Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Thomas Weinhappel mit Ensemble © Ilse Reitner

IL BARBIERE DI SEVIGLIA Große Stimmen im kleinsten Opernhaus

Daniele Macciantelli, Thomas Weinhappel © Ilse Reitner

Launiger Belcanto mit Rossinis Figaro, Almaviva und Bartolo

Was muss ein alter Knacker wie dieser Dr. Bartolo auch sein Mündel heiraten wollen?! Bei einem solchen Altersunterschied ist die Gefahr groß, dass der Brautwerber zur Lachnummer wird. Gegen einen jungen Konkurrenten wie den Grafen Almaviva, der noch dazu blendend gut aussieht, sind die Chancen auf Erfolg von Haus aus sehr gering. Wenn sich dann auf dessen Seite noch das Faktotum der schönen Welt einmischt, eben Figaro, dann sollte Bartolo schleunigst sein Vorhaben ändern und sich mit seiner braven Haushälterin Berta zufrieden geben. Sie nähme ihn auf der Stelle zum Gatten, trotz aller seiner Schrullen und seines doch fortgeschrittenen Alters. Aber man kennt ja die (mit den Jahren auch natürlich entstandene) Kurzsichtigkeit solcher Herren. Bevor sie nicht bis auf die Knochen blamiert sind, geben sie nicht auf. Schon Den Franzosen Beaumarchais hat diese Konstellation fasziniert, die ihn zum ersten Teil einer bissig bösen Trilogie inspiriert hat und mit dem Titel „Le Barbier de Séville ou La précaution inutile“ 1775 in Paris als Komödie auf die Bühne gebracht wurde.

Juan de Dios Mateos © Ilse Reitner

Kein Wunder, dass auch der dem Amüsement nicht abgeneigte Gioachino Rossini von dieser Satire fasziniert war. Cesare Sterbini hat ihm das Libretto geschrieben, das Rossini mit seiner unvergleichlich spielerisch wirkenden Musik vertont hat. „Il Barbiere di Seviglia“ hat er selbst als Opera buffa bezeichnet und damit einen Mordsspaß geschaffen, dem das Publikum seit der Uraufführung 1816 in Scharen zuläuft, weil es neben allen den traumhaften Melodien eine Hetz ist, zuzuschauen, was sich adelige Herren und deren windige Ratgeber einfallen lassen, um eine Frau gegen den Willen ihres Vormunds zu erobern.

Thomas Weinhappel, Karolina Wieczorek © Ilse Reitner

Das KlassikFestival Schloss-Kirchstetten, bekannt für den kleinsten Opernsaal Österreichs, hat dieses Juwel des Belcanto heuer auf den Spielplan gesetzt. Unter der vom Aufwand her faszinierend bescheidenen Regie von Joanna–Godwin-Seidl und dem von Hooman Khalatbari geleiteten Orchesterchen ist erstaunlich große Oper entstanden, die Platz- und sonstige Einschränkungen mit ausnahmslos beachtlichen Stimmen wettmacht. Der Chor wurde auch heuer wieder von Gerhard Eidher bestens einstudiert.

Die jungen Leute des Wiener Kammerchores sind wie üblich in vielen Verkleidungen eingesetzt, von übermütigen Musikanten über die eitlen Volksscharen, die von Figaro ein Autogramm oder eine neue Frisur begehren, bis zu den Soldaten, die sich so gar nicht auf die Seite Bartolos stellen wollen, weil sich ihr Comandante vernünftigerweise nicht mit dem Grafen Almaviva anlegen will.

Leszek Solarski © ALeisser

Die Solisten sind nicht nur solide Sänger, sondern auch großartige Komödianten, die keine Gelegenheit zu einem Gag auslassen, den ihnen Rossini zwischen Musik und Handlung serviert. Wenn alle zusammen in einem gemeinsamen Stakkato auf den stummen Offizier einschmettern, kann dem schön Hören und Sehen vergehen. Sie alle sind eine Entdeckung für große Bühnen wert. Da gibt es Basilio, laut Original Musikmeister und Heuchler, der in Gestalt von Leszek Solarski als Pfarrer in Soutane auftritt. Als solcher könnte er mit seinem mächtigen Bass auch im Stephansdom ohne Mikrophon predigen und man würde ihn in der letzen Reihe deutlich hören. Als Berta, die Haushälterin, zeigt Biljana Kovač, wie tief eine Altistin in die Männerstimme vordringen kann, um kehr um die Hand ganz oben ihr Liebesleid als alte Jungfer ergreifend zu bejammern. Karolina Wieczorek ist ein süße Rosina, die mit ihrem runden G´sichtl und stattlicher Dirndlfigur reizend kokettiert und dabei halsbrecherische Koloraturen so sicher in den Maulpertsch-Saal stellt, dass den Zuhörern die Luft wegbleibt.

Graf Almaviva macht ihr den Hof. Dass er dabei mit strahlendem lyrischen Tenor und etlichen Verkleidungen das Haupthindernis Dr. Bartolo aus dem Weg räumen muss, ist für Juan de Dios Mateos an sich kein Problem. Spitzentöne, die ihm Rossini in die Arien geschrieben hat, werden zu selbstverständlichen Höhepunkten seines Liebeswerbens.

So besehen ist der Alte nicht wirklich ein Gegner, wenngleich Dottore Bartolo über eine Zungenfertigkeit verfügt, die wohl nur ein Italiener wie Daniele Macciantelli so perfekt beherrscht. In „A un dottor della mia sorte“ solche Mengen Silben in einem Takt unterzubringen, ist schon Gesangsartistik vom Feinsten. Die Titelfigur singt und spielt der Bariton Thomas Weinhappel. Als ungemein gut aussehender Figaro bricht er in seiner Auftrittsarie „Largo al factotum“ wie ein Sturmwind über die Bühne herein und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wer ab nun die Fäden zieht, um mit Durchtriebenheit und Schmäh die Richtigen vor den Notarius zur Verehelichung zu bringen.

Biljana Kovač, Thomas Weinhappel © ALeisser
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