Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Silvia Meisterle, Makus Kofler, Michael Schönborn © Philine Hofmann

Silvia Meisterle, Makus Kofler, Michael Schönborn © Philine Hofmann

DER IDEALE MANN oder Moral nur durch Erpressung

Michael Dangl, Sivlia Meisterle © Philine Hofmann

Michael Dangl, Sivlia Meisterle © Philine Hofmann

Oscar Wilde und Elfriede Jelinek, ein Dreamteam für komisch bissige Sprachspitzen

Eigentlich heißt das Stück „An Ideal Husband“, aber der Ehemann würde nicht ganz die Spannweite des Themas erfassen. Es geht, wie es im Theater in der Josefstadt heißt, um den „Idealen Mann“ an sich. Somit ist der Titel bereits ein Witz, über den man gerne lachen darf. Und trotzdem hat Oscar Wilde eine Frau erschaffen, die den Glauben an diese Unmöglichkeit nicht verloren und den Irrtum begangen hat, ein solches Exemplar zu ehelichen. Gertrud heißt die Gute, die als Musterbeispiel für hehre Prinzipien gilt. Sie vergöttert ihren Robert, p.t. Sir Robert Chiltern, Staatsekretär im Auswärtigen Amt. Er hat es zu Reichtum und Ansehen gebracht und ist auf dem Sprung auf die höchste Stufe der Karriereleiter. Wäre da nicht das Scheusal von Mrs. Cheveley, eine Lady zweifelhaften Rufs und gefährlicher Verschlagenheit. Sie ist im Besitz eines Briefes, der den armen Sir Robert auf der Stelle vernichten könnte. Aber er hat einen Freund, den Dandy und Nichtsnutz Lord Goring jun., auf den ersten Blick ein verkommenes Subjekt, das dazu aber mit seiner ganzen schrägen Persönlichkeit steht und am Ende als einziger Unangreifbarer übrigbleibt. Er könnte die Verkörperung des Autors sein, ebenfalls ein faszinierender Außenseiter der puritanischen Gesellschaft Englands. Gemeint war die Komödie als Parodie auf die korrupte Politik dieser Tage, aber schon nach den ersten Sätzen vermeint man, Berichte aus den aktuellen Nachrichten zu hören. Es hat sich seither also nichts geändert, außer die Namen der Protagonisten, die damals wie heute für die Weitergabe von Insiderwissen an der Börse, für Bestechung und Postenschacher stehen.

Michael Dangl, Martina Stilp © Philine Hofmann

Michael Dangl, Martina Stilp © Philine Hofmann

Silvia Meisterle, Matthias Franz Stein © Philine Hofmann

Silvia Meisterle, Matthias Franz Stein © Philine Hofmann

Regisseurin Alexandra Liedtke hat auf viktorianisches Ambiente verzichtet und elegant schmucklose Räume auf die Bühne stellen lassen, dazu kommt eine Personenführung, die sich fast puppenhaft an die einzelnen Typen hält und den Darstellern grazile Turnübungen abverlangt. Der Sprachwitz flackert nur so aus der Übersetzung von Elfriede Jelinek, die gesellschaftliche Verhältnisse durch Verschärfung der Pointen stellenweise zu deutlich macht. Aber Übertreibung kann nie zuviel sein, wenn man ein solches Ensemble wie im Theater in der Josefstadt zur Verfügung hat. Bereits Markus Kofler als Butler der Chilterns erweckt mit der entsprechenden Hochnäsigkeit einer subalternen Gestalt Erwartungen in feine Komik, die in der Folge mehr als erfüllt werden. Ein ähnliches Kaliber ist sein Kollege Phipps (Paul Matić), Diener von Lord Goring. Im harmlosen Flor der Ladies, der von Attaché Vicomte de Nanjac (Tobias Reinthaller) umschwärmt wird, wirken Elfriede Schüsseleder als Markby, Lisa Weidenmüller als Basildon und Anna Laimanee als Mrs. Marchmont.

Sie ist schuld daran, dass Mrs. Cheveley (Martina Stilp) die Party crasht, indem sie mit einem schamlosen Erpressungsversuch den Hausherren Sir. Robert Chiltern (Michael Dangl) in die schlimmste Bredouille bringt. Ist er doch seiner Gattin (Silvia Meisterle) nur als vollkommen integrer Mann bekannt, eben als Ideal eines Ehemannes. Über eine Reihe von Missverständnissen und überraschenden Wendungen gelingt es doch, das Unheil abzuwenden. Es ist das Verdienst von Matthias Franz Stein in der Rolle des jungen Lord Gorings. Er ist der einzige, der sich bezüglich Gerissenheit mit Mrs. Cheveley anlegen und nebenbei seinen sportlichen Body ganz nackt präsentieren kann. Dafür kriegt er auch am Schluss seine Braut, die burschikose Katharina Klar als Mabel Chiltern. Damit macht er endlich auch seinen polternden Vater (Michael Schönborn) glücklich, der zum Schlussgag direkt auf den Ballhausplatz in Wien führt, wo ein Ministeramt so lange von Hand zu Hand wandert, bis endlich alle mit der rotweißroten Schärpe geschmückt sind.

Katharina Klar, Paul Matić, Tobias Reinthaller, Lisa Weidenmüller © Philine Hofmann

Katharina Klar, Paul Matić, Matthias Franz Stein, Tobias Reinthaller, Lisa Weidenmüller © Philine Hofmann

Johannes Seilern (Hatzinger), Johannes Krisch (Bockerer), Alexander Strömer (Guritsch) © Astrid Knie

Johannes Seilern (Hatzinger), Johannes Krisch (Bockerer), Alexander Strömer (Guritsch) © Astrid Knie

DER BOCKERER als Feigenblatt über der Generalschuld

Johannes Krisch (Bockerer) © Astrid Knie

Johannes Krisch (Bockerer) © Astrid Knie

Der allzu gern gezeigte Widerstand eines Einzelnen „Marke Wiener Dorftrottel“

Es hat offenbar einen Schweizer gebraucht, um die berühmte österreichische Seele in schrecklichem Verbund mit der Weana Gmiatlichkeit auf offener Bühne so gekonnt bloßzulegen, um die Nachfahren derjenigen, die einst am Heldenplatz ihrem Führer zugejubelt haben, bis zu Standing Ovations zu begeistern. Stephan Müller hat für das Theater in der Josefstadt die „tragische Posse“ „Der Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses inszeniert, und er hat es geschafft, den Film von Franz Antel vergessen zu lassen. Ohne den entsprechenden Hauptdarsteller wäre ein solches Unterfangen jedoch wohl nicht möglich gewesen. Johannes Krisch, angetan mit blutverschmierter Schürze, ist die hinreißende Verkörperung des widerspenstigen bürgerlichen Fleischhauers und Selchmeisters Karl Bockerer.

Dieses Original, Dr. von Lamm (Oliver Rosskopf) bezeichnet Bockerer genervt als ein Exemplar „Marke Wiener Dorftrottel“, ist nicht zuletzt derart populär, weil es sich verhalten hat, wie wir es uns alle gewünscht hätten, als die Bevölkerung von allgemeiner Verwirrung und Wahnsinn erfasst wurde. Zu gern wird er als der Held hingestellt, der als der aufrechte Österreicher schlechthin Vernunft und Menschlichkeit vor die eigene Peson gestellt hat. Schaut´s doch, so sind wir eben! Das ist aber nichts als eine schwere Beleidigung des Herrn Bockerer. Denn einen solchen hat es damals nur selten gegeben und man müsste ihn auch heute wohl mit der Laterne des Diogenes suchen, kämen wir in eine ähnliche Lage – was durchaus sehr leicht passieren kann. Es bräuchte uns nur ein bisserl schlechter zu gehen und schon wäre der rechte Arm wieder oben zum Gruß eines neuen Führers.

Tobias Reinthaller (Hans), Ensemble © Astrid Knie

Tobias Reinthaller (Hans), Ensemble © Astrid Knie

Johannes Krisch (Bockerer), Martin Zauner (A. Selchgruber), Ensemble © Astrid Knie

Johannes Krisch (Bockerer), Martin Zauner (A. Selchgruber), Ensemble © Astrid Knie

Der Abend besticht mit seiner Aufteilung in einzelne, relativ kurze Szenen, in denen die jeweilige Situation dicht und berührend abgehandelt wird. Die jeweiligen Brücken bieten gespenstische Propaganda, die nicht nur einfachen Gemütern mit ihrer Perfektion und pathetischen Wirkung den Kopf verdreht hat. Immer wieder der zündende Badonviller, Hitlers Lieblingsmarsch, dazu ein Hakenkreuz, das auf dem Eisernen Vorhang wie die Sonne im Westen von Wien aufgeht, und Brandreden, die noch in den Bombenruinen aus dem Volksempfänger brüllten, haben die Leute bei der Stange gehalten. Nur ein Martin Zauner schafft es, diesen Unfug zu demaskieren und ins Lächerliche zu ziehen, wenn sein geisteskranker Alois Selchgruber als Hitler beim Bockerer einzieht und seine sattsam bekannten Parolen mit typisch rollendem R ausspeit. Die Ruhe in Person ist der Rechtsanwalt Dr. Rosenblatt (Ulrich Reinthaller). Er ist Jude und hat rechtzeitig vorgesorgt, um nach der letzten Tarockrunde und „Ihr Blatt, Herr Rosenblatt“ zu emigrieren.

S. Wiegand (Frau Blau), U. Reinthaller (Dr. Rosenblatt), A. Srömer (Herr Blau) © Astrid Knie

S. Wiegand (Frau Blau), U. Reinthaller (Dr. Rosenblatt), A. Srömer (Herr Blau) © Astrid Knie

Den ruhigen Hermann, einen Sozi (wieder Martin Zauner), erwischt es schlimmer. Er kommt im KZ um. Der verblendete Hans, Bockerer Junior, ist Tobias Reinthaller und dessen Mutter Binerl sind alternierend Alexandra Krismer und Ulli Maier. Beide Figuren sind eine sehr realistische Verkörperung des Nazis Wiener Prägung, ebenso wie der Pensionist Hatzinger (Johannes Seilern), der vor der Gestapo mehr Angst als vor dem eigenen Gewissen hat, und der stets der jeweiligen Herrschaft angepasste Rayonsinspektor Guritsch (Alexander Strömer). Die wirklich Bösen sind der SS-Mann Ferdinand Gstettner (Oliver Rosskopf), vor allem aber die drei Berliner Parteigenossen Marcus Bluhm, Oliver Huether und Alexander Strömer, die so richtig den Piefke herauskehren und damit klarmachen, wer die Schuld an dem ganzen Schlamassel zu tragen hat, natürlich die Deutschen, die den Herrn aus Braunau groß gemacht haben.

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Foto © Theater in der Josefstadt

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