Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Eine Frau in der (Löss-)Landschaft, Ausstellungsansicht

Eine Frau in der (Löss-)Landschaft, Ausstellungsansicht

ELISABETH VON SAMSONOW Die Philosophie im künstlerischen Werk

Selbstreflexives Mädchen (Detail)

Selbstreflexives Mädchen (Detail)

Wanderung durch einen märchenhaft anmutenden Skulpturenwald

Gaia ist ein lebendes Archiv. Sie regiert im Göttinnenland und schickt, wenn sie darum gebeten wird, die Seeadlerin, damit sie dort brütet, wo durch ihre Anwesenheit ein Windpark verhindert werden soll. Elisabeth von Samsonow, 1956 in Bayern geboren, lebt ihre Kunst in Hadres, einem kleinen Ort im Pulkautal. Sie spürt dort in einem eigens erworbenen Stück Land der von intensiver Landwirtschaft und zunehmend erschöpften Böden malträtierten Seele der Erde nach und gibt den unsichtbaren, dynamischen Prozessen in deren Innenleben eine visuelle Form. Die Landschaft besteht aus Löss, der über Jahrtausende geheimnisvolle Figurinen geborgen hat, die bekannten prähistorischen Idole von Immendorf, die für die Künstlerin Inspiration und Gedankenanstoß sind.

Elisabeth von Samsonow, Ausstellungsansicht

Elisabeth von Samsonow, Ausstellungsansicht

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Ring der Göttin, 2011, Lindenholz, Amethyste

Samsonow ist auch Philosophin, die ihre Überlegungen in die Werke überträgt. Studiert hat sie zweigleisig, zum einen an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und daneben an der Akademie der bildenden Künste unter anderem in der Klasse von Daniel Spoerri. Sie lehrte anschließend in München und später in Wien, wo sie 1996 an den Lehrstuhl für Sakrale Kunst an der Akademie der bildenden Künste berufen wurde. Parallel zu ihrer beachtlichen akademischen Laufbahn war Samsonow immer auch Zeichnerin und später Bildhauerin. Ihr Wirken drückt stets Ökologie und Feminismus aus. Entstanden sind ausdrucksvolle Skulpturen aus Lindenholz, die zum Entdecken ihrer Anliegen einladen. Figuren, an denen Saiten wie an Streichinstrumenten gespannt sind, geschnitzte Baumstümpfe mit Glühbirnen und Selbstporträts in Tierform wie die Adlerin neben mystisch aufgeladenen Sujets wie das Doppelweizenmädchen, ein Äpfel pflückendes Pferd oder das Wunderbrezel.

Ausstellungsansicht Elisabeth von Samsonow, Heidi Horten Collection, Wien, 2026, Foto © Simon Veres

Ausstellungsansicht Elisabeth von Samsonow, Heidi Horten Collection, Wien, 2026, Foto © Simon Veres

Ein ganzer Wald dieser phantastischen Gestalten ist neben Zeichnungen und Gemälden bis 28. Februar 2027 in der Heidi Horten Collection staunend zu bewandern. Es handelt sich um die erste große Retrospektive im Programm von Direktorin Verena Kaspar-Eisert.

Hana O. O. Haas und Rolf H. Johannsen haben die lichterfüllten Räume dieses jungen Museums auf zwei Etagen mit Werken von Samsonow und im Dialog mit Arbeiten aus der Sammlung als hoch erfreuliches Erlebnis gestaltet. Das heißt, dass sie beispielsweise auf einer Zeichnung mit Francis Bacon in einen Dialog tritt. Ein monumentaler Baselitz hängt dazwischen kopfüber von der Decke, sogar Ferdinand Georg Waldmüller findet sich neben Egon Schiele, über den Samsonow intensiv geforscht hat. Beim Besuch dieser Ausstellung wird man nahezu spielerisch aufgefordert, sich mit dem Kosmos dieser Künstlerin einzulassen, ihre Perspektiven zu erfassen und Vorstellungen davon zu entwickeln, wie wir als Einzelne und als Gesellschaft miteinander und mit unserer Umwelt leben wollen. Zum Mitnehmen gibt es außer diesem hehren Auftrag eine umfassende Monografie zu Elisabeth von Samsonows künstlerischem Œuvre. Reich bebildert führt dieses Buch durch ihr Werk, das von ausführlichen Essays namhafter Experten begleitet wird.

Momus, 2011, Lindenholz, Akrylfarbe, Gitarrenmechanik und Saiten

Momus, 2011, Lindenholz, Akrylfarbe, Gitarrenmechanik und Saiten

Animalia, Ausstellungsansicht

Animalia, Ausstellungsansicht

ANIMALIA Das Tierische in der menschlichen Kunst

Animalia, Ausstellungsansicht, l.: Kristof Santy, r.: Lena Henke

Animalia, Ausstellungsansicht, l.: Kristof Santy, r.: Lena Henke

Künstlerisch kritische Betrachtungen zum Umgang mit der uns umgebenden Fauna

An sich ist der Untertitel der Ausstellung „Animalia. Von Tieren und Menschen“ nicht korrekt, sofern man der britischen Philosophin Mary Midgley folgt. Sie sagte zu Recht: „Wir sind nicht nur ähnlich wie Tiere, wir sind Tiere“, und zwar der Gattung Säuger, was uns lediglich als biologische Klasse von Fischen und Insekten unterscheidet. Der Begriff Animalia, abgeleitet von „anima“, dem Atem oder der Seele, wiederum wurde von Carl von Linné geprägt und umfasst Tiere gleich wie Menschen. In diesem Spannungsbogen bewegen sich die rund 90 Tierdarstellungen aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die bis 30. August 2026 in der Heidi Horten Collection neben anregender Kunstbetrachtung nicht zuletzt ein Umdenken in unserem Umgang mit Hund, Katze, Schwein oder Schmetterling auslösen könnten. Dass damit ein Anliegen von Heidi Horten, Museumsgründerin und Liebhaberin von Tieren und deren Darstellungen erfüllt wird, darf als ihr geschuldete Verbeugung verbucht werden.

Roy Lichtenstein,  Forest Scene, 1980, Heidi Horten Collection, © Estate of Roy Lichtenstein

Roy Lichtenstein, Forest Scene, 1980, Heidi Horten Collection © Estate of Roy Lichtenstein / Bildrecht Wien, 2026

Marc Chagall, L'âne vert, ca. 1936, Heidi Horten Collection, © Bildrecht Wien, 2026

Marc Chagall, L'âne vert, ca. 1936, Heidi Horten Collection © Bildrecht Wien, 2026

Véronique Abpurg und Annkathrin Weber haben dazu einen thematischen Parcours mit verschiedensten medialen Formen, vom Gemälde über die Skulptur bis zum Video, in sechs Kapiteln übersichtlich angelegt. Den Anfang machen unsere treuen und durch Domestizierung gefügig gemachten Gefährten. Wie hätte der steinzeitliche Homo Sapiens ohne den Hund überlebt? Alois Mosbacher hat es in einem Ölgemälde auf den Punkt gebracht. Ein treuherzig blickender Jagdhund posiert vor der Meute, die auf „Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel dem Älteren mit gebeugten Köpfen hinter ihren Herrln heimzu strebt. Jeder Hausbesitzer weiß, dass eine Katze unabdingbar ist. Anna Jermolaewa hat den Mäusefängern der Eremitage in St. Petersburg dazu eine Reihe von fotografischen Porträts gewidmet. Witzig anmutende Keramiken wie ein mit Früchten garnierter Sauschädel von Dominika Bednarsky oder die blaue Sau als „Das Muttertier“ von Lena Henke neben der plakativen „Snackwurst“ (Kristof Santy) führen zu „Das Tier als Ressource“. Abgelöst wird es von einer Art „Spiegel des Selbst“. Birgit Jürgenssen hat sich dazu ein Fuchsfell als Maske aufgesetzt und verwandelt sich damit als Pelzträgerin in das dafür verwendete Tier.

Gelatin hat für die „wissenschaftlichen Kategorien“ ernsthaft wirkende Präparate nicht existenter Wesen erschaffen, um mit dem Titel „Reine Margarine Rilke Jean Jacques“ an Dichter und Philosoph zu erinnern. Wenn es um „Bestien“ geht, dann empfehlen sich Raubtiere als unsere Angstgegner. Yan Pei-Ming lässt dazu in einem wahrhaft Angst einflößenden Diorama Tiger und Geier um einen Fraß raufen. Zuletzt wird den Tieren die Ehre erwiesen, als autonome Subjekte zu Gefährten und Mitakteuren zu werden. In einem Video von Kay Walkowiak (Stimuli, 2014) erweisen sich Affen als fantasiebegabte und originelle Interpreten eines amüsanten Plots. Einen wahrhaft glänzenden Abschluss dieser Promenade vorbei an zeitgenössischer Kunst bildet der Tea Room, der im Stil einer Wunderkammer den Schritt hemmt und die Augen mit einschlägigen Kleinoden vom 17. bis zum 20. Jahrhundert erfreut und damit wie eine Klammer die nicht reibungslos ablaufende gemeinsame Geschichte von Tier und Mensch zusammenhält.

François-Xavier Lalanne, Singe Avisé (très grande), 2005/2008 Heidi Horten Collection

François-Xavier Lalanne, Singe Avisé (très grande), 2005/2008 Heidi Horten Collection

Ausstellungsansicht ORT, Heidi Horten Collection, 2025, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten C.

Ausstellungsansicht ORT, Heidi Horten Collection, 2025, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten Collection

ORT – OURIEL MORGENSZTERN Poetische Transformation der Funktion

ORT, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten Collection

ORT, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten Collection

Ein fotografisch aufschlussreicher Blick in die kunstvolle Architektur des Museums

Es gleicht einem Suchspiel, dem Blick von Ouriel Morgensztern zu folgen. Der 1976 in Paris geborene Fotograf lebt seit 20 Jahren in Wien und hat dieser Stadt tief in ihre Seele geschaut. Jüngste Ergebnisse dieser ungewöhnlichen Sicht sind unter dem kurzen Titel „ORT“ bis 12. April 2026 in der HeidiHortenCollection als Intervention zu erleben. Motiv dieser Arbeit war das Museum selbst. Schwarzweiß Fotos führen zu Details der Architektur, ohne zu verraten, wo sie aufgenommen wurden. Sie sind ein reizvolles Angebot, sie zuerst zu entdecken und dann im Kopf zusammen zu führen. Die Menschen fehlen und sind doch präsent, ebenso wie die dort ausgestellte Kunst, die lediglich in Hinweisen wie den Fingern des Affen im Foyer oder im Schattenbild von Nosferatu in der Ausstellung „Experiment Expressionismus“ zu erahnen ist.

Ausstellungsansicht ORT, Heidi Horten Collection, 2025, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten C.

Ausstellungsansicht ORT, Heidi Horten Collection, 2025, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten Collection

Ouriel Morgensztern in der Ausstellung ORT © Heidi Horten Collection

Ouriel Morgensztern in der Ausstellung ORT © Heidi Horten Collection

Eine Auflösung dieses Paradoxons bleibt dem Betrachtenden überlassen. Man darf sich genussvoll in den ästhetischen Linien der Treppen verirren, in Bögen und Verschneidungen Zahlen und Buchstaben erkennen oder sich an der ausdrucksvollen Spannung der Motive erfreuen.

Morgensztern hat ausschließlich an sonnigen Tagen gearbeitet und so ein faszinierendes Spiel von Licht und Schatten festgehalten. Strahlende metallische Stiegengeländer werden zu Zeichnungen eines geheimnisvollen Systems, die das Haus selbst als abstraktes Kunstwerk erscheinen lassen. Damit erhält es eine neue Dimension, die über die sehr gegenständliche und solide Vermittlung seines eigentlichen Anliegens, die Präsentation der Sammlung von Heidi Horten, weit hinausgeht. Als Kurator der Ausstellung stand dem Fotografen Rolf H. Johannsen zur Seite, der damit der Gründungsdirektorin Agnes Husslein-Arco einen würdigen Abschluss ihres Engagements geschaffen hat. Erschienen ist zu ORT auch eine reich illustrierte Publikation in Deutsch und Englisch mit einem berührenden Vorwort der scheidenden Hausherrin, gefolgt von Gedanken von Christopher, dem Sohn von Marc Rothko, über „Anwesenheit – Abwesenheit“ und einem Artikel von Rolf H. Johannsen, der auch ein ausführliches Interview mit Ouriel Morgensztern geführt hat.

ORT, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten Collection

ORT, Foto: Ouriel Morgensztern, © Heidi Horten Collection

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