Kultur und Weindas beschauliche MagazinBoccaccio, Ensemble und Bühne © Foto Hofer BOCCACCIO Das Dekameron in musikalischer Fassung
Im 14. Jahrhundert wird Florenz von der Pest heimgesucht. Zehn junge Leute ziehen sich deshalb aus der Stadt am Arno auf ein Landgut weit außerhalb zurück. Um sich die Zeit zu vertreiben, erfinden sie pikante Geschichten von frivolen Liebschaften, Ehebruch oder Sex im geistlichen Stand. Es sind 100 Novellen, die Giovanni Boccaccio im Dekameron vereinigt hat. Diese Sammlung erregte nicht nur zur Zeit ihrer Entstehung großes Aufsehen, sie kam in vielen Ländern auf den Index verbotener Bücher – und wurde trotzdem mit roten Ohren gelesen. Franz von Suppe sah darin einen wunderbaren Stoff für eine Operette, für die Friedrich Zell und Richard Genée ein adäquates Libretto schrieben. Sie wird heutzutage selten gespielt. Wenn es aber eine Aufführung gibt, begeistert sie nicht nur Freunde früher italienischer Literatur am Beginn der Ranaissance und des aufkommenden Humanismus, sondern auch Genießer großartiger Musik, die im Stil vom Ende des 19. Jahrhunderts von damals zum Heute eine klangvolle Brücke baut.
Brilllant umgesetzt wird die Komposition Suppes in Bad Ischl vom Franz Lehár-Orchester unter der Leitung von Christoph Huber. Intendant Thomas Enzinger hat selbst Regie geführt und im Wirken Boccaccios eine Befreiung der Frau erkannt, zumal schon im Original die Titelfigur ein Alt ist. Ausgewählt für diese Hosenrolle wurde Christina Sidak, deren Mezzosopran mit seiner Klarheit raffiniert zwischen den Geschlechtern oszilliert. Sie gibt in der Spielfassung von Jenny W. Gregor die Dichterkrone an neun aus dem Publikum rekrutierte Frauen und Männer weiter und beauftragt sie damit, eine einschlägige Episode zum Besten zu geben.
Die durch diesen gespielten Zufall entstandene Truppe macht, gekleidet in stimmig historische Kostüme, ihre Sache durchwegs großartig. Es beginnt damit, dass Isabella (Domenica Radlmaier) hinter einem Fenster mit dem Prinzen Pietro (Martin Lechleitner) und Boccaccio einen flotten Dreier zelebriert, während ihr Gatte, der Fassbinder Lotteringhi, vor seinem Kumpanen, dem abergläubischen Gewürzkrämer Lambertuccio, von ihrer Untadeligkeit schwärmt. Wie zwei Blinde, die von der Farb´ reden, ist auch der andere ahnungslos, dass seine Frau Peronella (Miriam Portman) ebenfalls emsig im Bestreben nach außerehelicher Befriedigung unterwegs ist. Die beiden betrogenen Ehemänner sind Gerd Vogel, ein gestandener Mann mit fester Stimme, und Hans Gröning. Er läuft zur Hochform auf, wenn er auf der Passerelle mit Couplets aktuelle Themen pointiert anschneidet und Probleme mit der Beleuchtung mit witzigen Bemerkungen überspielt. Dem Studenten Leonetto (Philip Guirola Paganini) geht es beinahe an den Kragen, wenn über ihm bedrohlich das Henkersbeil schwebt, aber es wäre kein Lustspiel, wenn sein Kopf tatsächlich fiele. Er ist wie alle anderen ein fleißiger Betreuer in punkto Erotik Abwechslung suchender Eheweiber.
Gräfin Mariza, Ensemble und Bühne © Foto Hofer GRÄFIN MARIZA Bekehrung eines It-Girls zu wahrer Liebe
Als Julius Brammer und Alfred Grünwald das Libretto zur Operette „Gräfin Mariza“ verfasst haben, war das böse Z-Wort für Roma und Sinti keineswegs als Beleidigung für diese Volksgruppen gemeint. Der Primas einer solchen Kapelle war ein Geigenvirtuose. Seine Musik packte die Menschen und erweckte in ihnen den Traum von einem Ungarn, das von Paprika und Csardas lebte. Ihre mitreißenden Melodien, Rhythmen und Klänge wurden zum (übrigens nicht ganz zutreffenden) Begriff für die Volksmusik der Magyaren. Vorarbeit dazu haben u. a. Franz Liszt und Johannes Brahms geleistet, bis sie in der Ära der silbernen Operette von Franz Lehár oder Emmerich Kálmán in wahrhaft ohrgängige „Schlager“ verwandelt wurde. Verpackt in Geschichten aus der Zeit vor 1918 begeistern sie noch lange nach dem Ende der Monarchien das längst republikanische Publikum. Regisseurin Angela Schweiger wagte sich an eine Modernisierung des Stoffes und verlegte ihn in die Gegenwart. An sich ist die Idee nicht so schlecht, da damals wie heute wohlhabende Zeitgenossen eine hochmütige Grenze zwischen sich und den Rest der Menschheit zogen und ziehen. Was einst die Adeligen waren, sind heute eben mehr oder weniger betuchte Mitglieder einer selbsternannten High Society und Wichtigmacher auf Social Media. Deshalb wimmelt es in Bad Ischl nur so von Influencern und Parvnüs, die als Entourage einer gewissen Mariza deren ungarisches Landgut unsicher machen. Ihre Hauptbeschäftigung ist posten, saufen, tanzen und das Übliche, das junge Leute eben so treiben, wenn ihnen fad ist. Evamaria Mayer hat dafür eine sehr sportliche Choreographie entwickelt, die Chor und Tanzensemble in stetig hüpfender Bewegung hält. Einen Sonderapplaus gab es dabei für die junge Dame, die sich offenbar in den Hühnerstall verirrt hat und mit einem Huhn an Leine durch den Salon irrt. Ein größeres Problem stellen heute Roma und Sinti dar, die in die Gesangstexte eingebettet sind und deshalb umgeschrieben wurden. Deren rassistisch konnotierte Bezeichnung wurde mit harmlosen Begriffen ersetzt. So wurde aus „Komm, Zigan“ ein Bruder, den Tassilo in seinen gemütvollen Momenten für sich aufspielen lässt. Das ist zwar ziermlich verkrampft, wäre aber nicht so schlimm, wenn dazu nicht Jakob Kücher als sein Freund Tschekko mit einer Gitarre erschiene und drauf herumzupfte. Was die Geige verbrochen hat, dass sie den Herrn Verwalter nicht trösten darf, erschließt sich wahrlich nicht. Man darf diesen brutalen Regieeinfall ohne Übertreibung als Sakrileg an der Komposition Kálmáns werten.
Dank Marius Burkert und dem von ihm geleiteten Franz Lehár Orchester blieb die Partitur von Emmerich Kálmán sonst großteils unangetastet und strahlt mit den zauberhaften Melodien zeitlos über die in diesem Haus leider unabdingbare Tonanlage. Dazu kommen bemerkenswerte Stimmen in den Solopartien. Der Tenor von Daniel Pataky hat feinen Schmelz und ist in der Höhe wohltuend sicher, wie geschaffen für Tassilo, dem aufgrund persönlicher Umstände bescheiden gewordenen Gutsverwalter, der Ungarwein aus einer Flasche mit billigem Drehverschluss trinkt. Wird er so das Herz von dessen Besitzerin erringen? Eher doch, denn Bryony Dwyer als Mariza hat zwar den Sopran einer Gräfin, ist aber vom Kostüm (Sven Bindseil) her wie ihre eigene Angestellte bekleidet. In einigen Szenen wird ihre eigene Kindheit aufgearbeitet. Für sie tanzen und träumen alternierend die Mädchen Paula Goebl, Josephine Sidak und Charlotte Sidak. Dass Mariza auf die Schwester ihres Geliebten eifersüchtig ist, hat sie den Umtrieben ihres lästigen Verehrers Populescu (Martin Achrainer) zu verdanken. Claudia Goebl ist eine herzensliebe Lisa, die sich erstaunlicherweise in die Spaßkanone Kolomán Zsupán verliebt und sogar bereit wäre, mit ihm nach Varaždin (Kroatien) zu gehen. Lukas Karzel lässt keine Gelegenheit aus, die nach einem Lacher riecht.
Götter-Solisten, Tanzensemble, Chor des Lehár Festivals © Foto Hofer (www.fotohofer.at) ORPHEUS IN DER UNTERWELT Die Verwirrung alter und neuer Götter
Die Öffentliche Meinung ist eine Influencerin, die eine gewaltige Schar von Followern die Geschichte auf Instagram mitverfolgen lässt. Eva Schöler, an sich ein Mezzosopran, lässt gleich zu Beginn den Intendanten wissen, was sie von den paar Leuten im Publikum hält. Der hat jedoch die entsprechende Antwort darauf, immerhin hat Thomas Enzinger selbst Regie geführt und sich diesen Gag erdacht. Das Haus ist ausverkauft und die Leute erwarten sich eine auf der Bühne live gespielte Operette und nicht einen aufgeregt kommentierten Abklatsch am Handydisplay. Man begegnet noch den antiken Olympiern, die allerdings spüren, dass sie in der neuen Zeit ihre Macht gegen neue Gottheiten wie Smartphone & Co. verloren haben. Das Ehepaar Orpheus und Eurydike hat sich auseinandergelebt. Er hat sich in eine Muse verliebt, sie in den Hirten Aristäus, ohne zu ahnen, dass es sich dabei um Pluto, den Herrn der Unterwelt handelt, der die Schöne umgehend in sein Reich entführt. Das wiederum kann der Weiberheld Jupiter nicht auf sich sitzen lassen. Es entspinnt sich ein Gerangel um Eurydike, das Jacques Offenbach in erfrischender Respektlosigkeit vor Himmel und Hölle in einem „Galop infernal“, dem berühmten Cancan, einer einst höchst unmoralischen Darbietung mit hoch geschwungenen Röcken seitens des attraktiven Tanzensembles, kulminieren lässt.
Robert Bartneck trägt statt der Leier eine Geige mit sich herum, kann aber trotz einer gefühlvollen Melodie seine Eurydike, frech und lustvoll verkörpert von Jeannette Wernecke, nicht besänftigen. Sie will noch was erleben. Aber nachdem sie der teuflische Pluto (Peter Bording) in den Hades verbracht hat, ist ihr auch dort fad. Der Herr der Hölle ist meistens abwesend; was sich aber schlagartig ändert, als die Angelegenheit im Götterhimmel zur Chefsache wird. Trotz verständlicher Eifersucht von Juno (Eva Schneidereit als ungemein komische Göttergattin) will Jupiter (Martin Achrainer) bei der schönen Irdischen landen; weil es nicht anders geht, verwandelt er sich in eine sinnlich summende Fliege, die von Eurydike begeistert als Liebhaber angenommen wird.
Eine Nacht in Venedig, Ensemble © Foto Hofer (www.fotohofer.at) EINE NACHT IN VENEDIG Der listig getäuschte „Karnevals-Prinz“
Die schöne Barbara Delaqua wird von Herzog Guido von Urbino bereits ungeduldig erwartet. Er hat sie zwar noch nie gesehen, aber allerhand Vielversprechendes von ihr gehört. Allein, ihr Gatte, Senator Bartolomeo, hat den Braten gerochen und versucht seine Frau vom Herzog fern zu halten. Sie soll für diese Nacht in ein Kloster auf der Insel Murano verbracht werden. Es beginnt sich ein Karussell von Listen zu drehen, angefangen vom Kleidertausch Barbaras mit dem Fischermädchen Annina, bis zur Ersatzgemahlin von Delaqua, der deren Zofe Ciboletta dem Herzog auf dessen Ball präsentieren will. Am Ende steht der Gastgeber vor drei Barbaras und findet sich am Ende nolens volens mit der Rolle des getäuschten Karnevals-Prinzen ab. Aber er hat sich in Annina verliebt und ernennt deren Bräutigam Caramello zu seinem Verwalter – freilich nicht ohne erotische Hintergedanken...
Camillo Walzel & Richard Genée haben dazu das Libretto geschrieben und Johann Strauss die von ihm erwartete Musik, die sich nicht um die Zeit der Handlung im 18. Jahrhundert kümmert, sondern Wiener Walzerseligkeit nach Venedig versetzt. Als Verbeugung vor dem Komponisten, dessen 200. Geburtstag heuer gefeiert wird, hat das Lehár Festival Bad Ischl diese Operette auf den Spielplan gesetzt. Regisseur Wolfgang Dosch hat eine neue Fassung geschrieben und in ein wahres Fest venezianischer Lebensfreude umgesetzt. Durchgehend kommentiert ein Tanzensemble das ausgelassene Treiben und schafft damit die entsprechende Stimmung des berühmten Karnevals, der damals noch eine interne Angelegenheit der Masken in der Lagunenstadt war, egal welchen Standes die Menschen dahinter auch waren.
Ena Topčibašić (Babara), Tina Jaeger (Annina) und Marie-Luise Engel-Schottleitner (Ciboletta) sind die drei Frauen, deren Männer allen Grund zur Eifersucht hätten. Senator Bartolomeo Delaquas (Erich Langwieser) Abschiebeversuch geht bekanntlich schief, da anstelle seiner Frau deren Freundin Annina vom Leibbarbier des Herzogs, dem getreuen Caramello (Yichi Xu), nach einer für einen Buffo-Gondoliere beachtlichen Herausforderung „Komm in die Gondel, mein Liebchen, so steige nur ein“ statt ins Kloster direkt zu Ball und Herzog verbracht wird.
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