Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Drei Arbeiten von Johann Gabris aus dem Anatomical Folding Book

Drei Arbeiten von Johann Gabris aus dem Anatomical Folding Book

TIERISCH MENSCHLICH Kunstvoller Blick auf eine Partnerschaft

Guadalupe Salgado, Tiacuache 2024

Guadalupe Salgado, Tiacuache 2024

Einladung, sich zu einem höchst ambivalenten Verhältnis Gedanken zu machen

In Genesis 2 formt Gott alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führt sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Dass unter diesen Geschöpfen auch eine verderbliche Schlange ist, dürfte auch dem Allwissenden entgangen sein. Das schlaue Reptil verführte unsere Ureltern zum Biss in die verhängnisvolle Frucht und trug damit zum Auszug aus dem Paradies bei. Abgesehen von diesem Lapsus steht der Mensch über der Natur und damit auch über den Kreaturen, die ihn vom ersten Moment an begleiten, weiß zumindest die Bibel, die uns diese Episode überliefert. Eine derart anthropozentrische Haltung hat sich erst in jüngster Zeit in Richtung eines neuen Denkens aufzulösen begonnen, ist aber noch lange nicht verschwunden. Nach wie vor ist das Tier juristisch gesehen eine Sache wie das Handy oder das Auto. Deswegen hat Direktorin Johanna Schwanberg dieses enge, aber nicht friktionsfreie Verhältnis einer eingehenden Betrachtung unterzogen und dazu gemeinsam mit Vanessa Joan Müller die Jahresausstellung „tierisch menschlich“ (bis 22. August 2027) gestaltet.

Norbertine Bresslern-Roth, Mops, 1926 © Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary

Norbertine Bresslern-Roth, Mops, 1926 © Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary

Thierry Boutonnier, Comment expliquer les objectifs de la production laitière aux vaches, 2005

Thierry Boutonnier, Comment expliquer les objectifs de la production laitière aux vaches, 2005. © Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary

Schon beim Anstieg in den ersten Stock geht man vorbei an einer Reihe von Arbeiten, für die Werner Feiersinger Wien durchstreifte und Tierdarstellungen im öffentlichen Raum dokumentierte. Ist man oben angekommen, hockt da ein Monster, das mit aufgerissenem Maul die Eintretenden bedroht. Tatsächlich handelt es sich um einen Wasserspeier vom nahen Stephansdom in Form eines Hundes. Dem besten Freund des Menschen begegnet man auch in einer verspielten Züchtung, die Norbertine Bresslern-Roth im Mops gefunden hat. Es handelt sich hier um das erste von fünf Kapiteln, die, so die Gestalterinnen, der Komplexität und der emotionalen Bandbreite des Themas Rechnung tragen. Von diesen „Ambivalenten Berührungspunkten“ geht es zu „Gejagt, gequält, gegessen“. Immer sind es Kunstwerke, von denen man angesprochen wird bzw. teils harsch zu Rede gestellt wird.

Deborah Sengls „Ohne Maßstab“ dreht die Machtverhältnisse um und versetzt den Menschen in die Position der Versuchstiere. An die Darstellung des toten Christus gemahnt „Le grand Faisan“ von Chaïm Soutines, das einen erlegten Vogel wie einen aufgebahrten Körper empfinden lässt. „Wandelbare Zeichen“ widmet sich in der Folge verschiedenen Tieren in ihrer symbolischen Aufladung wie der unscheinbaren Taube über dem Kopf von Maria auf einem Tafelbild der Verkündigung. In „Ausgestellt und eingesperrt“ geht es um „das Andere“, das Exotische, u. a. zu sehen auf dem barocken „Geflügelstück mit Pfau“ von David de Koninck. Versöhnlich soll der Abschluss sein, in dem die „Koexistenz der Kreaturen“ beschworen wird. Maria Lassnig lässt Noah in die Arche zurückgehen, Oskar Laske eine Fischpredigt halten und Graciela Iturbide eine Markfrau Leguane wie eine Krone auf dem Kopf tragen. Möglich wurde diese opulente Promenade vorbei an Kunst vom Mittealter bis in die Gegenwart durch freizügige Leihgeber und dem Wiener Städtischen Versicherungsverein als verlässlichen Partner des Dom Museums Wien.

Patricia Piccinini, Ohne Titel, 2017

Patricia Piccinini, Ohne Titel, 2017

Alles in Arbeit, Ausstellungsansicht

Alles in Arbeit, Ausstellungsansicht

ALLES IN ARBEIT Dasein zwischen Mühsal und Erfüllung

Alles in Arbeit, Ausstellungsansicht

Alles in Arbeit, Ausstellungsansicht

Ein Thema, das alle betrifft, in seinen vielen Facetten museal aufbereitet

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ heißt es in Genesis 3,19. Ausgesprochen wurde diese Forderung ausgerechnet bei der Vertreibung aus dem Paradies. Gemeint ist die Arbeit, die uns seit dem Sündenfall auferlegt ist, um unser Dasein zu bestreiten. Aber war das Leben ohne sie tatsächlich so paradiesisch? Denn ein islamisches Sprichwort sagt deutlich: „Wenn Allah dich liebt, gibt er dir Arbeit.“ Wahrscheinlich kommt es auf die Perspektive an, von der aus Arbeit betrachtet und erlebt wird, um der einen oder der anderen Seite Recht zu geben. Fragen und Antworten darauf gibt es an einer Stelle, die schon von ihrer Ausrichtung her dem Himmel näher steht als andere ähnlich gelagerte Institutionen. Das Dom Museum Wien lädt mit dem Titel „Alles in Arbeit“ (bis 30. August 2026) zu Reflexionen darüber ein, was dieser Begriff für den einzelnen Menschen bedeuten kann. Hilfestellung gibt es dazu von der Kunst, die mit zahlreichen Werken ein gedeihliches Nachdenken anregt und zu neuen Erkenntnissen inspiriert.

Iris Andraschek, Fortsetzung der Arbeiten vom Vortage

Iris Andraschek, Fortsetzung der Arbeiten vom Vortage

Lili Réthi, Hochofenarbeiter, 1924 © ungeklärt, Foto: Kunstsammlung und Archiv

Lili Réthi, Hochofenarbeiter, 1924 © ungeklärt, Foto: Kunstsammlung und Archiv, Universität für angewandte Kunst, Inv. Nr. 7178

Gestaltet wurde die Schau von Museumsdirektorin Johanna Schwanberg gemeinsam mit Vanessa Müller. Die beiden Frauen haben Wert darauf gelegt, nicht eine chronologische Geschichte zu erzählen. Vielmehr haben sie sich dem Thema über diverse Zugänge genähert; auch über die Politik und soziale Aspekte. Gerade unsere Stadt war mit dem Roten Wien eine Bastion der Arbeiterschaft, die mit der Kirche so ihre Probleme hatte. Diese scheinbar unüberwindliche Frontstellung ist mittlerweile Geschichte. Ein gutes Beispiel ist die raumfüllende Installation der Künstlerin Iris Andraschek. In „Fortsetzung der Arbeiten vom Vortage“ zeigen Tafeln den Beginn des Wiederaufbaus des in den letzten Kriegstagen zerstörten Stephansdoms, der von der gesamten Bevölkerung, egal welcher parteimäßigen Ausrichtung, fleißig mitgetragen wurde.

Der Bogen, der sich beginnend beim Stiegenaufgang und der Otto Mauer Contemporary mit Objekten und Infotafeln bis zu Interventionen in der ständigen Schausammlung spannt, reicht vom Mittealter bis in die Gegenwart. Die Madonna aus Thernberg stammt von 1390, Statistiken über erwerbslose Frauen und Männer von Otto Neurath aus den 1920er-Jahren und die kunstvollen „Hilfslinien“ zum Zuzug von Arbeitskräften nach Wien wurden von Tine Fetz 2025 gezeichnet. Sie ist eine der in deutlicher Überzahl vertretenen Künstlerinnen, die wie Tabita Arnold oder Luzia Margan die weibliche Seite der täglichen Erwerbsbeschäftigung deutlich machen. Dass durchaus auch Männer davon betroffen sind, wird mit der Wahl des geschlechtsneutralen Bildes „Bauarbeiter und Bauarbeiterin“ (1984) von Norbert Wagenbrett für Plakat und Cover des Katalogs zugestanden. Als Vertreter für Adam und Eva scheinen Hacklerin und Hackler gar nicht glücklich über die ihnen zugeteilte Tätigkeit zu sein. Trotzdem verlässt man diese Schau mit dem Gefühl, dass man ohne Arbeit auch nicht froh wäre, egal ob schweißtreibend notwendig oder seligmachend kreativ, hoch bezahlt oder ehrenamtlich erledigt, jedenfalls aber nützlich für einen selbst und die anderen.

Kiluanji Kia Henda, The Merchant of Venice, 2010 © Foto: Courtesy the Artist and Galleria Fonti

Kiluanji Kia Henda, The Merchant of Venice, 2010 © Foto: Courtesy the Artist and Galleria Fonti, Naples

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