Kultur und Wein

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Johannes Seilern (Hatzinger), Johannes Krisch (Bockerer), Alexander Strömer (Guritsch) © Astrid Knie

Johannes Seilern (Hatzinger), Johannes Krisch (Bockerer), Alexander Strömer (Guritsch) © Astrid Knie

DER BOCKERER als Feigenblatt über der Generalschuld

Johannes Krisch (Bockerer) © Astrid Knie

Johannes Krisch (Bockerer) © Astrid Knie

Der allzu gern gezeigte Widerstand eines Einzelnen „Marke Wiener Dorftrottel“

Es hat offenbar einen Schweizer gebraucht, um die berühmte österreichische Seele in schrecklichem Verbund mit der Weana Gmiatlichkeit auf offener Bühne so gekonnt bloßzulegen, um die Nachfahren derjenigen, die einst am Heldenplatz ihrem Führer zugejubelt haben, bis zu Standing Ovations zu begeistern. Stephan Müller hat für das Theater in der Josefstadt die „tragische Posse“ „Der Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses inszeniert, und er hat es geschafft, den Film von Franz Antel vergessen zu lassen. Ohne den entsprechenden Hauptdarsteller wäre ein solches Unterfangen jedoch wohl nicht möglich gewesen. Johannes Krisch, angetan mit blutverschmierter Schürze, ist die hinreißende Verkörperung des widerspenstigen bürgerlichen Fleischhauers und Selchmeisters Karl Bockerer.

Dieses Original, Dr. von Lamm (Oliver Rosskopf) bezeichnet Bockerer genervt als ein Exemplar „Marke Wiener Dorftrottel“, ist nicht zuletzt derart populär, weil es sich verhalten hat, wie wir es uns alle gewünscht hätten, als die Bevölkerung von allgemeiner Verwirrung und Wahnsinn erfasst wurde. Zu gern wird er als der Held hingestellt, der als der aufrechte Österreicher schlechthin Vernunft und Menschlichkeit vor die eigene Peson gestellt hat. Schaut´s doch, so sind wir eben! Das ist aber nichts als eine schwere Beleidigung des Herrn Bockerer. Denn einen solchen hat es damals nur selten gegeben und man müsste ihn auch heute wohl mit der Laterne des Diogenes suchen, kämen wir in eine ähnliche Lage – was durchaus sehr leicht passieren kann. Es bräuchte uns nur ein bisserl schlechter zu gehen und schon wäre der rechte Arm wieder oben zum Gruß eines neuen Führers.

Tobias Reinthaller (Hans), Ensemble © Astrid Knie

Tobias Reinthaller (Hans), Ensemble © Astrid Knie

Johannes Krisch (Bockerer), Martin Zauner (A. Selchgruber), Ensemble © Astrid Knie

Johannes Krisch (Bockerer), Martin Zauner (A. Selchgruber), Ensemble © Astrid Knie

Der Abend besticht mit seiner Aufteilung in einzelne, relativ kurze Szenen, in denen die jeweilige Situation dicht und berührend abgehandelt wird. Die jeweiligen Brücken bieten gespenstische Propaganda, die nicht nur einfachen Gemütern mit ihrer Perfektion und pathetischen Wirkung den Kopf verdreht hat. Immer wieder der zündende Badonviller, Hitlers Lieblingsmarsch, dazu ein Hakenkreuz, das auf dem Eisernen Vorhang wie die Sonne im Westen von Wien aufgeht, und Brandreden, die noch in den Bombenruinen aus dem Volksempfänger brüllten, haben die Leute bei der Stange gehalten. Nur ein Martin Zauner schafft es, diesen Unfug zu demaskieren und ins Lächerliche zu ziehen, wenn sein geisteskranker Alois Selchgruber als Hitler beim Bockerer einzieht und seine sattsam bekannten Parolen mit typisch rollendem R ausspeit. Die Ruhe in Person ist der Rechtsanwalt Dr. Rosenblatt (Ulrich Reinthaller). Er ist Jude und hat rechtzeitig vorgesorgt, um nach der letzten Tarockrunde und „Ihr Blatt, Herr Rosenblatt“ zu emigrieren.

S. Wiegand (Frau Blau), U. Reinthaller (Dr. Rosenblatt), A. Srömer (Herr Blau) © Astrid Knie

S. Wiegand (Frau Blau), U. Reinthaller (Dr. Rosenblatt), A. Srömer (Herr Blau) © Astrid Knie

Den ruhigen Hermann, einen Sozi (wieder Martin Zauner), erwischt es schlimmer. Er kommt im KZ um. Der verblendete Hans, Bockerer Junior, ist Tobias Reinthaller und dessen Mutter Binerl sind alternierend Alexandra Krismer und Ulli Maier. Beide Figuren sind eine sehr realistische Verkörperung des Nazis Wiener Prägung, ebenso wie der Pensionist Hatzinger (Johannes Seilern), der vor der Gestapo mehr Angst als vor dem eigenen Gewissen hat, und der stets der jeweiligen Herrschaft angepasste Rayonsinspektor Guritsch (Alexander Strömer). Die wirklich Bösen sind der SS-Mann Ferdinand Gstettner (Oliver Rosskopf), vor allem aber die drei Berliner Parteigenossen Marcus Bluhm, Oliver Huether und Alexander Strömer, die so richtig den Piefke herauskehren und damit klarmachen, wer die Schuld an dem ganzen Schlamassel zu tragen hat, natürlich die Deutschen, die den Herrn aus Braunau groß gemacht haben.

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Foto © Theater in der Josefstadt

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