (freie) Liebe verlangt. Die rote Fahne schwingend hält Bardo Böhlefeld als Student Jegoruschka Brandreden, um als selbständiger Fleischer Nikifor Arsentjewitsch Pugatschow und Schneiderin Madame Sophie die werktätige Klasse der Handwerker zu vertreten. Die Gestalt, mit der sich Autor Erdman am ehesten identifizieren hätte können, ist Aristarch Dominikowitsch Grand-Skubik (Dietmar König). Aber er lässt diesen feinen Herrn der alten russischen Intelligenz (pfui!) entstammen, die außer großen Worten und Angst vor dem Pöbel nichts zu bieten hat. Die einzig ehrliche Frage verbleibt dem Selbstmörder, der die Chuzpe hat, fröhlich weiter zu leben: „Revolution, was hast du mir gegeben?

Katharina Lorenz, Jan Bülow © Matthias Horn

Katharina Lorenz, Jan Bülow © Matthias Horn

Düster beschaulicher UNTERGANG DES HAUSES USHER

Bibiana Beglau © Matthias Horn

Bibiana Beglau © Matthias Horn

Eine seltsam mehrsprachige Kollage von E. A. Poe-Geschichten

Diesen Anfang muss man überstehen, er zerrt an den Nerven und generiert den Gedanken: „Nicht schon wieder!“ Zwei Flügel schlagen klirrend aufeinander los. Tommy Hojsa und Josh Sneesby beginnen auf den Tasten zu den höchsten Tönen dieser Instrumente kurze, metallisch klingende, durch Dissonanzen verfremdete Akkorde anzuschlagen. Immer wieder und wieder, bis sich die Tonhöhe allmählich nach unten bewegt. Nach gefühlten zehn Minuten sind sie in der Mittellage angekommen und modulieren dann mit größter Gemütsruhe weiter zu den langen Saiten, stets die kleine, nach Auflösung drängende Septime nie mit dem Grundton zu befreien, sondern über eine Seitentonart neue Wege in den Harmonien zu beschreiten. Das Publikum wird hörbar unruhig und seufzt auch dann nicht erleichtert auf, wenn endlich eine Art Tonika erreicht wird. Die Musiker arbeiten im Hintergrund einer vielversprechenden Kulisse.

Jan Bülow, Ensemble © Matthias Horn

Jan Bülow, Ensemble © Matthias Horn

Der Untergang des Hauses Usher, Ensemble © Matthias Horn

Der Untergang des Hauses Usher, Ensemble © Matthias Horn

Es handelt sich um die herabgekommene Maschinenhalle der Zeche Zweckel, einem Steinkohlenbergwerk im Ruhrgebiet. Dort feierte diese „literarisch-musikalische Theaterkomposition“ im August dieses Jahres Premiere. Für das Burgtheater wurden nun die grauen Mauern und die mit Holzbrettern beschlagenen Fenster nachgebaut (Bühne: Martin Zehetbauer). Damit erklärt sich auch die minimalistische Ouvertüre, die als Wegweiser in die Tiefe erkannt werden soll. Immerhin hat das Haus Usher am Ende unterzugehen.

 

Regisseurin Barbara Frey setzt bei der Darstellung dieses Abstiegs auf das Ensemble, das als verängstigtes, zusammengedrängtes Grüppchen erscheint und durch den finsteren Raum zappelt. Jede und jeder kommt kurz zu Wort, um den Text von Edgar Allan Poe zu rezitieren, teils in der Muttersprache, wie bei Stacyian Jackson in Englisch und bei Annamária Láng in Ungarisch. Die jeweilige Übersetzung läuft auf zwei Bändern über der Bühne mit und wenn Deutsch gesprochen wird, leuchtet oben Englisch auf.

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Bibiana Beglau, Ensemble © Matthias Horn

Dennoch ist es vor dem Besuch dieser Vorstellung angeraten, sich in Poe einzulesen, insbesondere in die Titel gebende Story, dazu in Berenice, Das Feenland, Die Grube und das Pendel und Die Morde in der Rue Morgue. Zitate daraus unterbrechen den Zusammenbruch der uralten, gespenstischen Villa der Ushers. Während beispielsweise Michael Maertens sich über die Verstümmelungen der Leichen der beiden Französinnen gekonnt fein lustig macht oder Jan Bülow, Debbie Korley, Katharina Lorenz, Markus Scheumann und Bibiana Beglau Kostproben von den großartigen Formulierungen Poes zum Besten geben, arbeitet der Rest der Besetzung an Musikinstrumenten wie Gran Cassa, Glocken, Ratschen und Gong, um mit entsprechendem Wirbel das Gespenstische dieser Wanderungen im Graubereich zwischen Leben und Tod heraufzubeschwören. Geboten wird jedenfalls ungewöhnliches Theater, das in den Zusehern durchaus einen Zwiespalt zwischen „Was soll das!?“ und „ein geniales Gesamtkunstwerk!“ zu hinterlassen imstande ist.

Ensemble © Marcella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Lilith Häßle, Roland Koch © Marcella Ruiz Cruz

KOMPLIZEN Abrechung mit zeitloser Ungerechtigkeit

Roland Koch, Michael Maertens © Marcella Ruiz Cruz

Roland Koch, Michael Maertens © Marcella Ruiz Cruz

Ein dramatischer Angstmacher mitten hinein in die Pandemie

Eine in sich durch Verwandtschaften eng vernetzte Gesellschaft lebt unter materiell scheinbar abgesicherten Umständen fröhlich ihre Beziehungsneurosen aus. Sie ginge einem nichts an, wären da nicht die Ränder, die mehr und mehr ausfransen und letztlich die Scheiben des nur mäßig gesicherten Glaspalasts zur Umwelt draußen einschlagen. Sie kommt einem in dem Moment ganz nahe, vielleicht zu nahe zur eigenen Haut, wenn man erfährt, dass eine Pandemie wütet, mit unvermeidlichen Todesopfern, sozialen Verwerfungen und damit verbundenen Unruhen. Schon Maxim Gorki hat eine solche Situation in „Kinder der Sonne“ auf die Bühne gebracht, das quasi eine Fortsetzung in „Feinde“ erhalten hat, einem Stück, dessen Aufführung sowohl in Russland als auch in Deutschland aufgrund des darin enthaltenen Sprengstoffs am Vorabend der proletarischen Revolution von Zar und Kaiser vorerst einmal verboten wurde. In den dazwischen vergangenen Jahrhundert haben sich möglicherweise einige Parameter verändert. So gibt es hierzulande eine demokratische Republik und ein Sozialsystem, das ein Überleben wochenlanger Quarantäne, medizinische Versorgung und finanzielle Absicherung bei einem Jobverlust bereithält. Geblieben ist dennoch die Unzufriedenheit derer, die nur neidvoll an den Villen derer vorbeispazieren können, die trotz allem locker Porsche plus SUV in der Garage parken und deren einzige Sorge das Auf und Ab von Börsenkursen ist.

Birgit Minichmayr, Michael Maertens © Marecella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr, Michael Maertens © Marecella Ruiz Cruz

Michael Maertens, Annamária Láng © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens, Annamária Láng © Marcella Ruiz Cruz

Trotzdem war es in gewisser Weise ein Wagnis, das Simon Stone, ein noch junger Autor und Regisseur, eingegangen ist, als er die Situation in Russland um 1900 in die Wiener Gegenwart verlegt hat. Die Gefahr, einen Anachronismus zu erzeugen, der das mit den Darstellern gemeinsam erarbeitete Stück womöglich unglaubwürdig gemacht hätte, hat durchaus bestanden, wurde aber sowohl durch Inszenierung als auch durch das engagierte Ensemble abgewendet. In der allgemeinen Begeisterung hat man vielleicht zu wenig darauf geachtet, die Dialoge nicht zu üppig geraten zu lassen. Manches von dem Gesagten ist einfach langatmig und zu breit ausgeführt. Dennoch ist es spannend, das Treiben wie in einem drehbaren Aquarium von allen Seiten beobachten zu können: nichts bleibt verborgen, außer vielleicht dem Wichtigsten: die Welt der anderen, das aber ganz bewusst.

 

Peter Simonischek ist der Industrielle Matthias, der die von seinen Vorfahren aufgebaute Konservenfabrik mit Grandezza leitet und die ganze Mischpoche an seinem Wohlstand teilhaben lässt. Sein Neffe Paul ist Wissenschaftler, der sein eigenes Labor zu Verfügung hat, um an Zellforschung zu arbeiten.

Felix Rech, Mavie Hörbiger © Marcella Ruiz Cruz

Felix Rech, Mavie Hörbiger © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld, Stacyian Jackson © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld, Stacyian Jackson © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens zeichnet hinreißend dessen Gestalt als intellektuellen Trunkenbold mit Hang zu philosophischem Tiefgang. Verheiratet ist er mit einer wesentlich jüngeren Frau. Lilith Häßle ist die Schauspielerin Tanya, die deutliche Distanz zum Ehemann zeigt und sich lieber vom Fotografen Dietmar (Roland Koch) im ehelichen Schlafzimmer porträtieren lässt. Mit im Haus wohnen die Geschwister Melanie (Birgit Minichmayr), eine verkrachte Akademikerin, und der Therapeut Botho (Felix Rech). Sie wird am Mikroskop bei Paul zudringlich, Botho will bei Lisa (Mavi Hörbiger), der burschikosen Schwester des Forschers, landen, steht sich dabei aber selbst im Wege. Als gute Seele des Haushalts gelingt es Anita (Annamária Láng) in der starken Anfangsszene den arg verkaterten Paul wieder ins Bewusstsein zurück zu holen. Verbindung nach draußen schaffen der cholerische Hausmeister Igor (Rainer Galke), der mit seiner plumpen Anmache bei Farida (Safira Robens), einer jungen Putzfrau, abprallt, der umsichtige Vorarbeiter Jürgen (Falk Rockstroh) und Raschid (Bardo Böhlefeld), der bei einem Zusammenstoß mit revoltierenden Arbeitern schwer verletzt wird. Eine mehr als undurchsichtige Rolle spielt dessen Frau Cleo (Stacyian Jackson). Gehört es auch zu ihrem perfiden Plan, dass der junge Arbeiter Goran (Dalibor Nikolic) Lisa in der U-Bahn vor einem Angriff ausländischer Burschen rettet und ihr eigener Mann im Rollstuhl gelandet ist? Ihr Vorhaben geht so glatt auf, dass Matthias in Vertretung der „Komplizen“ vor dem Scherbenhaufen seines Lebens eingestehen muss: „Schuld sind wir alle selber!“

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