Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Parsifal: Solisten, Ensemble, Chor © Reinhard Winkler

Parsifal: Solisten, Ensemble, Chor © Reinhard Winkler

PARSIFAL Bühnenweihefestspiel um den reinen Toren

Ralf Lukas, Chor © Reinhard Winkler

Ralf Lukas, Chor © Reinhard Winkler

Große Stimmen und opulenter Orchesterklang für Wagners Erlösungsoper

Richard Wagner war evangelisch getauft. Damit war auch seine religiöse Erziehung diesem Bekenntnis unterworfen. Der bedeutendste Feiertag der Reformierten ist der Karfreitag; im Gegensatz zu den Katholiken, denen die Auferstehung als entscheidende Grundlage ihres Glaubens gilt. Mit seinem Tod am Kreuz hat Christus die Menschheit erlöst und damit der Gnade Gottes teilhaftig gemacht. So weit in aller Kürze der philosophisch theologische Hintergrund dieser Oper, die Wagner zum „Bühnenweihefestspiel“ erhoben hat. Interessanterweise sind die Protagonisten durchwegs einem strengen Zölibat verpflichtet, ganz so wie ein katholischer Priester. Den Gralsrittern ist Sexualität nicht nur verboten, sie führt umgehend zu harten Konsequenzen, wie bei Amfortas, der den Verführungskünsten von Kundry nicht widerstehen kann und damit nicht nur seinen mächtigen Speer, sondern auch seine Gesundheit verliert. Die Frau wiederum ist, eher auch katholisch gedacht, das Böse an sich. Kundry ist verflucht, für immer die Welt unerlöst zu durchstreifen, da sie einst Jesus auf seinem Kreuzweg verspottet hat.

Parsifal, Ensemble © Reinhard Winkler

Parsifal, Ensemble © Reinhard Winkler

Katherine Lerner, Heiko Börner © Reinhard Winkler

Katherine Lerner, Heiko Börner © Reinhard Winkler

Gemeinsam mit dem Zauberer Klingsor ist sie bestrebt, diese um den Gral mit dem Blut Christi versammelte Männergesellschaft zu zerstören. Erst der reine Tor, eben Parsifal, kann die alte Ordnung wiederherstellen. Er hat die Kraft, den Anträgen einer ganzen Schar von zudringlichen Mädchen zu widerstehen und den Speer zurück zu erobern. Aus heutiger Sicht betrachtet ist der Inhalt mehr als fragwürdig, wenn nicht gar vollkommen unkorrekt. Doch sollte man sich darüber nicht zu viele kritische Gedanken machen. Richard Wagner hat dazu Musik geschrieben, die den Zuhörer einfach überwältigt. Wenn der Karfreitagszauber erklingt und Gurnemanz die poetisch-kryptischen Verse „Des Sünders Reuetränen sind es, die heute mit heil´gem Tau beträufelt Flur und Au´“ singt, verstummen alle Zweifel an der Größe dieser in ihrer Art einmaligen Oper.

Heiko Börner, Ensemble © Reinhard Winkler

Heiko Börner, Ensemble © Reinhard Winkler

Gerade was die Musik betrifft und die Auswahl der Solisten hat das Musiktheater Linz mit der, sagen wir, vorsichtigen Inszenierung von Stephan Suschke alle Herausforderungen bestens gemeistert. Am Pult steht Markus Poschner, der mit einem fantastischen Bruckner Orchester Linz das erlösende Strahlen des Grals mächtig zum Klingen bringt und dennoch die durchwegs stimmstarken Solisten gefühlvoll begleitet. Den Löwenanteil an Gesang hat Rúni Brattaberg als Gurnemanz zu bewältigen. Er hält mit seinem warm orgelndem Bass das Publikum bezüglich der Handlung auf dem Laufenden und dreht auch im Innern des Geschehens alles so geschickt hin, dass am Ende die herabgekommene Schar der Gralsritter wieder ihre lebenserhaltende Zeremonie feiern kann.

Parsifal, Solsiten, Ensemble © Reinhard Winkler

Parsifal, Solsiten, Ensemble © Reinhard Winkler

Katherine Lerner, Heiko Börner, Michael Wagner © Reinhard Winkler

Katherine Lerner, Heiko Börner, Michael Wagner © Reinhard Winkler

Um im tiefen Fach zu bleiben: Klingsor hat mit Adam Kim den Bösewicht gefunden, der dunkel sein Ränkespiel betreibt; William Mason besticht als greiser Titurel mit der stimmlichen Kraft eines jungen Mannes. Ganz nebenbei: Nicht beantwortet wird, wie der Gralskönig zu seinem Sohn gekommen ist, ohne mit einem Weib zugange gewesen zu sein. Aber es gibt ihn und Ralf Lukas macht die Leiden seines Amfortas nicht nur mit seinem beachtlichen Bariton, sondern auch schauspielerisch ergreifend nachvollziehbar. Kundry webt mit Katherine Lerner als skrupulöse Frau durch diese Männergesellschaft. Ihr Sopran ist dramatisch und dennoch so weiblich weich, um Mitgefühl mit ihrer fatalen Lage zu erwecken. Man gönnt ihr den gnädigen Tod, der sie am Schluss aus ewiger Verdammnis befreit. Der reine Tor, der in seiner Dummheit zuerst einen Schwan erlegt und später zum Retter des Grals aufsteigt, ist Parsifal. Heiko Börner ist lange schweigender Zuschauer, bevor sein Tenor wonniglich wohltuend alles ins rechte Lot rückt und Parsifal von der als Taube dargestellten göttlichen Gnade als neuer Gralskönig legitimiert wird.

Elena Batoukova-Kerl bringt  den BÜhnenarbeitern (Chor) Brötchen © Herwig Prammer

Elena Batoukova-Kerl bringt den BÜhnenarbeitern (Chor) Brötchen © Herwig Prammer

AIDA Kostümprobe mit großen Stimmen

Sonja Šarić, Ensemble © Herwig Prammer

Sonja Šarić, Ensemble © Herwig Prammer

Sänger spielen Sänger, die großartig Verdi-Arien singen

Sind wir uns ehrlich, die Erwartungen eines guten Teils des Publikums konzentrieren sich auf den „Triumphmarsch“. Diese strahlende, von schmetternden Fanfaren aufgeputzte Festmusik ist tatsächlich ein Geniestreich von Giuseppe Verdi. Sie war die würdige Untermalung, als man es geschafft hatte, die schmale Landbrücke zwischen Afrika und der Sinai-Halbinsel mit einem Kanal zu durchstoßen und damit Grund für die Hoffnung gegeben hatte, der Schifffahrt eine gewaltige Verkürzung des Seeweges eröffnet zu haben. Verdi hatte es zwar eine Zeit lang ablehnt, Anlassmusik zu schreiben, ließ sich dank entsprechenden Honorars denn doch überreden, eine „Hymne“ auf die Eröffnung des Suezkanals zu komponieren. Es sollte nach dem Willen des regierenden (und zahlenden) Ismail Pascha eine Oper „in ausschließlich ägyptischem Stil“ sein, die im jüngst in Betrieb genommenen Opernhaus in Kairo Uraufführung erleben sollte. Das Libretto dazu wird gemeinhin dem französischen Ägyptologen Auguste Mariette zugeschrieben. Bis der grobe Handlungsbogen jedoch opertauglich war, waren noch der Theatermann Camille du Locle als Prosadichter und der italienische Verseschmied Antonio Ghislanzoni vonnöten. Am 24. Dezember 1871 trat „Aida“ ihren Siegeszug durch die Opernhäuser dieser Welt an und zählt bis heute zu den meistgespielten Werken Verdis. Der Rest ist Musikgeschichte.

Sonja Šarić, Adam Kim © Herwig Prammer

Sonja Šarić, Adam Kim © Herwig Prammer

Elena Batoukova-Kerl, Sung-Kyu Park © Herwig Prammer

Elena Batoukova-Kerl, Sung-Kyu Park © Herwig Prammer

Wenn sich nun ein Haus wie das Musiktheater Linz über einen solchen Fünftausender der Opernliteratur wagt, dann darf man natürlich nicht den Cinemaskope-Schinken erwarten, der keine Kosten scheut, um das Alte Ägypten mit seinen Säulenwäldern, Pharaonenstatuen und Obelisken, dazu unendlich viel Volk in Lendenschurz samt Priesterschaft in goldprangenden Roben aufzubieten. Mit Sabine Hartmannshenn wurde eine Regisseurin engagiert, die den Mut hat, einzig auf die Wirkung der Musik und die Stimmkraft der Solisten zu setzen. Sie lässt ihr Publikum an einer Probe teilnehmen. Kostüme werden anprobiert, Kulissen hin und her geschoben und auf einfachen Sesseln von manchen noch die Rolle studiert. Das Ganze irritiert freilich, aber nur so lange, bis Sung-Kyu Park als Radames in Jeans mit „Celeste Aida“ anhebt. Der Schmelz, die Sicherheit in den Höhen und die Kraft dieses Tenors sind beeindruckend. Begleitet wird er dabei vom verlässlich wohl klingenden Bruckner Orchester Linz, das von der italienischen Leidenschaft Enrico Calessos am Pult mitgerissen wird und gemeinsam mit Chor und Solisten erstaunlichen Druck im Zuschauerraum erzeugt. Ein reizvolles Extra: Die jeweiligen Seelenzustände der handelnden Personen machen zwei Tanzpaare (Anna Bárbara Bonatto, Katharina Glas, Urko Fernandez Marzana, Lukas Ruziczka) geheimnisvoll sichtbar.

Solisten und Ensemble © Herwig Prammer

Solisten und Ensemble © Herwig Prammer

Der Mentor des jungen Helden ist sowohl in der Nebenhandlung als auch im Stück Dominik Nekel, der seinem Oberpriester Ramfis mit mächtigem Bass die entsprechende Würde verleiht. Der Pharao (Bassist Michael Wagner) hat als Prämie für den Sieg über die Äthiopier die Hand seiner Tochter ausgelobt. Amneris wird vom Mezzosopran Elena Batoukova-Kerl nicht nur virtuos gesungen, sondern auch ausdrucksstark gespielt. Schließlich ist sie die einzige, die eine Wandlung durchmacht, von der eifersüchtigen Prinzessin zur selbstlosen Frau, die schmerzlich auf ihren Geliebten verzichtet. Ihre Rivalin, die äthiopische Sklavin Aida (Sonja Šarić), hat bekanntlich das Herz von Radames erobert. In der Probe fällt sie als Neue auf, nicht vertraut mit den Usancen dieses Ensembles, beseitigt aber schon mit den ersten Tönen jeden Zweifel, wer die ideale Kandidatin für die Titelrolle ist. In ihr sitzt aber noch tief die Sehnsucht für ihr Heimatland, dem sie in „O patria mia“ nachtrauert. Wäre nicht ihr schlitzohriger Vater, könnte durchaus alles gut ausgehen. Doch Adam Kim ist ein unerbittlicher König Amonasro, der seinen möglichen Schwiegersohn zum Verrat verleitet. Er hat nicht damit gerechnet, dass Radames standhaft bleibt und freiwillig in den Tod geht, noch weniger aber damit, dass diesem seine Tochter folgt und mit ihm stirbt. Aus dem Duett von Radames und Aida wird ein ergreifendes Terzett, wenn die geläuterte Amneris auf der nun dunklen Bühne zuletzt mit „Pace, Pace, Pace!“, also Friede, Tränen in die Augen der Zuschauer treibt.

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