Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Otto Schenk, Alexqander Absenger © Astrid Knie

DER KIRSCHGARTEN bedroht von der Motorsäge des Bauern

Sona MacDonald, Ensemble © Astrid Knie

Das skelettierte Gutshaus und seine aus der Zeit gefallenen Bewohner

Jermolaj Alexejewitsch Lopachin ist geschäftstüchtig und riecht im verschuldeten Gut der in Geldangelegenheiten unfähigen Ljubow Andrejewna Ranjewsakaja und deren Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew hohen Gewinn und viel mehr noch die Möglichkeit, sich auf die selbe gesellschaftliche Ebene zu begeben wie die einstigen Herren. Er kann nicht oft genug erzählen, wie ihn sein Vater, ein Bauer, im Suff blutig geschlagen hätte und er von der Gutsherrin, zu der er geflüchtet war, liebevoll als armer kleiner Bauer bezeichnet wurde. Dass man seine Gegenwart nicht sonderlich schätzt, stört ihn nicht im Geringsten. Er weiß, wie man zu Geld kommen kann. Der Kirschgarten, das Prachtstück des Landgutes, braucht nur gerodet, in kleine Pachtgrundstücke aufgeteilt und mit Datschas, oder wie es heute heißt Summer Getaways, bestückt zu werden. Im Nu wären diese vermietet und regelmäßiges Einkommen in der Folge zu erwarrten. Freilich weiß er, dass die noblen Besitzer einen solchen Barbarenakt nie zulassen würden. Also kommt es zur unvermeidlichen Versteigerung.

Alma Hasun, Otto Schenk © Astrid Knie

Um dieses Grundgerüst der Handlung ranken sich vertrackte Liebesgeschichten und kleine persönliche Tragödien. Man hängt am Wandgemälde und an einem Schränkchen, dem Gajew ein Gedicht widmet, und lässt mit leisem Spott die ungemein g´scheiten Sager des alten Dieners Firs über sich ergehen, der davon erzählt, wie man früher die Kirschen verarbeitet hat, allein, das Rezept ist ihm entfallen. Man mag einander, isst, tanzt und singt, und ignoriert beharrlich die hoffnungslose Situation in einer Zeit, die längst nicht mehr die ihre ist.

Der Kirschgarten Ensemble © Astrid Knie

Amélie Niermeyer hat diese russische Familiensaga von Anton Pawlowitsch Tschechow in ihrer Inszenierung für das Theater in der Josefstadt ebenfalls der Zeit enthoben. Ein Kunstgriff dafür ist unter anderem die Musik. Ian Fisher, ein in Amerika geborener und nun in Europa lebender Songwriter, wurde als Iwan zum Aufspielen am Landgut verpflichtet. Im ersten Stock des Gebäudeskeletts sitzt er mit seiner Gitarre und kommentiert das Geschehen unter sich mit seinen groovigen Liedern.

Tschechows Text, in eine deutsche Fassung von Elisabeth Plessen gebracht, wurde von aller Breite und dem diesem Stück oft immanten Bierernst bereinigt und lässt damit ein erfrischendes Tempo zu. Dadurch ist auch den Darstellern die Möglichkeit eröffnet, ihre Emotionen, Ängste und Ideen nachvollziehbar natürlich auszuspielen. Sona MacDonald ist eine Gutsherrin, die es in kindischer Ungeduld kaum erwarten kann, von ihrem untreuen Liebhaber aus Paris ein Telegramm zu bekommen und dennoch innigst an diesem Kirschgarten hängt. Götz Schulte als ihr Bruder scheint vollkommen in einer anderen Welt zu leben und hat für den potentiellen Käufer Lopachin nichts als Verachtung übrig. Dagegen wehrt sich verständlicherweise Raphael von Bargen. Er wird zur Laus, die sich nicht abschütteln lässt und bläst seinen Triumph schließlich mit einem wild kreischenden Saxophonsolo den nun delogierten Bewohnern ins Ohr, bringt es aber nicht über sich, der ihm zugetanen Warja (Silvia Meisterle) einen Heiratsantrag zu machen.

Neben Robert Joseph Bartl als benachbarter Gutsbesitzer, der Gouvernante Alexander Absenger als Transvestit, dem Dienstmädchen Alma Hasun und dem ewigen Studenten Trofimow (Nikolaus Barton) ist Gioia Osthof als Tochter Anja wesentlicher Teil dieser seltsamen Gesellschaft. Übrig bleibt nach dem allgemeinen Auszug nur der Diener Firs in Person des großen Otto Schenk. Ihm verbleibt es, ein berührendes Resümee zu ziehen, über sein Leben und das seiner verschwundenen Herrschaften.

Otto Schenk als Diener Firs © Astrid Knie

Herbert Föttinger (Johannes), Katharina Klar (Rebekka) © Erich Reismann

ROSMERSHOLM als bemühter Versuch Ibsen zu aktualisieren

Katharina Klar (Rebekka), Herebert Föttinger (Johannes) © Erich Reismann

Drei Menschen, verstrickt in der Einsamkeit ihrer Gedanken

Wie ist der Text nun auf das rechtsextreme Portal gelangt? Rektor Kroll ist entsetzt über die dort veröffentlichten Ansichten seines Schwagers Johannes, der bis dato als feingeistiger Autor bekannt und eher dem linken Flügel der Intellektuellen zuzurechnen war. Nach und nach stellt sich aber heraus, dass Rebekka dahinter steckt, ein junges Ding, das Kroll selbst für seine kranke Schwester Beate und Johannes engagiert hat. Im Zuge der Auseinandersetzungen und leiser Annäherungsveruche prallen er und Rebekka heftig aufeinander. Der Streit endet mit der Verbalinjurie „Fotze!“ und dem Abgang Krolls. Im Raum stehen bleibt der Vorwurf, dass das Mädchen am Selbstmord Beates, der zeitlebens ein Kind versagt geblieben war, schuld sei; und zwar mit der Lüge, dass sie von deren Mann schwanger gewesen sei und einen Abortus gehabt hätte. Übrig bleiben Johannes und Rebekka in einer nicht näher definierten Einsamkeit, um sich dort zusammen zu streiten und zu raufen, bis zum Versuch, sich gemeinsam zu verbrennen, allerdings mit Schnaps und nicht mit Benzin wie Beate.

Katharina Klar (Rebekka), Joseph Lorenz (Kroll), Herbert Föttinger (Johannes) © Erich Reismann

Ulf Stengl, an sich studierter Bühnebildner, hat damit die Grundzüge von Henrik Ibsens „Rosmersholm“ nachgezeichnet und hat sein Stück ebenso bezeichnet. Allerdings handelt es in der Gegenwart. Diskutiert wird über aktuelle Themen und als Unterlage ein Tablett benutzt. Darauf ist angeblich der inkriminierte Text zu sehen. Dem darob neugierigen Publikum wird er aber verschwiegen. Abgesehen von ein paar Andeutungen gibt es nichts darüber zu erfahren.

Damit degradiert zumindest der Teil vor der Pause die Zuschauer zu zwar anwesenden, aber ahnungslosen Teilnehmern an einer Sache, die sie vielleicht gar nichts angeht. Was gesagt wird, kennt man ohnehin sattsam aus diversen Gesprächen, die sich um den drohenden Untergang oder einer neuen multikulturellen Blüte unserer Kultur drehen. Auch der zweite Teil bringt wenig Überraschendes. Hie und da blitzten Gefühle auf, die aber sofort brutal zerredet werden. Das seine zur Tristesse trägt die Ausstattung bei, die aus graugrünen Vorhängen besteht und keine Spur von Wärme zulässt (Regie: Elmar Goerden, Bühnebild: Silvia Merlo, Ulf Stengl). Der doch begeisterte Schlussapplaus ist zweifellos der Verdienst von drei großartigen Darstellern. Rektor Kroll ist Joseph Lorenz, der jedoch an der Kaltschnäuzigkeit von Rebekka (Katharina Klar) scheitert. Erst das Kreuzverhör durch Johannes, den Herbert Föttinger sympathisch an seiner Souveränität und Abgeklärtheit zweifeln lässt, erweckt in diesem burschikosen Mädchen die Frau, scheinbar ganz gegen ihren eigenen Willen und als logische Folge den Wunsch zur Selbstverbrennung.

Herbert Föttinger (Johannes) © Erich Reismann

Einen Jux will er sich machen Ensemble © Rita Newman

EINEN JUX WILL ER SICH MACHEN Rasant, witzig, Nestroy!

Johannes Krisch, Julian Valerio Rehrl © Rita Newman

Nur ein wirklich verfluchter Kerl fällt nicht von der Leiter

In der braunen Mehrzweckwand öffnet sich eine Tür, die Musik vibriert leise und mit dämonischem Blick tritt heraus Johannes Krisch. Man möchte es gar nicht glauben, aber es ist nur der Weinberl, dem ein solch aufregender Auftritt gegönnt ist. Seines Zeichens Kommis in der Gemischtwarenhandlung Zangler ist er mit seinen momentanen Umständen alles andere als zufrieden. Er will raus aus dem finsteren G´wölb, einmal „den Sonnenaufgang nicht nur vom Bodenfensterl, die Abendröthe nur aus Erzählungen der Kundschaft“ kennen. Die Geschichte darf so weit als bekannt vorausgesetzt werden, die aus dem kleinen Angestellten den Associé seines Chefs macht. Das Klettern auf der Karriereleiter hat jedoch seine Tücken. Zu viele Sprossen können ausbrechen, vor allem wenn man es so patschert anstellt wie dieser Weinberl. Aber gerade er räsoniert über wirkliche Weisheiten wie diverse Verrücktheiten dieser Welt in Couplets von Thomas Arzt. Er will sich, wie schon der Titel dieser Posse mit Gesang von Johann Nestroy sagt, ja nur einen Jux machen.

Martin Zauner, Robert Joseph Bartl © Rita Newman

Man kann es ihm nachfühlen, wenn er angesichts der Beförderung vom Wunsch beseelt ist, später einmal davon erzählen zu können, wie er einst ein verfluchter Kerl gewesen ist. Aber die Jux´ liegen nicht einfach so auf der Straße herum, da muss man sich schon hineintrauen, zum Beispiel in das Modegeschäft der Madame Knorr und frisch drauf los lügen, wer man nicht ist und wer man nicht sein könnte. Nestroy hat seinem Helden aber just dort den Aufstieg ermöglicht, wenn auch über kuriose Umwege, die verbunden mit Pointen und fetzigen Formulierungen diese Gesellschaftskritik aus dem 19. Jahrhundert zu einer zeitlosen Hetz voller Nachdenklichkeiten machen.

Einen Jux will er sich machen Ensemble © Rita Newman

Stephan Müller setzt in seiner Inszenierung auf Rasanz. Eine biedermeierliche Ausstattung wäre dabei nur störend. Bühnentechnik, Video und eine Leiter machen´s möglich, stets die richtige Stimmung im geeigneten Ambiente zu schaffen (Sophie Lux). Es beginnt mit dröhnendem Schnarchen, mit dem Gewürzkrämer Zangler zu ruhen pflegt. Einmal aufgeweckt, ist Robert Joseph Bartl ein liebenswürdiger Polterer, der gar nicht so ungrad und habgierig ist, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag.

Vor allem hat er die entsprechende Figur, um in die vom Schneidermeister Hupfer (Paul Matić) angefertigte Schützenuniform nur mit Müh´ und Not hineinzupassen. Anwesend bei der Anprobe ist Melchior, ein vazierender Hausknecht (Martin Zauner), der alles „classisch“ findet und damit seinem neuen Brotgeber gehörig auf die Nerven geht. Die größere Sorge bereitet dem guten Zangler jedoch der Liebhaber seines liebreizenden Mündels Marie (Anna Laimanee), ein gewisser August Sonders. Tobias Reinthaller mit hohem Zylinder und fescher Lederkluft wäre mit der in Aussicht gestellten Erbschaft einer belgischen Tante durchaus ein würdiger Heiratskandidat, aber nicht, so lange die Tante noch lebt. Also muss die Nichte vor ihm in Sicherheit gebracht werden. Also wird die unverehelichte Tante Fräulein Blumenblatt (Elfriede Schüsseleder), als Zwischenlager angepeilt. Zangler selbst hat ja ebenfalls beschlossen, sich zu verehelichen. Seine Auserwählte ist Madame Knorr (Martina Stilp), die allerdings mit ihrer Freundin Frau von Fischer (Alexandra Krismer) bei einer Jause mit obskuren Subjekten von Zangler angetroffen wird.

Dass es sich bei den beiden um Weinberl und den Lehrjung´ Christopherl (Julian Valerio Rehrl) handelt, bleibt ihm durch deren geschicktes Verschwinden verborgen. Dass die beiden Juxer am Ende den als Hausdiener entlassenen Kraps (Oliver Huether) und den Gauner Rab (Alexander Strömer) beim Einbruch ertappen und so eine Dreifachhochzeit heraufbeschwören, darf als ernsthaft böser Gag von Nestroy gewertet werden, der sein Publikum einfach glücklich nachhause gehen lassen wollte.

Johannes Krisch © Rita Newman

Silvia Meisterle (Editha), Dominic Oley (Rittmeister von Eulenfeld) © Sepp Gallauer

DIE STRUDLHOFSTIEGE Morast unter der prächtigen Treppe

Die Strudelhofstiege Keyfoto mit Ensemble © Jan Frankl

Ein dunkelgraues Zeitgemälde mit ein paar bunten Tupfen

Heimito von Doderer hat um einen bedeutenden Schauplatz einen Roman gewaltigen Ausmaßes geschrieben. Im 9. Wiener Gemeindebezirk verbindet die Strudlhofstiege die Liechtensteinstraße mit der Währinger Straße. Sie zählt mit ihren verspielten Windungen und scheinbar ineinander verflochtenen Geländern als Juwel des Jugendstils, das seinen Namen von einem gewissen Peter Strud(e)l, Bildhauer und Maler, herleitet. Sie wurde für den österreichischen Dichter zum Sammelpunkt etlicher Lebensstränge, in die der Leser im Fin de Siècle einsteigt und, wie der Untertitel sagt, in die „Tiefe der Jahre“ geleitet wird. Die zentrale Gestalt ist ein gewisser Melzer, dessen Karriere vom Oberleutnant der Armee in Bosnien über die Beförderung im Ersten Weltkrieg zum Major und nach dem Zusammenbruch der Monarchie in das Büro als Amtsrat der staatlichen Tabakregie führt. Es beginnt mit einer zumindest äußerlich sorgenfreien Gesellschaft, die ihre Tage in Reichenau verbringt und als größte Herausforderung die Besteigung der Rax ansieht. Es folgen die Kriegsjahre 1914 bis 1918.

Ulrich Reinthaller (Melzher), Roman Schmelzer (Major Laska) © Sepp Gallauer

Der Tod schlägt tiefe Kerben, bis zur Not der Nachkriegsjahre, in der Zigarettenschmuggel zu einem kleinen Vermögen, aber genauso zu schwerem Kerker führen kann. Die verbindende Klammer sind für Doderer Liebesbeziehungen, die alles andere als glatt ablaufen und immer wieder in wechselnden Partnerschaften münden. Um sich in diesem Gewirr einigermaßen zurechtzufinden, wäre es angebracht „Die Strudlhofstiege“ mehrmals zu lesen, was durchaus jedes Mal zu einem neuen Entdecken großartig formulierter Sprachelemente Doderers führen könnte.

Die Strudelhofstiege Ensemble © Sepp Gallauer

Wenn das Theater in der Josefstadt nun eine Dramatisierung dieses Prosawerks anbietet (bearbeitet von Nicolaus Hagg), sollte man sich keineswegs der Illusion hingeben, dass man nach der Vorstellung weiß, worum es gegangen ist. Regisseur Janusz Kica hat auf Dunkelgrau gesetzt, in dem er seine Darsteller winzige Passagen dieser mehr als umfangreichen Handlungen ausspielen lässt. Mit der Figur des im Ersten Weltkrieg gefallenen Major Laska ist ihm jedoch ein wahrer Geniestreich gelungen.

Roman Schmelzer führt als Geistergestalt in berührender Weise seinen Freund Melzer, in dessen Armen er gestorben ist, durch die Wirrnisse der Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg, der den Überlebenden neuerlich an die Front abkommandiert. Ulrich Reinthaller ist ein in Sachen Liebe unentschlossener Soldat, der, wie es ihm Laska immer wieder vorhält, unfähig ist, seiner Seele ein Zivilgewand anzuziehen. Farbtupfer sind nicht nur durch ihre Kleider die Frauen, die wie Silvia Meisterle ein elegantes, aber korruptes Zwillingspaar spielt, das durch seinen Charme alles zu erreichen glaubt. Pauline Knof ist Etelka von Stangeler, die durch ihre Affären und beängstigende Raserei im Rausch sogar ihren an sich gelassenen Gatten, den Konsul Grauermann (Matthias Franz Stein) aus der Ruhe bringt. Die übrige stattliche Besetzungsliste ist eine Visitenkarte des Josefstadt-Ensembles mit Namen wie Michael König (Oberbaurat Stangeler), Swintha Gersthofer (Asta von Stangeler), einem Alexander Absenger als angeberischen Teddy von Honnegger oder Marlene Hauser als Thea Rokitzer, die reizvolle Geliebte des Rittmeisters von Eulenfeld (Dominic Oley).

Sie alle gaben dem Premierenpublikum, das zu deren beachtlicher Leistung zwar nicht begeistert, aber dennoch ausgiebig applaudierte, zumindest eine Idee von Doderers „Die Strudelhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ und gleichzeitig die Anregung, dieses Buch in Ruhe zu lesen. Immerhin handelt es sich um Literatur, die einen nicht unwesentlichen Teil der österreichischen Geschichte mit all seiner Nekrophilie und seelischen Verunsicherung in schönster Sprache aufzeichnet.

Mtthias Franz Stein , Alexander Absenger, Martin Vischer © Sepp Gallauer

Pauline Knof als Marianne © Sepp Gallauer

JAKOBOWSKY UND DER OBERST Zu Herzen gehende Flucht

Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger, Pauline Knof © Sepp Gallauer

Wenn der Zuschauer beginnt, selbst an Wunder zu glauben...

Dass ein jüdischer Geschäftsmann mit eher zufälliger polnischer Geburt mit einem Oberst der polnischen Armee in Frankreich aus Paris Richtung eines Hafens am Atlantik unterwegs sind, hat Franz Werfel ausgerechnet in Lourdes vernommen, an der Stätte, an der Wunder nichts Ungewöhnliches sind. Erstaunlich daran ist eher, dass an diesem Marienwallfahrtsort der Berichterstatter ein polnischer Bankier namens Stephan S. Jakobowics gewesen ist, ein Jude, dem an sich christlich begründete Mirakel fremd sind. Die gemeinsame Flucht der beiden Gegensätze, da der bescheidene, aber lebenskluge Jude, dort der polternde, dem Suff und den Weibern zugeneigte Militarist, könnte sich so ähnlich abgespielt haben, wie es Werfel für das Drama „Jacobowsky und der Oberst“ noch im lebendigen Eindruck der eigenen Emigration bereits ein Jahr nach der Zeit der Handlung (1940) niedergeschrieben hat (Entstehungszeit zwischen 1941 und 1942). Die Aktualität ist dem Stück geblieben, über eine große Verfilmung mit Danny Kaye und Curd Jürgens und unzähligen Bühnenproduktionen.

Herbert Föttinger mit Violine © Sepp Gallauer

Erstaunlich ist der Humor, mit dem Werfel bei allem Ernst des Geschehens seine Hauptfiguren ausgestattet hat. Immerhin geht es um das nackte Überleben, das in diesem rasanten „Roadmovie“ mehrmals in höchste Gefahr gerät. Vielleicht war es nur deshalb möglich, weil der Autor am eigenen Leib das Davonrennen vor dem sicheren Tod durchgemacht hat und damit Zeuge der Wunder geworden ist, die unabhängig von jeder Religion und Nationalität den von Vertreibung Betroffenen zuteil werden.

 

Wenn das Theater in der Josefstadt dieses Stück ins Programm nimmt, darf man sich zurecht einen großen Abend erwarten. An ausgezeichneten Darstellern für die doch zahlreichen Rollen mangelt es im Ensemble dieses Hauses am wenigsten. Wenn dann noch Janusz Kica als Regisseur die Umsetzung in die Hand nimmt, kann nichts mehr schief gehen. An Emotionen wird nicht gespart, und es ist absolut keine Schande, wenn es einem als Zuschauer einige Male Rührungstränen in die Augen treibt. Einer dieser Momente ist bestimmt die Abschiedsszene, bei der es um die Entscheidung geht, wer das Schiff in die Freiheit besteigen darf. Als Begleiterin des polnischen Boten mit den Geheimpapieren hätte Marianne das erste Recht darauf. Nicht zufällig hat Werfel seine Heldin so benannt und Pauline Knof wird diesem Auftrag mehr als gerecht. Sie wandelt sich sehenswert von der Tussi, die noch überlegt, ob sie ihr Tennisracket in England braucht, zur Freiheitskämpferin, die ihren Platz in der von den Nazis besetzen Heimat gefunden hat. Zur legendären Gestalt der Liberté wurde sie auf der Flucht mit den beiden Männern, die sich ihretwegen beinahe sogar duelliert hätten, wäre da nicht die Patrouille der Boche (während des Krieges abwertender Ausdruck für die Deutschen) erschienen und hätte mit einer Perlustration begonnen.

Für Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky muss es wahrhaft unerträglich gewesen sein, zum irrsinnigen Ehemann von Marianne erklärt zu werden, um einer Festnahme zu entgehen. Herbert Föttinger zeigt in dieser Rolle einmal mehr, wie sehr ihm solche Partien liegen und hat dafür sogar das Spielen der Violine zumindest bis zu fünf Tönen erlernt. Vom überheblichen Grundherrn und Offizier, der mit leichter Hand seinen Pfeifendeckel Szabuniewicz (Matthias Franz Stein) der Geliebten schenkt, zum mit seinem Zusammenbruch Hadernden ist es bei ihm nur ein kleiner, aber bestens nachvollziehbarer Schritt. Immerhin hat er nicht nur den Kriegsfeind als Gegner, sondern auch Jacobowsky. Johannes Silberschneider nervt als solcher seinen Kontrahenten nicht nur mit den ins Unendliche fortsetzbaren zwei Möglichkeiten und ständigen Wundern, die er für das Trio wirken lässt, er stiehlt ihm sogar dann noch die Show, als die beiden längst Freunde sind. Statt in der Kathedrale des Oberst entzündet Jacobowsky in der Synagoge seines Herzens ein ewiges Licht für Marianne.

Johannes Silberschneider, Herbert Föttinger © Sepp Gallauer
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Foto © Theater in der Josefstadt

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