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DER WANDERER Elfriede Jelineks berührende Gedanken für ihren Vater

Alexander Waechter als Dr. Friedrich Jelinek  © Barbara Palffy

Alexander Waechter als Bergführer auf dem direktem Weg in die Dimentissima

Dr. Friedrich Jelinek galt 1938 für die Nazis als „Mischling ersten Grades“. Also musste ihn die Gemeinde Wien entlassen. Arbeit fand er interessanterweise als Chemiker bei Semperit und war damit, trotz einiger Gewissenskonflikte, an der Herstellung kriegswichtiger Güter wie Flugzeugreifen beteiligt. Nach dem Krieg wurde er von der Gemeinde Wien wieder eingestellt und brachte es zum Oberbaurat. Nach seiner Pensionierung versank er allerdings in geistiger Umnachtung, die auch seine 1946 geborene Tochter miterleben musste. Bei endlosen Spaziergängen im Wienerwald rund um den Kolpeterberg im 14. Bezirk verlor sich der alte Herr regelmäßig und fand nicht mehr heim. Für seine Familie, die ihn noch als hochintelligenten und eloquenten Mann gekannt hatte, war die Situation bald unerträglich. Er wurde vorerst von Frau Ilona und Tochter Elfriede in einem privaten Pflegeheim untergebracht, ein Jahr später jedoch in die Psychiatrie auf der Baumgartner Höhe überstellt und damit dem berüchtigten Dr. Gross, einem gwissen- und reulosen Altnazi, ausgeliefert.

Alexander Waechter als Dr. Friedrich Jelinek  © Barbara Palffy

Die Ruhigstellung in einem Gitterbett führte zu baldiger Lungenentzündung und zum Tod. Welche Gedanken sich dabei im Kopf dieses Menschen abgespielt haben mögen, versuchte nun Elfriede Jelinek im Monolog „Der Wanderer“ nach zu denken.

 

Entstanden ist ein der Nobelpreisträgerin würdiges Stück faszinierend formulierter Literatur, das nun von Alexander Waechter mit Leben erfüllt wird. Packend setzt er das krampfhafte Sinnieren nach Erinnerungen, das vergebliche Pochen und Läuten an einer Tür, die in eine Wand hineinführt, und den quälenden Umgang mit beginnender Inkontinenz um, womit das Dasein eines an Demenz Erkrankten und sein allmähliches Verblassen klarer Gedanken zur Handlung eines persönlichen Dramas geadelt wird.

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