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Utopien und Apokalypsen Ausstgellungsansicht

UTOPIEN & APOKALYPSEN Literatur zur Zukunft

Handpuppen aus dem Stück Krieg der Molche von Karel Čapek

Sind Schriftsteller Wahrsager? Ja, doch! Sogar mit hoher Trefferquote.

Den einen, den Allwissenden können wir bekanntlich nicht fragen, wie es um unsere Zukunft steht. Angeblich hat er aber eine Ahnung an seine Propheten abgegeben. Im Sinne einer strengen Haltung der von ihm erschaffenen Menschheit lässt Er von diesen Auserwählten in erster Linie Katastrophen ankündigen, die umgehend eintreten, wenn seine Gebote nicht beachtet werden. Das schlimmste Szenario wurde mittels göttlicher Inspiration seinem Apostel Johannes diktiert, der mit der Apokalypse Maßstäbe der grausamen SciFi-Literatur gesetzt hat. Schriftsteller dagegen sind in ihrer Entscheidung frei, ob das Kommende nicht auch hell und freundlich beschrieben werden könnte. Ein Pionier dieser Sichtweise ist zweifellos Thomas Morus, der in „Utopia“ eine ideale Gesellschaft und den besten Staat entworfen hat und mit dem Titel gleichzeitig dem Genre „Zukunftsroman“ einen soliden, die Zeiten überdauernden Namen geschenkt.

Ernst Jandl: „Apocalypse Soon“, 29. 8. 1991 – © Österreichische Nationalbibliothek

Allerdings sind nur wenige seinem Beispiel gefolgt und haben das Kommende aus dem Präsens heraus in das Futur hinein zu scheinbar grotesken Vorstellungen hin verzerrt. Scheinbar nur deswegen, weil vieles, was vor nicht einmal 100 Jahren als Futur erdacht wurde, längst Präsens geworden ist. „Nineteen Eighty-Four’“ von George Orwell oder „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury sind bei genauem Hinsehen ein erschreckender Spiegel der Gegenwart. Wobei Bradburys Bücherverbrennen jede Bibliothek in Alarmbereitschaft versetzten müsste, denn einen Algorithmus kann man beim besten Willen nicht zwischen zwei Buchdeckel binden.

Klaus Wankers Installation „Inseln der Seligen (GIER)

Bis 25. April 2021 lässt sich unter dem Motto „Utopien und Apokalypsen. Die Erfindung der Zukunft in der Literatur“ im Literaturmuseum in der Johannesgasse zwischen dunklen Regalen diesen Gedanken hervorragend nachschmökern. Auch des wohl noch lange nicht überwundenen Covid-19 wurde gedacht. Um auf den einschlägigen Lesestoff über Viren und Seuchen gefahrlos zugreifen zu können, wird eine frei zugängliche „Pandemische Handbibliothek“ inklusive Desinfektionsmittel angeboten.

Rein zum Bewundern ist eine Buchausgabe von Giovanni Boccaccios „Decamerone“, dessen sexuell freizügige Novellen auf die große Pestepidemie von 1348 hin entstanden sind.

Die Insel Utopia, Basler Ausgabe, 1518 – © Österreichische Nationalbibliothek

Zurück zur Zukunft und zum baldigen Weltuntergang, egal durch welche Katastrophe immer, führt die Station, in der auch Nestroy zu Wort kommt. Sein Schuster Knieriem hat das Kommen des Kometen durch den Flaschenboden deutlich gesehen. In dieselbe Kerbe schlagen August Wilhelm Iffland mit seiner Posse „Der Komet“ oder Jura Soyfers Bühnenstück „Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang“. Damit war freilich kein ernst gemeintes Zukunftsszenario gemeint, sondern eine Überzeichnung gegenwärtiger Missstände. Apropos: Wie wäre es mit einer Welt ohne Menschen? Diese Vorstellung ist durchaus reizvoll, zumal die betroffenen Protagonisten durchaus anderer Meinung wären. Doris Lessing hat dazu „Die Memoiren einer Überlebenden“ verfasst und Hannelore Valencak „Die Höhlen Noahs“. Das Manuskript von Peter Roseis „Entwurf für eine Welt ohne Menschen“ ist ebenso zu sehen wie Fotos der Jagdhütte, die Marlen Haushofer zu ihrem Roman „Die Wand“ inspiriert hat.

Neben dem Geschriebenen hat auch genügend Kunst in der Ausstellung Platz. Von der Decke hängen beispielsweise die blau leuchtenden „Inseln der Seligen“ von Klaus Wanker und in einer Vitrine glänzen Figurinen, wie sie im Film „Star Wars“ ihr Unwesen im Weltall treiben. Zuvor wird der Blick aber noch von drei Muppets (die Pessimisten Waldorf und Statler mit Kermit) abgelenkt.

Dabei handelt es sich um Handpuppen, die in Karel Čapeks Theaterstück „Der Krieg mit den Molchen“eingesetzt wurden. Für das selten friktionsfrei ablaufende Verhältnis von Mensch und Maschine stehen nicht nur das Buch von Thea von Harbou und das Plakat von Fritz Langs Film „Metropolis“, sondern auch als schimmernde Kreuzung zwischen Homo Sapiens und Roboter „Der Maschinenmensch“ des Schweizer Ingenieurs Peter Steurer als Warnung vor eventuell optimistischen Zukunftsträumen.

Der Maschinenmensch Sabor © United States Information Service (USIS)/ÖNB, 1952
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