Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Klimt und die Medizin, Ausstellungsansicht © Daniel Hinterramskogler

Klimt und die Medizin, Ausstellungsansicht © Daniel Hinterramskogler

GUSTAV KLIMT UND DIE MEDIZIN

Gemälde als Blick durch das Mikroskop

TDobia G. Natter, Christiane Druml, Markus Müller © Daniel Hinterramskogler

Kurator Tobias G. Natter, Direktorin Josephinum Christiane Druml, Rektor MedUni Wien Markus Müller © Daniel Hinterramskogler

Der „Fluss des Lebens“ eröffnet neue Perspektiven auf das Werk eines vielseitig interpretierten Künstlers.

Ausgehend vom (verschollenen) Fakultätsbild „Die Medizin“ wird im Josephinum eine neue Facette des Starkünstlers intensiv beleuchtet. Gustav Klimt stand in regem Austausch zu bedeutenden Wissenschaftlern, in erster Linie Ärzten, deren Erkenntnisse auf faszinierende Art Eingang in seine Arbeit gefunden haben. Sie sind Thema einer Sonderausstellung, die bis 28. Juni 2026 im historischen Hörsaal mit 25, zum Teil selten gezeigten originalen Klimt-Zeichnungen neben medizinhistorischen Exponaten aus der eigenen Sammlung die Auseinandersetzung des Künstlers mit Körperlichkeit und der Darstellung von Geburt, Leben und Tod deutlich machen.

Klimt und die Medizin, Ausstellungsansicht © Daniel Hinterramskogler

Klimt und die Medizin, Ausstellungsansicht © Daniel Hinterramskogler

Das Josephinum © Foto Reiner Riedler

Das Josephinum © Foto Reiner Riedler

Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, betont, dass ein solches über die Grenzen der Fachgebiete greifendes Wirken nur möglich war, da um 1900 in Wien ein einzigartiges Klima der gegenseitigen Offenheit und eine freie Diskussion zur Gedankenwelt eines Nitzsche, Wagner oder Darwin herrschte. Als Zentrum dieses Austausches wurde dazu der Salon von Berta Zuckerkandl ausgemacht. Deren Gatte Emil war Professor der Anatomie an der Universität Wien. Gustav Klimt war nicht nur im Salon zu Gast, er besuchte auch den Seziersaal des Prof. Zuckerkandl, um dort zu zeichnen. Als noch unbekannter Absolvent der Wiener Kunstgewerbeschule war er zuvor auch von Adam Politzer, dem Gründer der ersten HNO-Klinik weltweit, für das Malen ohrenheilkundlicher Tafeln engagiert gewesen. Angeblich waren naturwissenschaftliche und biologische Lehrbücher Klimts liebste Lektüre, da sie ihm Vorlagen für seine Ornamente lieferten. Im erotischen Gemälde „Danaë“ zeigt deren Umhang Elemente, die eine frappante Ähnlichkeit mit Blastozysten (eine Blase aus flüssigkeitsgefüllten Zellen) aufweisen. Sie tauchen auch in anderen Gemälden auf und wurden bisher gerne als dem Jugendstil geschuldete Blüten gelesen. Es handelt sich dabei jedoch um erstaunlich naturalistische Darstellungen von Zellen und Geweben als das Ergebnis von Blicken durch ein Mikroskop, wie es Klimt bei Emil Zuckerkandl zur Verfügung stand.

Klimt und die Medizin, Ausstellungsansicht © Daniel Hinterramskogler

Klimt und die Medizin, Ausstellungsansicht © Daniel Hinterramskogler

Neben diesen nahezu revolutionären Erkenntnissen geht es in „Gustav Klimt und die Medizin“ um das Fakultätsbild „Die Medizin“. Tobias G. Natter, ehemaliger Direktor des Leopold Museums und Autor des aktuellen Werkverzeichnisses aller Klimtgemälde, ist Kurator dieser Ausstellung und erzählt zur tragischen Geschichte dieses Werks: „Schon bei der Erstpräsentation der ,Medizin´ 1901 entfachte das Gemälde einen ,ästhetischen Bürgerkrieg´.“ Die Vertreter der Kommission hatten die Darstellung ihrer Fakultät wohl ganz anders erwartet und konnten sich mit diesem visionären „Fluss des Lebens“ nichts anfangen. Nicht zuletzt mag es die Nacktheit der Frau auf der linken Seite des Bildes gewesen sein, die im Zuge einer Anfrage im Reichsrat als dem „ästhetischen Gefühl der Majorität der Bevölkerung widersprechend“ bezeichnet wurde. Es wurde abgelehnt, obwohl sich Emil Zuckerkandl in einer Gegenpetition dafür eingesetzte und seine Kollegen unsanft als Laien auf dem Gebiet der Kunst bezeichnete. Klimt verzichtete auf den Auftrag, behielt auch die drei anderen Fakultätsbilder und refundierte die dafür bereits bezahlten Vorschüsse.

„Die Medizin“ gelangte in der Folge in den Besitz von Koloman Moser. 1921 wurde es in der Staatsgalerie im Unteren Belvedere als Neuwerbung ausgestellt. 1944 verbrachte man es zwecks Bergung vor dem Kriegsgeschehen in das Schloss Immendorf, wo im Mai 1945 ein Brand sämtliche dort verwahrten Klimtgemälde vernichtete. Als Brandstifter vermutet werden abrückende deutsche Truppen, wahrscheinlich SS-Verbände. Geblieben sind nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Lediglich die rot-goldene Gestalt der Hygieia ist in Farbe überliefert. Erst viele Jahrzehnte später wurde unter der Leitung von Franz Smola, Kurator der Sammlung 18. & 20. Jahrhundert im Belvedere, und Google Arts and Culture „Die Medizin“ mittels KI farblich rekonstruiert. Zu sehen ist nun eine 12 x 8 Meter große Reproduktion an der Fassade des Anna Spiegel Forschungsgebäudes auf dem Gelände des MedUni Campus AKH, um nicht zuletzt den darauf zugehenden Studenten die Möglichkeit einzuräumen, sich in Klimts nunmehr in Farbe erstrahlenden „Fluss des Lebens“ hineindenken zu können.

Fakultätsbild Medizin, Rekonstruktion © Österreichische Galerie Belvedere, Wien/Image by Google

Fakultätsbild Medizin, Rekonstruktion © Österreichische Galerie Belvedere, Wien/Image by Google

De Auribus, 8) Combi 40, 9) Tempo+BTE, 10) Synchrony 2, 11) Rondo 3

De Auribus, 8) Combi 40, 9) Tempo+BTE, 10) Synchrony 2, 11) Rondo 3

DE AURIBUS Der Heilkunde für taube Ohren gewidmet

Modell eine Ohres in der Ausstellung

Modell eine Ohres in der Ausstellung

Im Medizinhistorischen Museum Wien wird auf spannende Weise Geschichte erzählt.

Bereits 1779 gab es in Wien ein Taubstummeninstitut. Kaiser Joseph II. hatte anlässlich eines Besuchs bei seiner Schwester Marie Antoinette in Paris eine solche Einrichtung kennengelernt. Der Reformmonarch sah darin einen Segen für Untertanen, denen das Gehör und damit oft auch die Sprache den Dienst verweigerten. Erstmals in der Wiener medizinischen Geschichte gab es Unterricht in Gebärden- und Lautsprache. Es vergingen noch einmal fast 100 Jahre, bis Wien 1873 mit einer spezialisierten Universitäts-Ohrenklinik weltweit eine Pioniertat auf dem Gebiet der HNO setzte. Wieder waren es etwa 100 Jahre, bis die Entwicklung des Cochlea-Implantats in Österreich eine neue Dimension in der Therapie schwerer Gehörstörungen eröffnete.

Historische Anleitung zur Gebärdensprache

Historische Anleitung zur Gebärdensprache

Wachsmodell eines Ohres

Wachsmodell eines Ohres

Es gilt, um ein Jahr verspätet, das 150-Jahr-Jubiläum dieser Uni-Klinik zu feiern. In der Sonderausstellung „De Auribus“ (bis 5. Oktober 2024) wird auch den medizinisch weniger oder nicht beschlagenen Besuchern das Thema Ohren, Gehör und Therapie nahegebracht. Wolf-Dieter Baumgartner, Facharzt für HNO-Heilkunde und Kopf-Hals-Chirurgie, hat gemeinsam mit Kuratorin Daniela Hahn Medizingeschichte anschaulich gemacht. Sie haben einen Rundgang angelegt, vom Raum für Sonderausstellungen ausgehend bis zu Ergänzungen in der ständigen Schau des Josephinums. Zuerst wird das Ohr (lateinisch: auris) in seinem komplizierten Aufbau vorgestellt. Es folgen erste Hörhilfen, wie sie beispielsweise für Ludwig van Beethoven von Johann Nepomuk Mälzel erfunden wurden, die Beschreibung einstiger, gewiss schmerzhafter Operationen weiter zu frühen Exemplaren von Hörgeräten bis herauf zum Cochlea-Implantat. Eine Fülle an dreidimensionalen Objekten wie Wachsmodelle, chirurgische Instrumente oder eine Tafel mit der Gebärdensprache, dazu Büchern und Bildern macht den Wissenserwerb dabei erfreulich kurzweilig.

Jeremias Altmann, Ohrenkathedrale, Fotografie auf Alu-Dibond, 2024

Jeremias Altmann, Ohrenkathedrale, Fotografie auf Alu-Dibond, 2024

Gechichte der Ohrenheilkunde 1, Exlibris Adam Politzer

Gechichte der Ohrenheilkunde 1, Exlibris Adam Politzer, 1904

Im Zentrum steht der Name Adam Politzer, Facharzt für Otologie, der maßgeblich an der Gründung der Wiener Uni-Ohrenklinik beteiligt war. Ein weiterer Wegbereiter ist Prof. Kurt Burian. Ihm gelang es 1977, das erste Cochlea-Implantat einzusetzen. „Die Funktion eines solchen Implantates ist es, dem Patienten mittels elektrischer Stimulation der Spiralganglienzellen (Hörnervenzellen) der Cochlea (Hörschnecke im Innenohr), über eine in dieselbe inserierte Elektroden, Höreindrücke (Geräusche und Töne) und ein freies Sprachverständnis (ohne Lippenablesen) zu ermöglichen” Das Zitat stammt von der Seite www.implantsaustria.com, die von Univ. Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner betrieben wird und den Gestalter der Ausstellung als den Spezialisten schlechthin ausweist. „Rote Ohren”, gemeint sind damit auffällige Punkte, verweisen überdies auf Kunstinterventionen, die von Jeremias Altmann, Christina Gruber, Meret Oppenheim, Katharina Sabernig und Nives Widauer beigetragen wurden, um einen weiteren, durchaus emotionalen Zugang zu dieser Materie zu schaffen.

Josephinum Logo 300

Statistik