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Geymüllerschlössel mit Arbeiten von Erwin Wurm im Vordergrund

DISSOLUTION Wurm-Monster im Geymüllerschlössel gelandet!

MAK-Ausstellungsansicht, 2021 ERWIN WURM. Dissolution © Bildrecht, Wien 2021 Foto: Aslan Kudrnofsky/

Performative Gesten und anthropomorphe Skulpturen im feudalen Ambiente

Erwin Wurm hat es mittlerweile so weit gebracht, dass man ihm alles das als große Kunst abnimmt, was seinem konzeptuellen Schalk entspringt. Er darf sich über die Kirche lustig machen und dem Stephansdom eine Wärmeflasche vor die Tür stellen und zur Fastenzeit ein rosa Leiberl vor den Hochaltar hängen. Mit verstecktem Grinsen genießt er die fromme Interpretation seitens der Geistlichkeit, die beim Thermophor unbedarft von menschlicher Wärme spricht, ohne auf die im Wienerischen weithin bekannte Metapher für Ehschonwissen zu verfallen, obwohl dasselbe ohnehin im Pink des Fastentuchs mit dem Holzhammer vorgeschlagen wird. Man will Wurm auch nicht verstehen, wenn er sich als Gurke selbst porträtiert. Kaum jemand ist es bis jetzt aufgefallen, dass es sich dabei um genau dieses Gemüse handelt, das den vor ihm auf den Bauch gefallenen Bewunderern gnadenlos in den dabei oben liegenden Körperteil geschoben wird. Die Szene liebt es anscheinend, mit masochistischer Unterwürfigkeit in beleidigenden Blödeleien zu baden.

Ausstellungsansicht, 2021 ERWIN WURM. Dissolution © Bildrecht, Wien 2021 Foto: Aslan Kudrnofsky/MAK

Im Geymüllerschlössel wird der Künstler noch um einen Schritt deutlicher. Versteckt im englischen Wort „Dissolution“ ergeht er sich in Auflösung, Verfall, Zerstörung oder Entgrenzung, wenn er amorphe Tongebilde als anthropomorph bezeichnen lässt. Dank der Formulierungskraft wortgewaltiger Kuratoren eröffnet Erwin Wurm in dieser Serie einen „Dialog zwischen einem fragilen, soziopolitisch konnotierten Material, zeitgenössischer Skulpturensprache und der Neuinterpretation des Malerischen durch oszillierende keramische Lasuren.“ Die diesen seltsamen Gestalten entspringenden Finger, Hände, Lippen, Münder, Busen, Bäuche, Nabel, Nasen oder Ohren werden, so betrachtet, zu „experimentellen, surrealen Gebilden aus isolierten Körperteilen und Sinnesorganen“, die ein Eigenleben gewinnen und deren Volumina eine expressive Präsenz entwickeln.

Ausstellungsansicht, 2021 ERWIN WURM. Dissolution © Bildrecht, Wien 2021 Foto: Aslan Kudrnofsky/MAK

Die Genius loci dieses Schlössels in Pötzleinsdorf nimmt ihm derlei Anzüglichkeiten keineswegs übel. Er ignoriert sie einfach. Immerhin hat dieses ansprechende Sammelsurium an Baustilen und nobler Meubelage schon ganz andere Tage erlebt. Das vom wohlhabenden Johann Jakob Geymüller 1808 in einer Mischung aus gotischen und orientalischen Elementen errichtete „Lustgebäude“ ging durch etliche Besitzerhände. So wird von einem gewissen Johann Heinrich von Falkner-Geymüller erzählt.

Er hätte sein Vermögen verprasst und damit in Ferdinand Raimunds „Verschwender“ literarische Unsterblichkeit erlangt. Da Tuchhandel nicht immer mit betucht gleichzusetzen ist, musste der Textilindustrielle Isidor Mautner sein Refugium 1929 an die Österreichische Nationalbank verpfänden. Es gab im Laufe der Geschichte Hypotheken, Arisierung und einen Baumbewuchs auf dem ramponierten Dach, bis der Direktor der Staatsdruckerei Franz Sobek der Republik Österreich den Kaufpreis in Devisen vorschoss. Er erhielt dafür ein lebenslanges Wohnrecht. Von ihm stammt auch die grandiose Uhrensammlung, über die sich das MAK als derzeitige Verwalterin freuen darf. Als dessen Außenstelle kann das Geymüllerschlössel nun bis 5. Dezember 2021 jeweils Samstag & Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr besucht werden – im Zuge eines empfehlenswerten Ausflugs in schönstes Biedermeier, dem heuer mit Erwin Wurm ein nicht unbeachtlicher Kontrapunkt entgegengesetzt wurde.

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