Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Schieles Mädchenakt mit angezogenen Beinen und Bunny von Sarah Lucas

SCHIELE RELOADED Punktuelle Injektionen für die Jubiläumsschau

LOUISE BOURGEOIS | The Feeding Frenzy | 2007 © Galerie Karsten Greve AG, St. Moritz

Künstlerische Antworten auf von Schiele aufgeworfene Fragen

In den wenigen Jahren, in denen Egon Schiele ein unvorstellbar umfangreiches Œuvre schuf, war die Ästhetik, die seinem malerischen und zeichnerischen Ausdruck zugrunde liegt, den Augen der damaligen Betrachter alles andere als vertraut. Aber genau in diese Zeit fällt der große Aufbruch in der Kunst, der diese wie eine Naturgewalt von bis dahin gültigen Parametern gelöst hat. Schiele war einer der Pioniere der Wiener Moderne, der seine Kunst ohne Seitenblicke auf allgemein Gewünschtes geschaffen und dafür auch den Preis mit einer späten, eigentlich erst einer postumen Anerkennung bezahlt hat. Dass die derzeitige Schiele-Ausstellung im Leopold Museum einen derartigen Besucherandrang erlebt, dass sie bis zum kommenden März verlängert werden musste, ist einer der Beweise, welche heute noch spürbare Kraft von seinen Bildern ausgeht. So besehen zeigt es von ausgesprochenem Mut, dass sich neun Künstler bereit erklärt haben, mit dem Werk Schieles in einen Dialog zu treten.

JÜRGEN KLAUKE | Self-Performance © Bildrecht, Wien, 2018

Louise Bourgeois, Tadashi Kawamata, Jürgen Klauke, Sarah Lucas, Chloe Piene, Rudolf Polanszky, Maximilian Prüfer, Elisabeth von Samsonow und Fiona Tan sind Schieles „Gesprächspartner“, deren Arbeiten, wie es die Kuratoren Verena Gamper und Diethard Leopold ausdrücken, der laufenden Schau punktuelle zeitgenössische Injektionen verabreichen, nicht um irgendwas zu heilen, auch nicht belebend, das sind Schieles Bilder auch für sich allein, sondern um uns Zeitgenossen nachhaltig das Bewusstsein einzuimpfen, wie eng die Verwandtschaft zum 2018 gefeierten Künstler über ein ganzes Jahrhundert geblieben ist.

EGON SCHIELE, »Blinde Mutter«, 1914 © Leopold Museum, Wien

Im Abschnitt, in dem es um Frauenbildnisse geht, wird diese Verbindung besonders deutlich. An der Wand hängt der Mädchenakt mit angezogenen Beinen, mit dessen Freizügigkeit Egon Schiele 1915 wohl manchen verkrampften Moralisten einerseits schockiert, andererseits auch zu geheimen Wunschvorstellungen angeregt haben mag. Auf einem Bürostuhl sitzt daneben eine als „Bunny“ betitelte kopflose Frauenfigur von der in London lebenden Künstlerin Sarah Lucas. Sie besteht aus ausgestopften Nylonstrümpfen und trägt rote High Heels. Begehrliche Blicke wird sie dennoch kaum ernten.

Trotz großer Brüste und der langer Beine konfrontiert diese Figur das Gegenüber mit dem urweiblichen Anliegen ihrer Schöpferin. Lucas macht mit dem bis zu offensichtlicher Hässlichkeit gehenden Einsatz erotischer Versatzstücke deutlich, dass eine Frau alles andere als zum Objekt der sexuellen Begierde, noch weniger zum Häschen reduziert sein will. Ihre „Sexpuppe“ wendet sich nicht nur an die Magazine von der Sorte Playboy, die auf Hochglanzseiten Voyeurismus bedienen, sondern prügelt ganz nebenbei allgemein auf Männer und deren lustvollen Blick auf sexy gestylte Weiblichkeit ein.

Maximilian Prüfer, ein in Augsburg lebender Künstler, macht in seinen Bildern düstere Mystik sichtbar. Sein „Krähe. Spuren von Larven und Fliegen um eine Krähe“ (2015) lässt die Folgen des Todes erahnen. Der Körper zersetzt sich zu einer unansehnlichen Masse, die schließlich von allerhand unappetitlichen Insekten für ihr eigenes Überleben verwertet wird.

 

Die tote Krähe wurde von Diethard Leopold als Gegenüber für das selten gezeigte Gemälde „Rabenlandschaft“ (1911) ausgewählt. Auch hier gibt es die gespenstischen Boten aus dem Jenseits, die in Gestalt von Raben über einer in abgrundtiefe Finsternis verlaufende Landschaft flattern. Beide Werke zusammen, das von Schiele und das von Prüfer, ergeben ein klares Statement zu den beiden Seiten unseres Dasein, das Schiele prägnant formuliert hat: „Ich bin Mensch, ich liebe den Tod und liebe das Leben.“

ELISABETH VON SAMSONOW | GEO ORAKEL (Detail) | 2018 © Courtesy Elisabeth von Samsonow

ATELIER D’ORA | Selbstbildnis der Photographin d’Ora | 1929 © ullstein bild collection

MACHEN SIE MICH SCHÖN, MADAME D´ORA!

ATELIER D’ORA | Madame Agnès mit einem Hut © Photoinstitut Bonartes, Wien

Pionierin und Künstlerin hinter der Kamera

Fast täglich richtet mein Publikum die Frage an mich: „Wie werden Sie mich machen?“ Ich lache und antworte fast stets: „Ich weiß es nicht.“ Ich weiß es nämlich wirklich nicht – es kommt eben. Das ist das ganze Geheimnis! Mit diesem Ausspruch wird die Fotokünstlerin Madame d´Ora 1913 in der Modernen illustrierten Zeitung zitiert. Im selben Jahr streute ihr der Verleger Hans von Weber Rosen, wenn er an sie schrieb: „In deinem Spiegel erhöht sich die Welt. Der meine ist leider konkav. Du verschönerst, ich verzerre – na, wie´s gefällt, wenn jeder sein Ziel nur traf!“ Die damit angesprochene Dora Kallmus (1881-1963) hatte 1907 in Wien ein Fotostudio eröffnet, das innerhalb kürzester Zeit als erste Adresse für künstlerisches Porträt galt. Ihre ästhetischen Ablichtungen von Menschen standen in direkter Nachfolge eines frühen Gustav Klimt und damit in einem schroffen, aber gern gesehenen Gegensatz zu den Porträts der in dieser Zeit wie ein Vulkan ausgebrochenen Moderne in der Malerei. Madame d´Ora, so ihr Künstlername, bediente die Eitelkeit der Menschen, in erster Linie die der Frauen.

ATELIER D’ORA | Marquis de Cuevas mit abgezogenen Schafsköpfen © Museum für Kunst und Gew. Hamburg

Jeder Fotograf, ob im Studio oder auf gesellschaftlicher Pirsch, bestätigt gerne, dass es nichts Schwierigeres gibt, als die, sagen wir, normale Weiblichkeit, also nicht die Models, so zu fotografieren, dass das Gesicht auf dem Foto auch der Wunschvorstellung der jeweiligen Person entspricht. Auf dieses Problem spielt auch der Ausstellungstitel an: „Machen Sie mich schön, Madame D´Ora!“ (bis 29. Oktober 2018). Ihre Antwort darauf war: ...vor allem soll die aufzunehmende Person ihr eigenes Bild selbst mitmachen. Sie muss mit Interesse daran mitarbeiten – sie dahin zu bringen ist meine schwerste Aufgabe. Sie schaffte es sogar bei einer so überaus kapriziösen Dame wie Alma Mahler, diese eleganter als vor dem eigenen Spiegel zu zeigen. Wie einfach müssen da die Mitglieder der kaiserlichen Familie gewesen sein, als diese anlässlich der Krönung von Kaiser Karl in traditioneller Festkleidung vor ihre Kamera traten.

ATELIER D’ORA | Arthur Schnitzler | 1915 © IMAGNO, Sammlung Christian Brandstätter Wien

Ab 1923 wirkt Madame d´Ora auch in der Metropole der Mode. Das Pariser Magazin „L´Officiel de la Couture“ erteilt ihr einen Auftrag. Ein Jahr später richtet sie mit Arthur Benda im Haus des Schriftstellers Tristan Bernard ein Atelier ein. Ab nun badet die Fotografin in einer Szene, in der Prominenz wie Maurice Chevalier, Josephine Baker, Coco Chanel oder ein Pablo Picasso zu ihrer Stammklientel gehörte. Wohl wegen der Herausforderung hatte sie eine große Vorliebe für kapriziöse Tanzposen. Dazu heißt es im Katalog: In welcher Anzahl d´Ora zwischen 1907 und 1957 Fotografien von Tänzerinnen, Tänzern, Choreographen und Ensembleleitern vor allem in Wien und Paris angefertigt hat, lässt sich nicht bestimmen ... Ihr Vermächtnis scheint unüberblickbar.

 

Mit dem Einmarsch der Nazis in Paris musste sich die Jüdin d´Ora in ein kleines französisches Bergdorf fluchtartig zurückziehen.

Mit Kriegsende nahm sie in Paris wieder ihre Arbeit auf und besuchte auch das zerstörte Österreich. Ihre Schwester Anna hatte sie in einem Konzentrationslager verloren. Nun richtet die Fotografin, der Flucht nicht unbekannt ist, ihren Blick auf die Displaced Persons-Camps , die von ehemaligen Zwangsarbeitern, aus KZ Befreiten und Volksdeutschen in Wien und Salzburg bewohnt wurden. Das Leid der jüdischen Bevölkerung verglich sie mit dem Schicksal wehrloser Schlachttiere. Ab 1949 fotografierte sie mehrfach in den abattoirs, den Pariser Schlachthöfen und schuf damit eine weitere Serie vollkommen anderer Bilder als sonst. Diese Fotografien sind unangenehm zu Hinschauen, das Auge wird auf ein ausblutendes Pferd, auf Schweinsgedärme oder auf tote Kälber gestoßen.

1957 posierte der Choreograph Marquis des Cuevas mit abgezogenen Schafsköpfen, um dessen Rolle als Performer lang vor dem Durchbruch der Konzeptkunst zu zeigen.

 

Dank einer guten Zusammenarbeit mit dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und dem Photoinstitut Bonartes in Wien ist nun das Werk von Madame d´Ora im Leopoldmuseum in einer beeindruckenden Vollständigkeit zu sehen. Kuratorinnen sind Monika Faber und Magdalena Vukovic für Wien und Esther Ruelfs und Cathrin Hauswald für MKG Hamburg. Erschienen ist dazu das Buch „Machen Sie mich schön, Madame d´Ora! Dora Kallmus. Fotografin in Wien und Paris 1907-1957“ im Christian Brandstätter Verlag, herausgegeben von Monika Faber, Esther Ruelfs und Magdalena Vukovic, mit Beiträgen von Andrea Amort, Christian Brandstätter, Jean Marc Dreyfus u.a.

ATELIER D’ORA | Josephine Baker | 1928 © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
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