Kultur und Wein

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Alexander Wächter als Thomas Bernhard in „Wittgensteins Neffe“

Alexander Waechter © Barbara Pálffy

Lungenkrankheit und Verrücktheit als logische Quelle der Existenz

Auf einer Bank am Steinhof vor der schönsten Kirche Wiens hängt mit dem Rücken zum Publikum eine Gestalt und neben ihr sitzt Thomas Bernhard und sinniert in herrlichsten Formulierungen über seine Freundschaft zu Paul Wittgenstein. Irgendwo dort oben in diesem Juwel des Jugendstils vertiefen diese zwei bemerkenswerten Männer ihre Freundschaft. Bernhard laboriert an einem Lungenleiden und bewohnt Pavillon Hermann. Paul Wittgenstein ist geisteskrank und wohnt, getrennt durch einen durchlässigen Zaun, zur gleichen Zeit im Pavillon Ludwig. Es mag ein Zufall sein, dass diese Station den selben Namen trägt wie sein Onkel zweiten Grades, der Philosoph Ludwig Wittgenstein, Verfasser des Tractatus logico-philosophicus, einer der bekanntesten und dennoch am wenigsten verstandenen Schriften aller Zeit.

 

Aber nicht nur dieser Gleichklang verführt Thomas Bernhard zu Reflexionen über den kargen Unterschied der Verrücktheit des Philosophen und dessen psychiatrisch für geisteskrank erklärten Neffen.

Alexander Waechter © Barbara Pálffy

Nebenbei erfährt man, dass die steinreiche Familie Wittgenstein beide gleichermaßen abgelehnt hat, den großen Lehrer in Cambridge und den Opernnarren Paul, der in der Diktion von Bernhard seine Geisteskräfte bei den Fenstern seines Kopfes hinausgeworfen hat. Der einzige Unterschied: Der eine hat sein Gehirn publiziert, der andere praktiziert.

 

Zugegeben, es nimmt sich auf den ersten Blick nicht gerade wie ein Reißer aus, sich mit Thomas Bernhard und einem unbekannten Spross der Wittgensteins auseinander zu setzen. In der Aufmachung des Theaters am Franzjosefskai wird diese tief empfundene Lebensbeichte des begeisterten „Nestbeschmutzers“ und Misanthropen Bernhard jedoch zu einer Bekanntschaft mit zwei Menschen, die man gerne auch persönlich gekannt hätte. Selten trifft man interessantere Leute als in diesem Stück. Stück? Was macht den Unterschied einer literarischen Lesung zum dramatisch in Szene gesetzten Text aus? Kurz gesagt: Der Schauspieler Alexander Wächter, der trotz Textblätter in der Hand zu Thomas Bernhard wird. Er schafft es, zwei Gestalten wieder lebendig zu machen, eben den lungenkranken Dichter und den Verrückten, der seiner Welt so viel mehr zu sagen hatte, als man von ihm zeitlebens wissen wollte. Mit Thomas Bernhard, in diesem Fall mit Alexander Waechter, hat er die Stimme gefunden, auf die man begeistert hört. Es sind die warmherzigen Liebeserklärungen an Lebensmenschen und dazu die ätzenden Kommentare zu zeitlosen Kulturumtrieben, die man bei Bernhard liebt, und die von seinem Freund Paul Wittgenstein im einzig passenden Wort zusammengefasst wurden: „grotesk!“

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