Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Zelt © Bernhard Hauer

BRÜDERLEIN FEIN oder der vom Zauberreich verhexte Poet

Anna Rieser, Johannes Krisch © Joachim Kern

Felix Mitterers sehr persönliche Suche nach seinem Bruder Ferdinand

Die Fee Rosalinde wird von der Nymphe Lidi aufgeweckt, um ihre Zauberkraft wieder für 100 Jahre an einen Sterblichen weiter zu geben. Auf der Suche nach einem Würdigen läuft den beiden Damen aus dem Geisterreich der Zuckerbäckerlehrling Ferdinand Raimund über den Weg. Fesch ist er ja, also steht nichts im Wege, ihn mit dieser überirdischen Gabe zu bedenken. Die Frauen haben ihre Aufgabe damit erfüllt. Für den Burschen geht aber ein Leidensweg los. Er fühlt sich zum Theater hingezogen, und das in einer Zeit, in der Schauspieler noch zum verachteten Volk gehören. Sein Vater kann es nicht fassen und stirbt vor Aufregung. Das Mädchen, die Antonie, in die sich Ferdinand verliebt, darf mit ihm keinen Umgang pflegen. Sie ist immerhin Kassierin im Kaffeehaus ihrer Eltern und damit Mitglied der ehrbaren Gesellschaft. Schwachen Trost findet er bei einer Kollegin. Luise ist die Tochter des Vielschreibers Josef Gleich, der mit Fürst Alois Wenzel von Kaunitz-Rietberg eine seltsame Beziehung aufrecht erhält. An diesen hat er seine Tochter noch als Kind verkauft.

Reinhold G. Moritz, Larissa Fuchs © Joachim Kern

Nun gedenkt er sie bei Raimund, dem er ein gutes Engagement verschafft, unter die Haube zu bringen. Bald nach der Hochzeit fliegt das Ganze auf. Ferdinand ist zu dieser Zeit bereits ein Star, aber von einem völlig anderen Zuschnitt, als er selbst will. Er ist gefeierter Komiker, der bald selber Stücke schreibt und Erfolg hat. Die Leute wollen lachen und verzeihen ihm einen Ausflug ins ersehnte ernste Fach erst dann, als er wieder eine Komödie für das Volkstheater dichtet, ein Zaubermärchen eben, bei dem sich auch gewöhnlich Irdische unterhalten können. So sind sie nach und nach entstanden, alle die Meisterwerke von Ferdinand Raimund, dem Unglücklichen, der uns damit bis heute die größten Glücksmomente verschafft. Sein Ende ist bekannt. Er erschießt sich im Wahn, von der Tollwut infiziert zu sein und kommt seinem eigenen Text damit zuvor: „Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub und zupft mich: Brüderl, kumm! Da stell ich mich am Anfang taub und dreh mich gar nicht um. Doch sagt er: Alter, reiß dich zamm! Mach keine Umständ! Geh! Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt ade!

Eduard Wilderals Kaffeesiederin Wagner © Joachim Kern

Felix Mitterer wurde von der Intendantin Andrea Eckert eingeladen, ein Porträt dieses Komödianten für die Bühne zu schreiben. Geworden ist daraus der berührende Blick auf einen vom Zauberreich verhexten Menschen, der am Zwiespalt zwischen eigenen Vorstellungen und dem Talent, das ihm in ein an sich ungemein tragisches Leben mitgegeben wurde, schließlich zerbricht. Bei den Raimundspielen Gutenstein wurde dieses Bio-Pick eines Biedermeierdichters mit Erfolg am 11. Juli 2019 uraufgeführt.

Inszeniert hat Nicole Claudia Weber, die den raschen Wechsel an Schauplätzen und den rasanten Lauf der Zeiten damit gelöst hat, dass sie die Bühne äußerst spartanisch mit Requisten und Kulissen bestückt. Den roten Faden zieht der Akkordeonspieler Tommy Hojsa durch die Handlung. Daran knüpfen sich die einzelnen Episoden, angefangen vom Lehrbuben, der dem Publikum Süßigkeiten verkaufen will über die Lebensliebe Raimunds und seine Sehnsucht nach der Natur in Gutenstein bis zu dessen freiwilligen Ableben.

Eduard Wilder, Johannes Krisch, Larissa Fuchs © Joachim Kern

Am Werk sind sieben Akteure, die zum guten Teil etliche Rollen dank der geschickten Kostümarbeit von Vanessa Achilles-Broutin immer klar zuordenbar verkörpern. Anna Rieser ist eine herzenswarme Antonie Wagner, deren pestiger Mutter Eduard Winkler entsprechend Resolutheit und Verachtung angedeihen lässt. Winkler ist auch Kaunitz und auch darin nur so lange Menschenfreund als es seinen perversen Interessen dient. Reinhold G. Moritz ist ein jovialer und mords hintertriebener Josef Gleich.

Dazu ist er der Vater Raimunds und der Komiker Friedrich Korntheuer. Etliche Nebenrollen, die im Gang des Geschehens unerlässlich sind, meistert Gerhard Kasal mit sehenswerter Wandelbarkeit. Zum Abbusseln ist Larissa Fuchs als quirlige Nymphe Lidi, um später in der attraktiven Gestalt von Luise Gleich dem guten Raimund das von Kaunitz gezeugte Kind unterzuschieben.

Die aufgeweckte Fee Rosalinde (Lisa Schrammel) singt als Schauspielerin Therese Krones eine Jugend, die den Zuschauern das Herz erwärmt. Der, dem das alles gilt, ist Johannes Krisch, der seinen Raimund wie einen Hund leiden lässt und mit Leidenschaft klar macht, warum das Geschenk der Fee für ihn zum Fluch geworden ist. Aber seit diesem Sommer hat er einen Verbündeten, eben den Dichter Felix Mitterer, der selbst im Programmheft verrät: „Brüderlein fein, Du wurdest mir zum Bruder.

Johannes Krisch © Joachim Kern
Raimundspiele Gutenstein

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