Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gerüchte ... Gerüchte, Ensemble © Andreas Tischler

Gerüchte ... Gerüchte, Ensemble © Andreas Tischler

GERÜCHTE ... GERÜCHTE ausgelöst von unsichtbaren Gastgebern

Gerüchte ... Gerüchte, Ensemble © Andreas Tischler

Gerüchte ... Gerüchte, Ensemble © Andreas Tischler

Eine Farce entlarvt die „bessere Gesellschaft“ nicht nur in New York

Für den US-Autor Neil Simon (1927-2018) war Schreiben eine Art Seelenreinigung, er nannte es „a carthatic process“, und es sollte eine elegante Komödie sein. Fündig wurde er bei Molière, der die Wohlhabenden seiner Zeit mit harter, aber launiger Kritik aufs Korn genommen hat. Die Idee, die Gestalten in feine Klamotten zu stecken, gefiel Simon. Das wäre, so der Autor, der geeignete Kontrapunkt für das Chaos, das bei deren Aufeinandertreffen ausbrechen würde. Smoking und langes Abendkleid sind also der Dress Code für diese Party in der „Upper class“ von NYC. Bürgermeister Charley Brock und Gattin Myra geben sich die Ehre, ihre besten Freunde anlässlich des zehnten Hochzeitstages zum Dinner einzuladen. Noch bevor der Vorhang hoch geht, knallt ein Schuss. Ohrenzeugen sind der Anwalt Ken Gorman und seine Frau Chris. Wortfetzen für Wortfetzen kommt heraus, dass sich der Hausherr ein Loch ins linke Ohrläppchen geschossen hat und deshalb von der Gesellschaft ferngehalten werden muss. Seine Ehefrau ist einfach verschwunden. Das Mahl der Verwirrung ist also angerichtet, das von den nach und nach eintreffenden Gästen mit Wortwitz und Gags zu einem opulenten Menü satirischer Unterhaltung bereichert wird.

Julia Cencig (Clair), Clemens Matzka (Ken Gorman), Sebastian Fass (Lenny Ganz) © Andreas Tischler

Julia Cencig (Clair), Clemens Matzka (Ken Gorman), Sebastian Fass (Lenny Ganz) © Andreas Tischler

Im wunderbaren Stadttheater Berndorf wird diesen Sommer mit „Gerüchte ... Gerüchte“ der Lachschlager aus 1988 gerade so appetitlich serviert, wie er einst zubereitet wurde. Das heißt, die Inszenierung blieb in der Zeit, als ein Arzt noch mit dem Festnetztelefon angerufen wurde. Verantwortlich dafür ist Alexander Jagsch, ein grandioser Komiker, der für die Regie leider auf eine eigene Rolle verzichtet hat. Die elegante Bleibe des Bürgermeisters hat Martin Gesslbauer eingerichtet und dabei genügend Türen eingebaut, um dem Ablauf das entsprechende Tempo zu ermöglichen. Clemens Matzka als Ken ereilt das zweifelhafte Glück, den verletzten Charley blutend aufzufinden. Der Anwalt erkennt freilich sofort die Tragweite des Geschehens und setzt eine von Lügen strotzende Vernebelung in Gang. Prinzipalin Kristina Sprenger hat als Chris ausreichend Gelegenheit, die entstandenen Nöte in die beinahe tragische Komik einer Verzweifelten umzusetzen.

Man will ihr am liebsten die Zigarette anzünden, die sie trotz ihrer Aufregung nicht rauchen darf. Das nächste Paar sind Mr. und Mrs. Ganz. Lenny (Sebastian Fass) ist Steuerberater, dessen BMW bei der Anfahrt von einem fahrerflüchtigen Porsche zu Schrott gefahren wurde. Julia Cencig als Claire ist kurioserweise deswegen kaum aufgebracht. Smalltalk mit Chris ist ihr wichtiger. Robert Kolar ist der Psychiater Ernie Cusack, der mit der altmodisch gewandeten Cookie (Linda Hold) schließlich die abtrünnige Küchenmannschaft ersetzt und sich, weil er genial patschert ist, dabei ordentlich die Finger verbrennt. Beim letzten Gästepaar hängt der Haussegen schief. Der angehende Senator Glenn Cooper (Martin Bermoser) leidet unter den Eifersuchtsattacken von Cassie (Ida Golda), die blöderweise ihre magischen Kristalle im Klo versenkt. Dass in einem derart turbulenten Haufen ein Polizist wie Officer Welch kaum eine Chance hätte, seine Ermittlungen gezielt zu führen, lässt Peter Madlberger kalt. Seiner begrenzten Einsatzbereitschaft ist auch die Pointe zu verdanken, mit der dieses kuriose Mysterium schließlich aufgeklärt wird.

Gerüchte ... Gerüchte, Ensemble © Andreas Tischler

Gerüchte ... Gerüchte, Ensemble © Andreas Tischler

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Alexander Jagsch mit Präzisionsgewehr © Andreas Tischler

Alexander Jagsch mit Präzisionsgewehr © Andreas Tischler

DIE NERVENSÄGE Lachen über den verhinderten „Schakal“

Die Nervensäge, Ensemble © Andreas Tischler

Die Nervensäge, Ensemble © Andreas Tischler

Eine Komödie, in der Humour noir vom Slapstick genial entschärft wird.

Zufällig war es das gleiche Jahr, 1973, in dem die beiden Filme „Der Schakal“ und „Die Filzlaus“ in die Kinos gekommen sind. In dem einen Fall verschanzt sich Edward Fox in einer Dachgeschosswohnung und scheitert an einem Attentat an General de Gaulle. Im anderen Streifen bezieht Lino Ventura als Profikiller Ralph Milan mit einem Präzisionsgewehr Stellung in einem Hotel gegenüber dem Justizpalast, um den wichtigsten Zeugen eines Prozesses auszuschalten. Aus diesem Movie Plot mit dem Originaltitel „L´Emmerdeur“ (Der Schmerz im Arsch) wurde aus der im Deutschen eher verfänglichen „Die Filzlaus“ eine Komödie namens „Die Nervensäge“. Dass der geplante Anschlag nicht gelingt, steht von vornherein fest; wäre auch nicht so lustig. Bei Autor Francis Veber wird aus dem Berufsverbrecher ein Lebensretter, der sich bis zuletzt nicht gegen die Dankbarkeit des Geretteten zur Wehr setzen kann. Einen wesentlichen Beitrag trägt das personelle, durchwegs komische Umfeld bei, mit einem ungeniert die Hand aufhaltenden Hotelpagen, einem leicht vertrottelten Polizisten, einem irren Nervenarzt und dessen nunmehriger Freundin, der Ex des verhinderten Selbstmörders.

Michael Duregger, Gregor Seberg © Andreas Tischler

Michael Duregger, Gregor Seberg © Andreas Tischler

Alexander Jagsch, Robert Kolar, Gregor Seberg, Kristina Sprenger © Andreas Tischler

Alexander Jagsch, Robert Kolar, Gregor Seberg, Kristina Sprenger © Andreas Tischler

Für die Festspiele Berndorf ist „Die Nervensäge“ ein Erfolgsgarant. Intendantin Kristina Sprenger hat bewusst auf leichte Kost gesetzt, auf Sommertheater, das unbeschwerte Unterhaltung bietet. Klar, dass sie, die leidenschaftliche Komödiantin, selbst die Rolle der in Liebesdingen eher unzuverlässigen Louise übernimmt. Zwischen den beiden Männern François Pignon, einem erfolglosen Fotografen (Gregor Seberg), und dem smarten Doktor Wolf (Robert Kolar) scheint die Entscheidung gefallen zu sein. Nicht einmal ein Suizidversuch von François kann ihr Herz erweichen. Anders der Zimmernachbar im Hotel (von Luis Graninger richtig schön kitschig tapezierte Räume mit Verbindungstür). Ralph wird auf den Jammer aufmerksam. Alexander Jagsch als cooler Killer kann derlei Störungen überhaupt nicht brauchen, also überredet er den verzweifeelten François, von jeder Form von Selbstmord Abstand zu nehmen. Er hat nicht mit dessen Dankbarkeit gerechnet, die seine mörderischen Pläne ins Wanken bringt.

Eine turbulente Handlung ist garantiert, mit einem stets im unrechten Moment auftauchenden Hotelpagen, dem Michael Duregger sehenswerte Lästigkeit angedeihen lässt, und dem Polizisten (Max Konrad), der sich bereits vor dem Vorhang dem amüsierten Publikum in aller Eitelkeit als Moderator präsentiert. Das Rad ins lustige Rollen bringt Robert Kolar als geschäftiger Dr. Wolf. Er verabreicht dem Falschen eine Beruhigungsspritze und verhilft damit Alexander Jagsch dazu, als sedierter und anschließend wieder erweckter Ralph ein umwerfend komisches Bewegungsrepertoire auszuspielen. Für Spannung in diesem Thriller menschlicher Unzulänglichkeiten sorgt Wolfi Rainer am Schlagzeug, mit dem mehr als nur getrommelt wird. Erstaunlich, was sich auf diesem Instrument alles an interessanten Geräuschen erzeugen lässt. Regisseurin Susi Weber war das vorgeschriebene Happy End offenbar zu wenig. Sie setzte noch ein Puppenspiel drauf und eine etwas zu lange geratene Erklärung zur Zukunft der Protagonisten. Aber was soll´s? Boulevard vom Feinsten war zu erleben, mit einem Ensemble, das wahre Lachstürme garantiert.

Max Konrad, Alexander Jagsch © Andreas Tischler

Max Konrad, Alexander Jagsch © Andreas Tischler

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