Kultur und Weindas beschauliche MagazinKRIEG UND FRIEDEN Die dramatische Essenz eines Großromans
Leo Tolstois Roman ist eines der umfangreichsten Werke der Weltliteratur. In breit angelegten Passagen werden die Zeit und ihre Menschen im zaristischen Russland zwischen 1805 und 1812 beschrieben. Das Lesen erfordert enorme Geduld, um über nichtige Streitereien, Eitelkeiten und alltäglich wirkende Beziehungsprobleme nach etlichen hundert Seiten zur eigentlichen Problematik zu gelangen. Napoleon hat den Kontinent mit Kriegen überzogen und lässt sich auch durch Allianzen zwischen Österreichern und Russen nicht klein kriegen. Aus der Darstellung von Soireen, Diners mit Haselhühnchen in Madeira und lieblosen Geldheiraten werden erschreckend opulente Schlachtengemälde. Daneben erfährt man von unfassbaren sozialen Umständen, unter denen die rechtlosen Bauern für ihre Grafen schuften, um ihre männliche Jugend dem Zar und dessen Heer zu opfern. Die Namen der Protagonisten sind austauschbar. Im Grund ist es egal, ob die Schlächter Bonaparte, Alexander I., Wladimir Putin oder wie alle die anderen Feldherren heißen. Für sie gilt der Spruch, den Platon Karatajew, ein einfacher, aber weiser Mann aus dem Volk, gegen Ende sagt: „Der Zweck des Krieges ist das Töten.“ Es gibt etliche Verfilmungen, ein Musical, sogar ein Ballett und einige Dramatisierungen. Für die Festspiele Reichenau wurde die Version von Nicolaus Hagg gewählt, die von Regisseur Philipp Hauß und Rita Thiele dem besonderen Spielort angepasst wurde. Das ehemals noble Südbahnhotel bietet mit den Versatzstücken besserer Zeiten wie Kronleuchter und vergoldete Soffitten vor noblem Stuck im Speisesaal den Rahmen für die ersten beiden Teile des Dramas, um dann in den Waldhofsaal zwei Stockwerke darüber zu wechseln. Vor dessen weiten Fenstern breitet sich die Semmeringgegend in ihrer wilden Schönheit aus, die aber im Stück zum Schlachtenort erklärt wird, auf dem tausende Menschen ihr Leben verlieren. Die Kostüme (Su Bühler) sind der Zeit der Handlung angepasst. Die einfache Bühne zwischen den Sitzreihen besteht aus Tischen und Sesseln, bestrahlt von zwei ätzend blendenden Scheinwerfen. Es gibt auch gut gemeinte Musik (Julius Béla Dörner & Nils Hausotte), die jedoch nicht immer passend aufspielt. Aus dem mächtigen Berg von Gedanken, Ereignissen und Personen wurden die wichtigsten mit Bedacht ausgewählt. Es beginnt mit der Familie von Graf Ilja Rostow (Dirk Nocker). Neben den Söhnen Nikolai (Julius Dörner) und Petja (Nils Hausotte) wirbelt Johanna Mahaffy als Nesthäkchen Natascha durch die scheinbar sorglose Gesellschaft. Mama Natalija (Emese Fay) weiß um die Geldnot, ihre Warnungen bleiben jedoch ungehört. Einen eher unscheinbare Rolle spielt deren Nichte Sonja (Elena Hückel). Ein anderes Kaliber sind die Vertreter derer von Kuragin. Rafael Schuchter ist der zielstrebige Fürst Wassile Kuragin, der alles daransetzt, ein verlorenes Erbe mit der Heirat seiner Tochter Helene zu sich zu holen. Das heißt, sie muss Pierre, den unehelichen Sohn von Graf Kirill Wladimirowitsch Besúchow heiraten, da der Bastard anerkannt und zum Generalerben eingesetzt wurde. Noah Saavedra gibt hinreißend den Sonderling, der sich in seinen Ansichten grundlegend von den Zeitgenossen unterscheidet. Er wirkt nervös, zittert erbärmlich beim Duell gegen den Spieler und Schläger Fedja Dolochow (Lukas Haas), baut für seine Untertanen Spitäler und vor allem, er hat keine Freude, die arrogante und ihm zutiefst abgeneigte Helene zu ehelichen. Deren Bruder Anatol ist ein Nichtsnutz, dem Elias Eilinghoff unter subtiler Komik deutlichen Zynismus verleiht. Bei einem Vater wie Martin Schwab, der Fürst Nikolai Bolkonski polternd und streng bis zum Lachhaften auf seinen Nachwuchs einwirken lässt, sind derlei Fisimadenten ausgeschlossen.
Raphael von Bargen als Gabriel von Eisenstein © Lalo Jodlbauer „DIE FLEDERMAUS“ im Rhythmus der „Roaring Twenties“
Glücklich ist, wer nicht vergisst, dass anno 1926 in Reichenau eine alte Holzschleiferei zum Theater umfunktioniert wurde. Das Eröffnungsstück war „Die Fledermaus“. Warum sollte ein Säkulum danach nicht darauf zurückgegriffen werden? Nils Strunk und Lukas Schrenk, zwei für ihre außergewöhnlich witzigen Einfälle im Umgang mit ehrwürdigen Bühnenwerken bekannte Regisseure, haben die Handlung deswegen in die 1920er-Jahre verlegt. Statt des Orchesters spielt eine exzellente Band den „Roaring Twenties“ angepasste Arrangements der Strauss-Melodien im Stil von Swing, Blues und Charleston. Mit dieser Musik ließ es sich über die Kalamitäten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur famos hinweg tanzen. Statt mit feudalem Champagner betäubten sich die, die es sich leisten konnten, mit der „Grüne Fee“, dem damals verbotenen Absinth. Die weniger Begüterten, wie beispielsweise ein alkoholsüchtiger Gefängniswärter, mussten auf den Slibowitz ausweichen. Hauptsache, man war besoffen und die Wirklichkeit ferne! An sich bleibt der Inhalt so, wie ihn Richard Genée im Originallibretto erzählt. Raphael von Bargen ist Gabriel von Eisenstein, der von Dr. Falke (Peter Lesiak) nicht zu einem Ball, sondern zu einer Party in einem berüchtigten Cabaret eingeladen wird – und prompt auch hingeht, obwohl er eine achttägige Gefängnisstrafe abzusitzen hätte. Rosalinde (Eva Mayer), seine Frau, hat vorgesorgt und dem Liebhaber Alfred (Gerhard Kasal) gestattet, die Hausjacke ihres Mannes anzulegen. Als der von Gefängnisdirektor Frank (Jakob Semotan) arretiert wird, leistet sie keinen Widerstand, viel mehr besucht sie selbst das Fest. Erfrischend ist der Part von Adele.
Robert Clayton (Daniel Jesch), Monica Bachler (Johanna Mahaffy), Donald Clayton, (Skye MacDonald) © Lalo Jodlbauer DIE WASSERFÄLLE VON SLUNJ Als Väter noch Raubtiere waren
Für Robert und Harriet Clayton war der Besuch der beeindruckenden Wasserfälle im heutigen Kernkroatien ein wunderschönes und gewaltiges Erlebnis. Es war die Hochzeitsreise von zwei an sich völlig unterschiedlichen Charakteren, was bedrückend deutlich wird, als Jahre später das Ehepaar in Wien landet. Sie ist die zurückhaltende, still leidende Frau, die den Umzug aus England an die Donaumetropole nicht verkraftet. Vor allem vermisst sie ihren Sohn Donald, der alleine daheim geblieben ist. Robert ist der rührige Unternehmer, der hier in Mitteleuropa einen neuen, idealen Standort für seine Maschinenfabrik gefunden zu haben glaubt. Heimito von Doderer hat deren Geschichte in einem Roman erzählt. Vorgestellt werden dabei die Menschen der Stadt und deren durchaus komische Eigenheiten in liebenswürdiger Weise. Doderer benötigt dazu jedoch große Sprünge durch Zeit und Raum, die es schier unmöglich machen, die Handlung auf eine Bühne zu stellen. Der Schauspieler Nicolaus Hagg, längst auch Experte in Dramatisierungen von Literatur, hat es dennoch geschafft, aus dem Stoff eine dichte Tragödie zu formen, beinahe antik-klassisch, da es vor einem gnadenlosen Schicksal kein Entrinnen gibt.
Der Neue Spielraum wurde für „Die Wasserfälle von Slunj“ von Regisseurin Beverly Blankenship ideal genützt, um in äußerst karger Ausstattung Trauriges und Spaßiges in einem zarten Spannungsbogen organisch dem bitteren Ende zuzuführen. Zur Verfügung steht ihr dabei ein grandioses Ensemble, das alle die feinen, von Doderer erdachten Nuancen umzusetzen vermag. Im Zentrum steht der Kroate Andreas Milohnic (Rafael Schuchter), ein Hotelportier, der den ankommenden Industriellen Robert Clayton auf der Stelle in sein Netzwerk aufnimmt und nicht zuletzt personell die Fäden zieht. Er empfiehlt den nicht gerade seriösen Rechtsanwalt Dr. Eptinger, mit dem Günter Franzmeier immer wieder für Lacher und Lockerung angespannter Situationen sorgt.
Daniel Jesch nimmt man den energischen Pionier auf dem Gebiet des Maschinenbaus gerne ab. Sein Robert Clayton kann auf die ihm unbegreiflichen Empfindlichkeiten seiner Gattin Harriet (Emese Fay) keine Rücksicht nehmen. Als Sohn Donald (Skye MacDonald) erwachsen ist, soll er in das Geschäft einsteigen. Er macht seine Sache hervorragend; wäre da nicht die Liebe. Donald lernt die etwas ältere Monica Bachler kennen, eine der ersten Diplom Ingenieurinnen und Leiterin eines Technik-Magazins. An sich entspinnen sich zarte Bande zwischen den beiden. Johanna Mahaffy versucht – erfolglos – den in sich verschlossenen Jüngling aus seiner Zurückhaltung zu locken.
Senfsamen (Melanie Hackl), Demetrius (Johannes Deckenbach), Helena (Pia Zimmermann), Hippolyta (Barbara Petritsch), Poet (Martin Schwab), Theseus (Nicolas Brieger), Hermia (Laura Dittmann), Lysander (Sebastian Egger), Puck (Ludwig Blochberger) © Lalo Jodlbauer EIN SOMMERNACHTSTRAUM im alten Grand Hotel am Zauberberg
Das Südbahnhotel erinnert eher an eine Ritterburg als an eine Nobelherberge, als die sie einst für Geldleute als Domizil ihrer Sommerfrische gedient hat. Aufschriften an Türen erinnern noch an den Luxus, die Eingänge führen aber in baufällige Tiefen. Im Zentralbereich haben sich noch einige Räume in ihrer ehemaligen Pracht erhalten; mit den Lustern, dem Stuck an den Decken und den großen Fenstern, vor denen sich die pittoreske Landschaft des Semmerings ausbreitet. Sie laden ein, dass hier Theater gespielt wird, beben förmlich vor Inspiration, die für jede Inszenierung unabdingbare Voraussetzung ist. So ist heuer auch Maria Happel, Prinzipalin der Festspiele Reichenau, dem Ruf gefolgt, im alten Grand Hotel eine ihrer Produktionen anzusetzen. Was hätte besser gepasst als „Der Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, eine Komödie, mit der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit ebenso verwischt werden wie die Zeiten, die zwischen dem von Geistern bewohnten Wald von Athen und den mit melancholischen Föhren bestandenen Felsen rund um die Passhöhe zu liegen scheinen.
Das Publikum muss beweglich sein. Nach einer Introduktion im gemütlichen Barbereich wartet ein Anstieg über zwei Stockwerke in den Waldhofsaal und dessen Terrasse. Für die letzen beiden Akte geht es wieder ins Erdgeschoss, wo im Speisesaal zum Dessert eine üppige Rüpelkomödie aufgetragen wird. Maria Happel hat selbst Regie geführt und dem Genius Loci mit launigen Ideen sowie einem grandiosen Ensemble gehuldigt. Martin Schwab führt in poetischer Manier durch das letztlich heitere Geschehen. Begleitet wird er von jungen Damen, die als Hotelpersonal oder als dienende Feen mit feinem Gesang die Anwesenden entzücken. Nicolas Brieger ist ein strenger Theseus im Salonsteirer ebenso wie ein Oberon, der sich als Kopfschmuck ein Geweih gefallen lassen muss, im übrigen aber recht menschlich reagiert. Die stärkste Waffe gegen seine widerspenstige Gattin Titania ist der umtriebige Puck, ein Elf, der nur Unsinn im Schädel hat. Ludwig Blochberger im Schottenrock hat sichtlich Spaß an seinen Streichen, aber niemand kann ihm wirklich böse sein. Dabei hätten die vier jungen Leute jeden Grund dazu. Lysander (Sebastian Egger) liebt Hermia (Laura Dittmann), die allerdings Demetrius (Johannes Deckenbach) versprochen ist, den wiederum sie nicht mag. Helena (Pia Zimmermann) ist unsterblich in Demetrius verknallt, der von ihr nichts wissen will. Das wäre schon Herzenschaos genug, aber Puck schafft es, die Verwirrung bis zu groben Handgreiflichkeiten zu steigern. Auf die Vorhalte Oberons hat er nur ein freches Grinsen.
Das wahre Drama im Drama bestreiten Handwerker, die anlässlich der Hochzeit ihres Herrn partout die Tragödie „Pyramus und Thispe“ aufzuführen gedenken. Regisseur und Dramaturg ist Squenz. André Pohl dürfte von dieser Aufgabe einigermaßen gestresst sein, da er ständig Tropfen zur Beruhigung einnimmt. Flaut (Florian Carove) gibt Thispe, Schnauz (Helmut Bohatsch) die Wand.
Schemarjah (Gregor Schulz), Deborah (Julia Stemberger), Jonas (Alex Kapl) © Lalo Jodlbauer HIOB Wann wirkt Gott endlich das Wunder?
Der biblische Hiob hat seinem Gott auch nach den schlimmsten Schicksalsschlägen die Treue gehalten. Über den bescheidenen Toralehrer Mendel Singer aus dem russischen Schtetl Zuchnow bricht eine ähnliche Prüfung seines Gottvertrauens herein. Einer seiner Söhne fällt im Ersten Weltkrieg, der andere gilt als verschollen, die Tochter verliert ihren Verstand, die Frau stirbt und es bleibt ungewiss, was mit dem Jüngsten passiert ist, einem behinderten Knaben, den Mendel von der Reise nach Amerika in Russland zurück gelassen hat. Dieses Leid geht über die Kraft des an sich frommen Juden, der in seiner Verzweiflung sein Gott gefälliges Leben bereut, sich von ihm lossagt und sich sogar zur Behauptung versteigt, dass der Teufel gütiger als Gott sei. Scheinbar zu lange lässt das von einem Rabbi versprochene Wunder auf sich warten.
Der aus einem jüdischen Elternhaus in Ostgalizien stammende Schriftsteller Joseph Roth hat in dem 1930 erschienen Roman „Hiob“ diese Version eines Buches aus dem Alten Testament in gewaltiger Sprache in seine Zeit umgesetzt. Es gibt davon etliche Bearbeitungen für die Bühne, die jedoch zumeist die Kenntnis der literarischen Vorlage bedingen. Alexandra Liedtke ist es gelungen, aus dem mächtigen Text das Wesentliche so zu extrahieren, dass ein raffiniertes Zusammenspiel aus Zitaten und Dialogen in einer extrem bescheidenen Ausstattung ein ungemein berührendes Ganzes ergibt und nicht zuletzt eine Einladung darstellt, sich umgehend das Buch zu kaufen, um in die Fülle der faszinierenden Formulierungen eines Joseph Roth einzutauchen.
Joseph Lorenz trägt die Gestalt des Mendel Singer glaubhaft durch die Emotionen, die einen Menschen angesichts solcher Unbill bewegen. Er lässt sich vorerst nicht von seiner praktisch denkenden Frau Deborah (Julia Stemberger) im Glauben an die Gerechtigkeit seines Gottes irritieren und opfert dieser Strenge sogar den kranken Menuchim, der in einer Klinik geheilt werden könnte.
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