Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Branko Samarovski mit Schwein und Ensemble © Matthias Horn

DIE HAMLETMASCHINE als zu gut gemeinte Publikumsverarschung

Die Hamletmaschine, Ensemble beim Rudelbumsen im Sarg © Matthias Horn

Des Direktors Traum: Endlich ein österreicherfreies Burgtheater

Ein guter Magen ist Voraussetzung für Oliver Frljićs Inszenierung des 9-seitigen Texts von Heiner Müller mit dem Titel „Die Hamletmaschine“. Es ist eine Abrechnung mit totalitären Systemen, von denen der damals ostdeutsche Dramatiker in den 1970er-Jahren hautnah umgeben war. In der stimmungsvollen Ruine des Kasino wurde daraus eine Beschimpfung von Österreich und eine wenig subtile Verarschung des Publikums. In der mitlaufenden englischen Übersetzung war „Fuck Austria“ zu lesen. Wie es auf Deutsch ausgedrückt wurde, war leider in der mangelhaften Akustik nicht zu verstehen. Von Hamlet war nur wenig zu spüren. Es gab zwar immer wieder Erwähnungen und angebliche Zitate, in denen der dänische Prinz schon zu seiner Zeit von Europa nur mehr rauchende Trümmer gesehen hat, aber im Wesentlichen ist es ein Monolog, in dem von der Beschreibung des Staatsbegräbnisses eines Machthabers ausgehend die Rollen von Suizid begehenden Frauen und mit dem System schamlos kopulierenden Müttern hinterfragt werden.

Marcel Heupermann mit Schwein © Matthias Horn

Dieser war zumindest zwei Mal zu hören, Teile davon öfter und damit für die Zuhörer einigermaßen nachvollziehbar. Rührend ist der Versuch, den hierzulande in den 1960er-Jahren groß provozierenden Aktionismus mit viel Blut, dem Ficken eines Plastikschweins und ähnlichen Unappetitlichkeiten, begleitet von der Verspottung des Streichquartetts in C-Dur von Joseph Haydn, auch als Kaiserquartett bekannt, nachzuempfinden. Um die Knappheit des Texts auf fünf Viertelstunden auszudehnen, wurde unterbrochen und das Licht im Saal eingeschaltet. Mit sichtlichem Vergnügen wurde in dieser Pause das Publikum als blöd, weiß und privilegiert hingestellt, aus der Sicherheit heraus, dass jeder der in den langen Bänken sitzenden Zuschauer darob ohnehin vom schlechten Gewissen gebeutelt ist und sich nicht zu widersprechen wagt.

Marta Kizyma, Annamáría Láng, Max Gindorff  © Matthias Horn

Ob damit der vom Burgtheater initiierten „Europamaschine“ mit dem Ziel „Impulse für Diskurs & Debatte zu den Ruinen und der Zukunft von Europa“ zu geben, ein guter Dienst erwiesen wurde, wird sich in den zahlreichen dazu anberaumten Veranstaltungen weisen. Zumindest ein Vorhaben ist geglückt. Für diesen Abend war die Bühne von Österreichern (fast) gesäubert. Der Regisseur ist geborener Bosnier, Max Gindorff Luxemburger. Dass er homosexuell ist, wen interessiert´s?

Aber es wird eigens betont. Marta Kizyma kommt aus der Ukraine, spricht hervorragend Deutsch und schafft eine Art ruhenden Pol im allgemeinen Schweinigeln. Annamáría Láng ist wie ihr Name schon sagt Ungarin und hat sich mit Ohrendurchstich an den Thron zu nähen und ihren rechten Oberschenkel mit Blut zu beschriften. Branko Samarovski tritt als blutverschmierte Ophelia auf und verspricht, mit dem Sterben aufzuhören. Er ist seit 1991 Mitglied des Wiener Burgtheaters und hat die Rolle nur deswegen bekommen, da er 1939 noch im Königreich Jugoslawien geboren wurde.

Aus der größten Gastarbeiter Community unseres Landes stammt Marcel Heupermann. Er ist Deutscher und hat in dieser „Glücksmaschine“ wahrlich das große Los gezogen. Coram publico muss er sich das A-4 große Foto des Regisseurs in den nackten Arsch schieben und, was durchaus als akrobatisches Kabinettstück seines Verdauungstrakts zu bewundern ist, wieder heraus scheißen. Aber er sagt auch einen sehr g´scheiten Satz: Am schnellsten vergessen die Götter, Vergessen ist Weisheit.

Marcel Heupermann am Mokrophon, Annamáría Láng beim Nähen © Matthias Horn
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