Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Don Carlos Ensemble © Herwig Prammer

DON CARLOS Grand Opéra auf ihre Essenz reduziert

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Die wohl schönste Abrechnung mit einem Tyrannen – durch das junge Ensemble des Theater an der Wien

Wir verdanken es einzig und allein der Sturheit und Hartherzigkeit von Philippe II., dass die Literatur zu diesem hochdramatischen Stoff gekommen ist. Nicht nur Friedrich von Schiller, sondern auch andere Dichter haben sich des unglücklichen Infanten und seinem Liebesschmerz angenommen. Was muss dieser verbohrte Alte auch dem Jungen die Braut vor der Nase wegheiraten. Endlich hätte es auf den ohnehin durch kühle Abmachungen getroffene Verwandtenhochzeiten auf den Thronen Europas eine echte Zuneigung zwischen Prinz und Prinzessin gegeben, was den im 16. Jahrhundert ein Weltreich regierenden Habsburgern nur allzu gut getan hätte. Wäre dieser Don Carlos mit der französischen Königstochter Elisabeth de Valois als Ehefrau an seiner Seite dem Vater nachgefolgt, hätte das Herrscherhaus in der Spanischen Linie nicht aufgrund von Degeneration aussterben müssen. Aber es wollte nicht so kommen. Flandern war im Aufstand begriffen und wurde von Philippe mit aller Gewalt niedergeprügelt. Statt Entgegenkommen wurde Herzog von Alba mit dem Heer geschickt.

Jenna Siladie (Élisabeth de Valois); Andrew Owens  (Don Carlos) © Herwig Prammer

Ein junger König wie eben dieser Carlos mit seinem Freund Rodrigue, Marquis von Posa, der bereits voll aufgeklärter Ansichten war, hätte in seinem eigenen Reich Frieden schaffen können. Hätte, hätte, und die Opernwelt wäre um eine Grand Opéra ärmer. Giuseppe Verdi hat Schillers Drama von seinen Librettisten Joseph Méry und Camille du Locle zu einer der größten Opern der Geschichte texten lassen und in jahrelanger, mühevoller Arbeit vertont. Es war ein Werk, das anlässlich der Weltausstellung 1867 in Paris uraufgeführt wurde. Verdi sparte nicht an üppigen Szenen mit Hofstaat, Volk und Mönchen, die als wuchtige Chöre die riesige Bühne der Opéra füllten und akzeptierte nur widerstrebend die Kürzungen, die in Rücksicht auf das mit den letzten Zügen heimfahrende Publikum erforderlich waren.

Kristjan Johannesson (Rodrigue, Marquis de Posa);  Dumitru Mădărășan  (Philippe II.) © H. Prammer

Wie schafft man es nun, ein solches Monumentalwerk für die Kammeroper zu komprimieren? Sébastien Dutrieux hat sich mit dem jungen Ensemble des Theater an der Wien über das schier Unmögliche gewagt. Die Musik für großes Symphonieorchester wurde von Panos Iliopoulos und Florian C. Reithner für das Wiener KammerOrchester arrangiert; das heißt, Streicher einfach besetzt, nur das Nötigste an Gebläse (großartige Klarinette am Beginn) und das Schlagwerk großteils ignoriert.

Dirigent Matteo Pais holt aus diesem Schrumpforchester dennoch eine erstaunliche Klangfülle heraus, auf die sich die Sänger vertrauensvoll setzen können, um in dieser intimen Essenz einer Gand Opéra die persönlichen Probleme ihrer jeweiligen Figuren deutlich zu machen.

 

Dutrieux hat aber offenbar Angst vor zuviel Action auf der Bühne, die übrigens wie eine Kleinhäuslerwohnung und so gar nicht nach einem düster prächtigen Escorial aussieht.

Er lässt die Solisten durchwegs steif herumstehen, nur der klangvolle Mezzosopran Tatiana Kuryatnikova als La Princesse Eboli wagt auch ein verschlagenes Gesicht aufzusetzen, wenn sie ihr verlogenes Rien zu ihren Umtrieben von sich gibt. Die anderen stehen eher statisch, ohne miteinander zu agieren, auf der Bühne, aber sie alle singen dabei gottvoll. Wenn sich Philippe II. (Dumitru Mădărășan) und Le Grand Inquisiteur (Ivan Zinoviev) mit ihren mächtigen Bässen um die Zukunft der Monarchie matchen, dann spürt man schon wahre Grundgewalt. Elisabeth mit Jenna Siladie, ein in allen Lagen sicherer Sopran, erfreut sich in Thibault (Ilona Revolskaya) eines erfrischend singenden Pagen. Der großgewachsene Bariton Kristján Jóhannesson ist als Posa der Intimus des eher kompakten Andrew Owens als Don Carlos, dessen Tenor jedoch Kraft, Höhensicherheit und Schmelz auszeichnen. Wenn diese beiden mit "Dieu, tu semas dans nos ames" ihre Freundschaft beschwören, lässt ein derart herzerwärmendes Erlebnis jede Reduktion vergessen.

Jenna Siladie (Élisabeth de Valois); Ilona Revols kaya (Thibaut) © Herwig Prammer
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