Kultur und Wein

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Ausstellungsansicht "Tizians Frauenbild" © KHM-Museumsverband

Ausstellungsansicht "Tizians Frauenbild" © KHM-Museumsverband

TIZIANS FRAUENBILD Venus und ihre Töchter – una poesia

Venus mit Orgelspieler und Cupido, Tizian © Museo Nacional del Prado, Madrid

Venus mit Orgelspieler und Cupido, Tizian © Museo Nacional del Prado, Madrid

Die entblößte Brust sittsamer Venezianerinnen und andere feministische Neuigkeiten aus dem Cinquecento

Beide sind aus dem Meer geboren, die Göttin Venus bekanntlich aus dem Schaum der Wellen, die Venezianerinnen in einer Stadt auf dem Wasser. Was für die Liebesgöttin recht und billig war, nämlich nackt und verführerisch dargestellt zu werden, beanspruchte die noble Weiblichkeit der Serenissima spätestens im 16. Jahrhundert auch für sich. Die Damen wussten um ihre intellektuellen Fähigkeiten und drängten, wie man aus Schriften damaliger Autorinnen weiß, zu gleicher Bildung wie ihre Geliebten und Gatten. Dabei waren sie peinlich darauf bedacht, ihre Reize strategisch einzusetzen und damit die in der Stadtrepublik herrschenden Männer ihren Interessen bis zu einem gewissen Grad untertan zu machen. Das mag den Erfolg erklären, der den in einem kleinen Ort in den Dolomiten um 1488 geborenen Maler Tiziano Vecello von seinem zehnten Lebensjahr an bis zu seinem Tod 1576 in Venedig hielt. Heute würde man sagen, seine Kamera liebte die Frauen, Tizian war jedoch auf Farbe, Pinsel und Leinwand angewiesen, um seine Models möglichst vorteilhaft wiederzugeben. Aber wie er das schaffte! Der Beweis ist die sensationelle Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien, die bis 16. Jänner 2022 mit mehr als 60 Gemälden dem Besucher eine mehr als sehenswerte Ahnung von „Tizians Frauenbild“ vermittelt.

Violante, Tizian © KHM-Museumsverband

Violante, Tizian © KHM-Museumsverband

Junge Frau bei der Toilette, Tizian © RMN-Grand Palais, Franck Raux

Junge Frau bei der Toilette, Tizian © RMN-Grand Palais, Franck Raux

Die Kuratorinnen Sylvia Ferino-Pagden, Francesca Del Torre Scheuch und Wencke Deiters konnten auf einen reichen Bestand im eigenen Haus zurückgreifen und hatten keine Probleme internationale Museen wie das MOMA in New York, den Louvre in Paris, die Uffizien in Florenz u. v. a. m. zu Leihgaben zu bewegen. In Wien feiert die Schau ihre Premiere, um danach in den Palazzo Reale in Mailand zu wandern, um dort wohl ebensolche Furore auszulösen wie hierzulande.

 

Zwischen einer frühen „Madonna mit Kind“ von Tizian und dem Gemälde „Der Sündenfall“ von Jacopo Tintoretto wird gleich zu Beginn eine Schuldfrage aufgeworfen. Ist es allein Evas anzulasten, dass wir aus dem Paradies vertrieben wurden? Wenn ja, dann hat es Maria, die ohne den Makel dieser Erbsünde geboren wurde, wieder gutgemacht, indem sie ihren Sohn für die Erlösung der Menschheit geopfert hat. Zwei Frauen stehen sich hier gegenüber, die eine züchtig gewandet mit niedergeschlagenen Augen, die andere nackt und mit dem Apfel in der Hand die personifizierte Verführung. Dieser Frau folgen „Le belle Veneziane“, Halbfigurenbilder zwischen Porträt und Idealbildnis. Lange wurden Kurtisanen als die lebenden Vorbilder vermutet, bis der genaue Blick Verlobungsringe oder Veilchen entdeckte und diese unscheinbaren Beigaben als Zeichen für Brautstand und Jungfräulichkeit interpretierte. So ist auch die entblößte Brust weniger als erotisches, denn als Zeichen für die Hingabe des Herzens zu verstehen. Offenbar kannte man damals keine falsche Scham, wenn es darum ging, tiefe Gefühle auszudrücken.

Vulkan überrascht Venus und Mars, Tintoretto © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlung

Vulkan überrascht Venus und Mars, Tintoretto © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlung

Der Spiegel, um den es bei den nächsten Gemälden geht, erzählt von Eitelkeit und Selbstverliebtheit, ist aber auch ein Symbol der Vergänglichkeit, wenn er dem Betrachter als düstere Mahnung entgegengehalten wird wie auf dem Gemälde „Vanitas“ von Tizian.

 

Liebespaare im Verein mit allen möglichen Kombinationen von Alter und Stand verraten einiges über die Modalitäten bei Eheschließungen, denen mehrheitlich finanzielle und politische Überlegungen zugrunde lagen, was mit etwas Böswilligkeit aus Paris Bordones „Die Liebenden“ oder Giovanni Carianis „Junge Frau mit altem Mann im Profil“ herausgelesen werden könnte. Irritierend ist „Mann, der Drehleier spielt, und junge Frau“ von Domenico Capriolo. Der Musiker ist ein gestandener Vierziger, mit dionysischem Efeukranz über einem feisten Gesicht, sie eine nahezu unwirkliche Sylphide, die seine Muse, aber auch Sängerin sein könnte.

Der Sündenfall (Adam und Eva), Jacopo Tintoretto © Gallerie dell'Accademia di Venezia

Der Sündenfall (Adam und Eva), Jacopo Tintoretto © Gallerie dell'Accademia di Venezia

Susanna, Tintoretto © KHM-Museumsverband

Susanna, Tintoretto © KHM-Museumsverband

Faszinierend waren jederzeit und besonders damals Heroinen und Heilige. Erotische Erscheinung contra Brutalität wie in „Judith“ von Paolo Veronese oder reizvolle Buße wie in „Maria Magdalena“ von Tizian (und Werkstatt) halten sich die Waage. Was wäre eine Schöne ohne Schmuck?! So ist diesem Thema ein eigener Abschnitt gewidmet. Eine stattliche Matrone (von Jacopo Tintoretto), deren Gesicht gleichzeitig Trotz und Selbstzufriedenheit ausstrahlt, scheint filigranen Schmuck bevorzugt zu haben. Ein Doppelring und eine glänzende Perlenkette lassen auf Reichtum und Modebewusstsein schließen, verbunden mit einem entschiedenen Blick, dem man nicht zu widersprechen wagt.

 

Nach Porträts bedeutender Männer ihrer Zeit, zusammengefasst unter „Humanisten und Poeten“, werden in einigen Vitrinen „Schriftstellerinnen, Dichterinnen und dichtende Kurtisanen“ vorgestellt, bevor es in medias res geht, also in das zentrale Thema „Venus – Ideal weiblicher Schönheit“. Den Raum bevölkern Statuen der Liebesgöttin und an den Wänden darf diese sich mit Adonis vergnügen oder mit Nymphen am Wasser plantschen. Palma il Vecchio, von dem die Badeszene stammt, war ein Meister des Karnats, mit dem er die weiblichen Körper aus der sie umgebenden Natur herausleuchten lässt.

Porträt einer jungen Frau, bekannt als „La Bella“, Palma il Vecchio © Museo Nacional

Porträt einer jungen Frau, bekannt als „La Bella“, Palma il Vecchio © Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

Lucretia, Paolo Veronese © KHM-Museumsverband

Lucretia, Paolo Veronese © KHM-Museumsverband

Vollends poetisch wird es im Schlussteil der Ausstellung. Tizian fand in einem Bilderzyklus mit Darstellungen der Mythologie den eigentlichen Ausdruck für seine Poesie. „Danae“ räkelt sich in Erwartung sinnlicher Erfüllung durch Jupiter als goldener Regen auf ihrer Liege, ein Flöte spielender Schäfer umgarnt verliebt eine Nymphe und wieder ist es Venus, die begehrlich den vorbeigehenden Adonis umklammert, um gleich darauf bei Paolo Veronese von Amor mit Mars in Liebe verbunden zu werden. Es wäre jedoch keine ernsthafte Lyrik, könnte man nicht auch schmunzeln. Jacopo Tintoretto lässt den alten Vulkan seine Frau beim Techtelmechtel mit Mars betreten. Der sonst so starke Gott des Krieges kann sich gerade noch unter dem Bett verstecken, während Venus mit unwiderstehlicher Gebärde den Gemahl zu verführen versucht, um ihrem Geliebten einen gefahrlosen Rückzug zu verschaffen – una poesia dipinta!

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