Kultur und Weindas beschauliche MagazinThomas Bernhard Heute. Ausstellungsansicht THOMAS BERNHARD HEUTE Aus dem Nachlass eines Schreibenden
Thomas Bernhard hat sich redlich den Ruf eines genialen Misanthropen erarbeitet. Dazu haben einige Theaterstücke gereicht, die zu Zeiten ihrer Uraufführungen veritable Skandale ausgelöst haben. Mit „Heldenplatz“ im Burgtheater unter Claus Peymann waren 1988 gleich zwei Ziele des Volkszorns am Rand einer medialen Schießbude erschienen, eben der in Oberösterreich lebende Autor und der Auftraggeber mit dem deutschen Akzent, der dieses Stück just 50 Jahre nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich auf die Bühne brachte. Es gab sogar ein von Bernhard ausgesprochenes Aufführungsverbot seiner Stücke in Österreich. Doch die Zeit hat die Wogen geglättet und die dramatischen Arbeiten von Thomas Bernhard zu Publikumsmagneten gemacht. Die einst gefürchteten Schimpftiraden werden milde belächelt und als grandiose Formulierungen eines literarischen Wahrheitsfanatikers geliebt.
Ja, Thomas Bernhard hat dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufgesetzt, in endlosen verschlungenen Sätzen von Monologen und in Romanen, die mit einem einzigen Absatz auskommen und dadurch das Lesen in eine Fesselung an den einen großen Gedanken des jeweiligen Werks verwandeln. Damit wurde der österreichische Schriftsteller weit über die Grenzen unseres Landes hinaus ein Star. Aus dem Nachlass, der sich seit 2023 in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet, wurde nun im Literaturmuseum eine Ausstellung gestaltet. Mit Manuskripten, Briefen und Fotografien aus allen Lebensphasen wird ein Mensch gezeigt, der trotz einer ihn lebenslang plagenden Lungenkrankheit ein gewaltiges Œuvre geschafft hat. Den Einstieg bilden die Weltträume. 800 Erstübersetzungen seiner Werke in über 40 Sprachen, von Finnland bis Sri Lanka, von Norwegen bis Montenegro. Bei deren Übertragung stellte sich das Problem, Bernhards Stil mit seinen in der Musik gebräuchlichen Wiederholungen gerecht zu werden. Vielleicht schafft es heute die KI, die man dazu an einem Chatbot zur Erstellung eines Textes nach Thomas Bernhard bemühen kann.
Das Schauspiel war schon als Kind eine Leidenschaft und gerne wäre er auch Direktor des Burgtheaters geworden. Die Ehre wurde ihm nicht zuteil, aber er kreierte seine eigene Marke, wurde zum souveränen Darsteller seiner selbst, der sich sowohl im Wetterfleck als auch im Smoking ablichten ließ. Mit jeder der Kostümierungen kommentierte er eines seiner Werke, deren Inszenierungen den Abschluss dieser Sonderausstellung in ihrer ganz eigentümlichen Weise sehenswert machen. Woher wir kommen, Ausstellungsansicht WOHER WIR KOMMEN Wie Literaten ihre Herkunft preisgeben
Wilhelm Szabo (1901-1986) führt in einem Gedicht seine Genealogie auf tristes Wetter zurück, vielleicht inspiriert von seinem Aufenthalt im Waldviertel, wo er 1965, im Jahr der Erscheinung des Bandes „Landnacht“ als Oberschulrat in Weitra tätig war. „HERKUNFT Mein Vater der Regen, meine Mutter der Wind, ich bin des Nebels, des Graugewölks Kind.“ Das unscheinbare Typoskript ist mit Korrekturen Teil der Objekte und Medien, die bis 15. Februar 2026 das Thema „Literatur und Herkunft“ in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Es sind u. a. Fotos, Handschriften, Videos und Tonbeispiele, aber auch künstlerische Arbeiten und dreidimensionale Gegenstände, die in den ehemaligen Regalen für Aktenmappen als durchaus beredte „Fundstücke“ auf ihre Entdeckung warten. Ausgewählt wurden sie von Cornelius Mitterer und Kerstin Putz, die auch für die Herausgabe der dazu erschienenen Publikation verantwortlich zeichnen. In vier Kapiteln schaffen biografische Notizen für Lesende nicht unerhebliche Informationen, die in den jeweiligen Werken über den Inhalt neue Sichtweisen auf das Geschriebene eröffnen. Es beginnt mit dem „Aufwachsen“, das in höchst unterschiedlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten ablaufen kann. So musste die spätere Politikerin und Journalistin Adelheid Popp (1869-1939) als Zehnjährige bereits die Schule verlassen, um für die Familie als Arbeiterin und Dienstmädchen zu sorgen. Nahezu autodidaktisch lernte sie des Nachts lesen und schreiben, so gründlich, dass Adelheid Mitbegründerin der österreichischen Arbeiter-Zeitung und dort ab 1892 verantwortliche Redakteurin war. Neben ihrer selbst erzählten Jugendgeschichte ist ein Foto von ihr am Schreibtisch ausgestellt. Ähnlich armselig verlief die Kindheit von Manès Sperber, der in einem jüdischen Städtel in Galizien aufwuchs, bevor er zum berühmten Schriftsteller und Philosophen wurde. Ein Blatt aus dem Notizbuch zu „Die Wasserträger Gottes“ berichtet darüber in faszinierend schwer leserlicher Handschrift. Woher wir kommen, Ausstellungsansicht Vom „Aufbrechen“ im mehrfachen Sinn, von Klassenwechsel und sozialer Mobilität, aber auch Migration und Flucht erzählen Franz Innerhofer, Gernot Wolfgruber oder Elfriede Jelinek mit Szenenfotos aus „Die Schutzbefohlenen“. Für „Zurückkehren“ stehen Bücher wie „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke, der dazu wieder in seinen Kärntner Heimatort und damit zu einer emotionalen Begegnung mit seiner durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Mutter gefunden hat.
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