Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht: Annette Kelm. Tomato Target © Foto Stephan Wyckoff

ANNETTE KELM TOMATO TARGET Gefällige Stillleben u. m.

Annette Kelm, Untitled (Rider), 2005

Arrangements, die man in der Realität so nicht wiederfindet

Annette Kelm, bereits durch eine Reihe von Ausstellungsbeteiligungen auch hierzulande ein Begriff für künstlerische Fotografie, will ihre Arbeiten nicht interpretieren. Das, so sagt sie, überlasse sie dem Betrachter. Aber sie hat eine Menge zu jedem Bild zu sagen, das von ihr exakt komponiert und mit Hintergründen ausgestattet wurde, die erst auf den zweiten oder späteren Blick zu erkennen sind. So erzählt sie zu “Fächer“, dass sie den darauf abgelichteten Cowboy ersucht hätte, einen Fächer zu schwingen. Damit wird das Foto irritierend. Der für Wildwest-Romantik und einsamer Wolf-Männlichkeit stehende Reiter erhält dadurch eine sanfte weibliche Note, die sich überdies mit den dahinter wachsenden Fächerpalmen zu einer subtilen Pointe ergänzt. Keines ihrer Fotos muss ohne eine solche Überraschung auskommen. Gegenstände ziehen das Auge an und stellen gleichzeitig die Frage, warum Sprungfedern mit einer Blume garniert wurden oder für das Thema Feminismus eine lila Latzhose herhalten muss.

Annette Kelm, Tomato Target, 2018

Bei den Federn ist es schlicht die Freude an der Spirale als Metapher für die Unendlichkeit, die mit der floralen Deko einen Eyecatcher erhalten hat. Die Latzhose ist hingegen ein Versatzstück aus diversen Zeitgeschichtemuseen, in denen das Thema Feminismus auf maximal einem Quadratmeter abgehandelt wird, und dabei stets mit diesem Kleidungsstück als Farbmischung aus blauen männlichen und roten weiblichen Jeans, ergänzt mit einer Nummer der Zeitschrift „Brigitte“ als genügend behandelt erscheint.

 

Kelm arbeitet zum guten Teil noch auf analogem Material, verwendet aber gleichzeitig digitale Kameras, um nicht als Ewiggestrige zu gelten, wie sie sagt. Damit geht sie auf Motivjagd und wird in verschiedensten Umgebungen fündig. Dabei verbindet sie unscheinbare Attribute wie ein Mirogemälde mit einer mächtigen Wurlitzerorgel. Sie wollen erst entdeckt werden. Es zeigt von trockenem Humor der Künstlerin, wenn sie einen ihr bekannten Kulturmenschen nicht einfach porträtiert, sondern an einen Esstisch setzt, ihn dabei seltsame Posen einnehmen lässt und gleich mehrmals mit minimalen Veränderungen zu einer einzigen Arbeit mit dem Titel Julian, Italian Restaurant verbindet. Die Ausstellung „Annette Kelm Tomato Target“ (bis 24. März 2019) ist also erfreulich anzuschauen. Man folgt gerne dem begeisterten Blick der Fotografin.

Beinahe kindlich staunend steht sie vor einem Jacquard-Webstuhl im Deutschen Museum in München. Es handelt sich dabei um einen der frühesten „Computer“, der bereits im 18. Jahrhundert mit Lochstreifen programmierbar war. Daneben hängt ein Bild des ersten, von Konrad Zuse, gebauten Lochstreifenrechners aus den 1930er-Jahren. Beide Apparate haben zu revolutionären Veränderungen in der Arbeitswelt beigetragen und sind damit trotz zweier Aufnahmen ein fotografisches Kunstwerk. Was es mit dem Titel „Tomato Target“ auf sich hat, wird aus den grünen Paradeiserpflänzchen vor einem Teller mit einer Zielscheibe erklärt, sagt aber nur wenig darüber aus, dass Tomaten als Wurfgeschosse üblicherweise reif und rot sind, um auf dem Gesicht des damit Bedachten so richtig zu zerplatzen. Aber ein solcher Gag wäre in der beschaulichen Abfolge von Stillleben und mehr (Kelm findet den Ausdruck Stillleben nicht vollständig zutreffend für ihre Arbeit) einfach nicht passend.

Annette Kelm, Still Life with Spring, 2017

Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung, Kunsthalle Wien 2018, 2018, Foto: Jorit Aust

ANTARKTIKA Wider die Vergletscherung der Gesellschaft

Jana Schulz, GOLDEN BOYS Igdir (Video Still), 2018, © die Künstlerin

Möglicherweise Denkanstöße zum Begriff Entfremdung

Eines der zentralen Werke stammt von Jeroen de Rijke und Willem de Rooij. Unter dem Titel „Coming Home in Forty Days“ haben die beiden Holländer 1997 einen Eisberg mit ihrem Segelboot umrundet und dabei gefilmt. Der Betrachter, der es sich gegenüber der Leinwand auf einem der Bänke bequem gemacht hat, wird dabei nichts anderes sehen als einen Teil der berühmten 10% Eis, die sich bei einem solchen Gebilde über der Wasseroberfläche befinden. Es gibt keine Eisbären, keine Vögel und keine vom Fischen rastenden Robben, und sollte sich dieser Eisblock im Eismeer um den Südpol herumtreiben, auch keine Pinguine. Nichts als Eis und wieder Eis. Nachdem die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle „Antarktika“ (bis 17 Februar 2019) heißt, passt dieses beschauliche Thema recht gut. Laut Vanessa Joan Müller, die diese Schau gemeinsam mit Nicolaus Schafhausen kuratiert hat, geht es im Wesentlichen aber nicht um eine Reise an die südlichste Kuppe unseres Planeten. In den verschiedensten Positionen junger Kunst sind Eiseskälte und Entfremdung raffiniert verpackt.

Andrzej Steinbach, Ohne Titel  Courtesy der Künstler & Galerie Conradi Hamburg, Brüssel

Blumiger ausgedrückt, findet man darin die vorwurfsvolle Diagnose einer Vergletscherung der Gesellschaft. Es obliegt dem Betrachter, dieses Motto jeweils in den einzelnen Positionen zu entdecken und für sich heraus zu lesen. Als Hilfestellung dient eine Broschüre, die in zwar schwer verständlicher, aber doch deutscher Sprache die tiefen Gedanken hinter den sichtbaren Ergebnissen zum Studium anbietet.

an Wallace, At the Crosswalk VI, 2008, Courtesy Hauser & Wirth, Zürich, Foto: Kunsthalle Zürich

Großteils sind es junge Menschen, die mit dem Anliegen, die Welt zu verbessern, in die Kunst eingestiegen sind. Nachdem es dafür kein Patentrezept gibt, haben sie eben, jede und jeder auf seine Weise, etwas geschaffen, das sich nun als Teil einer Leistungsschau gegenwärtigen Kunstschaffens präsentieren lässt. Keiner der Akteure brauchte sich dabei um technische Fragen zu kümmern, das hätte wohl nur gestört. So ist das Video der Estin Ingel Vaikla eine Demonstration, wie man keinen Film macht.

In der kurzen Geschichte, die vier Nonnen aus dem belgischen Kloster Rosenberg bei ihrem Tagewerk zeigt, gibt es immens lange Close-ups auf die Gesichter der Frauen, endlose Kameraeinstellungen auf ihr gemeinsames Gebet und ermüdende Sequenzen mit dem Verpacken ihrer Habseligkeiten. Die Abtei soll nämlich in Bälde geschlossen werden und die Schwestern müssen ausziehen. Ob sich beim Begleittext das große Aha-Erlebnis einstellt, muss jeder für sich selbst beurteilen. So steht hier folgendes geschrieben: Das Kloster kann im Sinne Michel Foucaults als Heterotopie verstanden werden, als Raum, der eine ordnungssystematische Funktion erfüllt... Der Leser wird in der Folge mit Ludwig Feuerbach und Karl Marx konfrontiert, die zur Religion und damit auch zu geistlichen Schwestern ein doch distanziertes bis feindseliges Verhältnis hatten. Da ist Peter Wächtlers kleiner Drache mit Strohhut ischon wesentlich unterhaltsamer.

Dieses Fabelwesen führt lustige Selbstgespräche in Englisch, die man auf Untertiteln mitlesen kann. Auch dazu gibt es eine umfangreiche Interpretation, die darin gipfelt, dass die Sprache vom Alltäglichen zum Prosaischen springt, jede Kohärenz ignoriert und ins Absurde driftet, „um zwischen den Zeilen doch so etwas wie eine kontinuierliche Selbstversicherung (und Trost für den möglicherweise ratlosen Besucher) erkennen zu lassen. I am not afraid. And I am just a butterfly now.

Ausstellungsansicht: Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung, Kunsthalle Wien Foto: Jorit Aust
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