Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Leuchtender Schriftzug Lizkor veLishkoach / Remember and Forget © Brigitte Kowanz

Leuchtender Schriftzug Lizkor veLishkoach / Remember and Forget © Brigitte Kowanz

ALLES VERGESSEN Das Hitlerbild hinter Andreas Hofer

Alles vergessen, Ausstellungsansicht

Alles vergessen, Ausstellungsansicht

Objekte und Gedanken zu einem allgemein menschlichen Phänomen aus jüdischer Sicht

Ferdinand Raimund führt in seinem Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“ am Ende die Beteiligten an die „Quelle der Vergessenheit des Üblen“. In einer Textzeile heißt es: „Vergessenheit trinket dem Hass und dem Neid, damit uns das Leben bloß liebend erfreut.“ Wenn es nur so einfach wäre, zwischen den grausamen Verbrechen wie diejenigen, die im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau begangen wurden, und einer sich unschuldig wähnenden Gegenwart eine Wand des Vergessens aufzuziehen! Dazwischen liegen mittlerweile einige Generationen; die Erinnerung daran ist aber geblieben oder wird in verschiedensten Formen wie Gedenkveranstaltungen, Zeitzeugenberichten, Film oder Theater immer wieder aufgefrischt. Das Motto lautet: Wider das Vergessen! Und trotzdem sind wir Menschen diesem Phänomen ausgeliefert; wobei nicht von vornherein klar ist, ob es sich um eine Schwäche unserer Natur oder um eine Strategie des Überlebens handelt.

Luhmanns Zettelkasten ca. 1960 - 1996

Luhmanns Zettelkasten ca. 1960 - 1996

Wehrstammbuch von Kurt Waldheim © Österreichisches Staatsarchiv, Wien

Wehrstammbuch von Kurt Waldheim ausgestellt am 2.6.1939 © Österreichisches Staatsarchiv, Wien

Das Jüdische Museum Wien hat nun in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems am Judenplatz eine Ausstellung gestaltet, die sich dem Vergessen aus kulturhistorischer und jüdischer Sicht nähert. Gezeigt werden Objekte und künstlerische Positionen wie ein leuchtender Schriftzug von Brigitte Kowanz. Lizkor veLishkoach / Remember and Forget überblendet die hebräischen Schriftzüge „erinnern“ und „vergessen“ auf einer reflektierenden Fläche. Ihm gegenüber stehen in einer Vitrine zwei Tora-Aufsätze, sogenannte Rimmonin, aus einer verschwundenen Synagoge, an deren Existenz einzig und allein eine Aufschrift erinnert. Unmittelbar nach dem Holocaust und noch Jahrzehnte danach wurde auf nichtjüdischer Seite auf Verdrängung gesetzt. Ein Beispiel, das zum Schmunzeln anregt, ist ein Porträt von Andreas Hofer. Dem Besitzer eines „Hitlerbildes“ war dieses offenbar zu heiß geworden, aber doch wertvoll genug, um es aufzubewahren. Ein geschickter Maler hat den Führer in den Tiroler Freiheitskämpfer verwandelt und so gleich zwei Fliegen auf einen Schlag getroffen. Er wusste, wer sich hinter Hut und Vollbart verbirgt, konnte die nationalsozialistische Vergangenheit aber einfach leugnen und sich sein Idol so versteckt bewahren.

Mit dem Vergessen hadern aber auch die Juden selbst, allein schon wegen des Gebotes zur Erinnerung. Per Bannbrief wurde aufgrund missliebiger Ansichten jeder Kontakt und jede Erinnerung an Baruch de Spinoza von den Rabbinern verboten und wird erstaunlicherweise bis heute eingehalten. Es ist aber auch zu erfahren, dass gewolltes Vergessen offenbar unmöglich ist. Es kann zu einem hartnäckigen Weiterleben einer damit angepeilten Person führen. So hält der Film „Night and Fog“ von Dan Gal – er zeigt das Verstreuen der Asche von Adolf Eichmann über dem Meer – einen erklärten Bösewicht dauerhaft im Gedächtnis, obwohl er es wahrhaft verdient hätte, gründlich vergessen zu werden.

Edith Kramer, Porträt © Sebastian Gansrigler

Edith Kramer, Porträt © Sebastian Gansrigler

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