Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung, Kunsthalle Wien 2018, 2018, Foto: Jorit Aust

ANTARKTIKA Wider die Vergletscherung der Gesellschaft

Jana Schulz, GOLDEN BOYS Igdir (Video Still), 2018, © die Künstlerin

Möglicherweise Denkanstöße zum Begriff Entfremdung

Eines der zentralen Werke stammt von Jeroen de Rijke und Willem de Rooij. Unter dem Titel „Coming Home in Forty Days“ haben die beiden Holländer 1997 einen Eisberg mit ihrem Segelboot umrundet und dabei gefilmt. Der Betrachter, der es sich gegenüber der Leinwand auf einem der Bänke bequem gemacht hat, wird dabei nichts anderes sehen als einen Teil der berühmten 10% Eis, die sich bei einem solchen Gebilde über der Wasseroberfläche befinden. Es gibt keine Eisbären, keine Vögel und keine vom Fischen rastenden Robben, und sollte sich dieser Eisblock im Eismeer um den Südpol herumtreiben, auch keine Pinguine. Nichts als Eis und wieder Eis. Nachdem die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle „Antarktika“ (bis 17 Februar 2019) heißt, passt dieses beschauliche Thema recht gut. Laut Vanessa Joan Müller, die diese Schau gemeinsam mit Nicolaus Schafhausen kuratiert hat, geht es im Wesentlichen aber nicht um eine Reise an die südlichste Kuppe unseres Planeten. In den verschiedensten Positionen junger Kunst sind Eiseskälte und Entfremdung raffiniert verpackt.

Andrzej Steinbach, Ohne Titel  Courtesy der Künstler & Galerie Conradi Hamburg, Brüssel

Blumiger ausgedrückt, findet man darin die vorwurfsvolle Diagnose einer Vergletscherung der Gesellschaft. Es obliegt dem Betrachter, dieses Motto jeweils in den einzelnen Positionen zu entdecken und für sich heraus zu lesen. Als Hilfestellung dient eine Broschüre, die in zwar schwer verständlicher, aber doch deutscher Sprache die tiefen Gedanken hinter den sichtbaren Ergebnissen zum Studium anbietet.

an Wallace, At the Crosswalk VI, 2008, Courtesy Hauser & Wirth, Zürich, Foto: Kunsthalle Zürich

Großteils sind es junge Menschen, die mit dem Anliegen, die Welt zu verbessern, in die Kunst eingestiegen sind. Nachdem es dafür kein Patentrezept gibt, haben sie eben, jede und jeder auf seine Weise, etwas geschaffen, das sich nun als Teil einer Leistungsschau gegenwärtigen Kunstschaffens präsentieren lässt. Keiner der Akteure brauchte sich dabei um technische Fragen zu kümmern, das hätte wohl nur gestört. So ist das Video der Estin Ingel Vaikla eine Demonstration, wie man keinen Film macht.

In der kurzen Geschichte, die vier Nonnen aus dem belgischen Kloster Rosenberg bei ihrem Tagewerk zeigt, gibt es immens lange Close-ups auf die Gesichter der Frauen, endlose Kameraeinstellungen auf ihr gemeinsames Gebet und ermüdende Sequenzen mit dem Verpacken ihrer Habseligkeiten. Die Abtei soll nämlich in Bälde geschlossen werden und die Schwestern müssen ausziehen. Ob sich beim Begleittext das große Aha-Erlebnis einstellt, muss jeder für sich selbst beurteilen. So steht hier folgendes geschrieben: Das Kloster kann im Sinne Michel Foucaults als Heterotopie verstanden werden, als Raum, der eine ordnungssystematische Funktion erfüllt... Der Leser wird in der Folge mit Ludwig Feuerbach und Karl Marx konfrontiert, die zur Religion und damit auch zu geistlichen Schwestern ein doch distanziertes bis feindseliges Verhältnis hatten. Da ist Peter Wächtlers kleiner Drache mit Strohhut ischon wesentlich unterhaltsamer.

Dieses Fabelwesen führt lustige Selbstgespräche in Englisch, die man auf Untertiteln mitlesen kann. Auch dazu gibt es eine umfangreiche Interpretation, die darin gipfelt, dass die Sprache vom Alltäglichen zum Prosaischen springt, jede Kohärenz ignoriert und ins Absurde driftet, „um zwischen den Zeilen doch so etwas wie eine kontinuierliche Selbstversicherung (und Trost für den möglicherweise ratlosen Besucher) erkennen zu lassen. I am not afraid. And I am just a butterfly now.

Ausstellungsansicht: Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung, Kunsthalle Wien Foto: Jorit Aust
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