Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


MAK-Ausstellungsansicht, 2019 CHINESE WHISPERS © MAK/Georg Mayer

CHINESE WHISPERS Kunst als stille Post im Reich der Mitte

Ai Weiwei, Descending Light with A Missing Circle, 2017 Foto Jung, Sursee/Schweiz

Sigg Collection: Aufschlussreicher Blick auf chinesische Gegenwartskunst durch eine Schweizer Brille

Seit den 1970er-Jahren verfolgt der Schweizer Uli Sigg (*1946) die Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China. Nach und nach begann es ihn zu kribbeln. Die Sammlerleidenschaft erwachte und – wohl begleitet von Schweizer Gründlichkeit – entstand ab der Mitte der 1990er-Jahre die heute weltweit repräsentativste Sammlung chinesischer Kunst. Die Namen der Schöpfer dieser Werke sind uns klarerweise kaum ein Begriff. Abgesehen vom unbestrittenen Star Ai Weiwei, der über sein Schaffen und seinem Einsatz für Menschenrechte der Öffentlichkeit Europas und Amerikas längst ein Begriff ist, sind es durchwegs neue Bekanntschaften, die man allerdings pflegen sollte. So zeigt uns Shao Fan mit seinen Reflexionen über die Ästhetik des Alterns wie der traditionelle Pinselstrich auch in Öl auf Leinwand in der Feinheit von den uns eher vertrauten Aquarellen umgesetzt werden kann. Cao Yu, eine Videokünstlerin, lässt mit Fountain (2015) keinen Zweifel an der lebenserhaltenden Macht der Frau, wenn sie aus ihren Brüsten Fontänen der Muttermilch spritzen lässt.

Shao Fan, Lohan with Long Eyebrows, 2011 © MAK/Georg Mayer

Feng Mengho führt uns anhand von 7000 Schriftzeichen erstens die Komplexität der chinesischen Schrift vor, zweitens beweist er mit dieser Auswahl für „Smart Devices“ und die Sprache des Computers, dass sein Land nicht nur keinerlei Probleme mit der Elektronischen Umsetzung hat, sondern durchaus, wie es MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein betont, das Zeug hat, den Westen zu überflügeln und das jüngst angebrochene Jahrhundert unter die Führung Chinas zu stellen.

Wang Xingwei, My Beautiful Life, 1993–1995 © Wang Xingwei

Bis 26. Mai 2019 gibt es im MAK unter dem Titel „Chinese Whispers“ neue Kunst aus der Sigg Collection. Der unwiderstehliche Blickfänger ist „Desecending Light with A Missing Circle“ von Ai Weiwei. Der gigantische Luster aus Metall, roten Glasperlen und Glühlampen dürfte irgendwann von der Decke gefallen zu sein und windet sich nun wie ein leuchtendes Schneckenhaus am Boden. Die Botschaft scheint klar zu sein. Noch strahlt durch die Ringe das Rot als Farbe des Glücks.

Aber es wirkt hilflos. Verebbt der Einfluss von Einschränkungen durch die Zensur unter der roten Flagge mit goldenen Sternen? Man kann sich seinen eigenen Reim drauf machen und wird möglicherweise für sich zu einer Lösung kommen, die sich jedoch, wieder wird auf einen Gedanken von Christoph Thun-Hohenstein verwiesen, wie bei der stillen Post vom ursprünglichen Anliegen des Künstlers entfernt haben könnte. Nichts ist mehr von Sozialistischem Realismus zu merken. Die chinesische Kunst tritt uns befreit, oder besser, frei gegenüber.

Die aus der Sigg Collection stammenden Arbeiten vereint die Kraft, die ihnen einerseits durch moderne Strömungen wie die Konzeptkunst ermöglicht wird. Ein Beispiel dafür sind die Reste eines Abbruchhauses, die von Shi Jinsong mit ihren Ziegel und Mörtelresten zu Skulpturen eines Landschaftsparks umgearbeitet wurden, oder die gespenstischen Archive mit echten Dokumenten aus den Jahren 1949 bis 1980 von Mao Tongqiang. Andererseits sind es eher unchinesische Techniken wie die Fotografie (Cao Fei mit Whose Utopia 2006 oder Zhu Jiuyang mit The Declaration of the Blind) und als Materialien Glasfaser und Kieselgel, aus dem He Xiangyu unter dem Titel „The Death of Marat“ eine Aktion von Ai Weiwei nachgeformt hat. An dieser in erschreckender Realität auf dem Boden liegenden Figur wird am deutlichsten der Kulturtransfer spürbar, der nicht zuletzt durch solche Ausstellungen gefördert wird und uns, also dem sogenannten Westen, Einblick in eine gar nicht so fremde Welt hinter der chinesischen Mauer eröffnet.

Miao Ying, Le Rêve Chinois, 2018 © MAK/Georg Mayer
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