Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht, ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990 © MAK/Christian Mendez

Ausstellungsansicht im Kunstblättersaal, ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990 © MAK/Christian Mendez

ARCHITEKTURBAUKÄSTEN Spielen mit historischen „Ziegelsteinen“

Raumordnung-Baukasten, Norgut © Sammlung Claus Krieger

Raumordnung-Baukasten, Norgut © Sammlung Claus Krieger

Neben Modellen aus originalen Baukästen wird neben dem Schauen zum kreativen Mitmachen eingeladen.

Man muss kein Kind mehr sein, um von der Vielfalt des Gezeigten fasziniert zu sein. Lange bevor es LEGO gab, wurden von unzähligen Firmen Systeme für den Modellbau von Gebäuden erzeugt. Rund 70 solcher historischer Baukästen sind nun im MAK zu sehen, mehr noch, Repliken stehen bereit, um in die Hand genommen und zum Entwurf eigener Architektur zusammen gesetzt zu werden. Bei den meisten Originalen handelt es sich um Objekte aus der Privatsammlung des Grafikers Claus Krieger. Die Stücke stammen ausschließlich aus den Jahren 1890 bis 1990, die von ihm intensiv bespielt worden waren. Er beschreibt die Beschäftigung mit schwer verständlichen Anleitungen und schlecht passenden Bauteilen als Versenkung in der Art von Zen, das sich durch Geduld, System und Genauigkeit auszeichnet. Dennoch trennte sich 2024 Krieger davon für das DAM (Deutsches Architektur Museum), wo sie nach einigen Überlegungen die größte Ausstellungsfläche im Erdgeschoss einnimmt. Prof. Andreas Kretzer von der Hochschule für Technik (HFT) Stuttgart und seine Studierenden haben die wertvollen Bausteine einiger Kästen in vergrößertem Maßstab nachgebildet, um sie bespielbar zu machen.

Ausstellungsansicht, ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990 © MAK/Christian Mendez

o.: Ausstellungsansicht, ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990 © MAK/Christian Mendez

r.: Minibrix-Baukasten, Premo Rubber Co. Ltd., England, 1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger

Minibrix-Baukasten, Premo Rubber Co. Ltd., England, 1940er Jahre © Sammlung Claus Krieger

In „ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890-1990, Die große Mitspielausstellung“ (bis 14. März 2027 vom Kunstblättersaal ausgehend im Gebäude verteilt) wird in einer ansprechend bunten Umgebung neben längst vergessenen Firmen- und Produktnamen die ehemalige Fülle an verwendeten Materialen dokumentiert. Wo heute Kunststoff herrscht, kamen einst Stoffe wie Holz, Metall, Filz, Galalith (Milchstein) oder Gummi zum Einsatz. Es gibt „Steine“ der Systeme „Minibrix“, „Telek“ und „Dusyma“ bis zum „Kleinen Großblockbaumeister“ (DDR). Abbildungen auf den Deckeln der Verpackungen zeigen die jeweils neueste Architektur ihrer Epoche, aber auch Burgen und Kirchen.

Es gibt mit „Ankersteinen“ reich geschmückte Bauten der Gründerzeit, moderne Architektur der 1920er-Jahre und den Inhalt des Ingenius-Kastens (1924) des Architekten Wilhelm Kreis, der den „Moloch Großstadt“ aus dem Film Metropolis (1927) vorwegnimmt. Sie alle waren im fertig gestellten Zustand nicht für die Vitrine im Wohnzimmer bestimmt. Sie sollten immer wieder zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Die historischen Bauanleitungen sind hoch komplex und damit eine wahre Herausforderung, mit denen die Spielenden zum Grübeln und Probieren angehalten wurden. Angesprochen waren also eher die Erwachsenen, wenngleich Bilder immer wieder hochkonzentriert spielende Kinder zeigen. So ermöglicht beispielsweise der „American Skyline-Baukasten“ der 1950er- und 60er-Jahre den Bau von Wolkenkratzern der 1920er- bis 1940er-Jahre. Um in eine ähnliche Miniaturwelt unmittelbar einzutauchen, gibt es eine VR-Brille, mit der man in einem solchen Hochhaus bis ganz nach oben gebeamt wird. Schaudernd blickt man in die Tiefe und vergisst, dass man sich auf festem Boden und nur im Modell eines Architekturbauskastens befindet.

Ausstellungsansicht in der Säulenhalle, ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990, Kathedrale © MAK

Ausstellungsansicht in der Säulenhalle, ARCHITEKTURBAUKÄSTEN 1890–1990, Kathedrale © MAK/Stella Riessland

Fahrrad & Hummer, Ausstellungsansicht

Fahrrad & Hummer, Ausstellungsansicht

FAHRRAD & HUMMER als glitzernder Christbaumschmuck

Feines Glas als Christbaumschmuck aus Gablonz

Feines Glas als Christbaumschmuck aus Gablonz

Feinste Handwerkskunst im Weihnachtsdekor aus Gablonzer (Hohl-)Perlen

Bis Februar 2026 verwandelt sich der Kunstblättersaal des MAK zu einer Art Christkindlmarkt. Man kann zwar nichts kaufen (abgesehen vom Katalog zu dieser Ausstellung um 42 €), aber darf mit kindlich großen Augen staunen. In Vitrinen ausgebreitet und als Mobile von der Decke hängend locken den Blick mehr als 800 filigrane Kunstwerke, die eine große Aufgabe verbindet: Sie sind als festliche Dekoration für den Weihnachtsbaum gedacht. Hergestellt wurden sie aus dünnem Glas und sind damit ein sehr zerbrechliches Gut. Hohlperlen sind die Grundlage der meisten dieser glitzernden Kleinode. Sie gelten als Erfindung der Gablonzer Schmuckhersteller, die schon um 1550 erste Glashütten betrieben und 1750 mit einer wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Produktion von Glasperlen und damit Bijouteriewaren begonnen haben.

Arachnomania als Motiv für Gablonzer Christbaumschmuck

Arachnomania als Motiv für Gablonzer Christbaumschmuck

Ein Drahtesel aus Gablonzer Hoihlperlen

Ein Drahtesel aus Gablonzer Hoihlperlen

1920 hebt in Gablonz an der Neiße, in Tschechisch Jablonec nad Nisou, eine über 60 Jahre anhaltende Blütezeit von Christbaumschmuck an, der sich bald zu einem Renner in Sammlerkreisen auswachsen sollte. Es war die Vielfalt an Themen, von der die Kundschaft fasziniert war. Es gibt nicht nur in allen Farben schimmernde Kugeln oder thematisch naheliegende Engelchen. Die Welt wurde im Miniaturformat nachgeblasen. Fahrräder, Flugzeuge, Häuser, Werkzeuge, Musikinstrumente und die Fauna in Gestalt von Spinnen, Vögeln, Schmetterlingen und Hummer finden damit bis heute neben Lametta, Schokolade in Stanniol und Kerzen Platz auf den festlich geschmückten Tannen- und Fichtenzweigen. Auch Waltraud Neuwirth, Kunsthistorikerin und ehemalige Kustodin der MAK-Sammlung Glas und Keramik, hat daran einen Narren gefressen.

Infiziert von einem Flohmarktfund hat sie mehr als 3.000 Stücke für sich privat zusammengetragen. Ihre Sammlung hat sie dem einstigen Arbeitgeber nun geschenkt und damit die Ausstellung „Fahrrad & Hummer. Funkelnder Baumschmuck aus Gablonz“ ermöglicht. Es ist ein wunderbarer vorweihnachtlicher Anreiz zum Besuch des Museums. Die Miniaturen lösen ob ihrer handwerklichen Raffinesse und dem Reichtum an künstlerischen Ideen Bewunderung, vor allem aber Kindheitserinnerungen aus, als man noch an das Christkind glaubte und das golden eloxierte Posthorn, die lustigen Männlein und Weiblein sowie die zarten silbernen Drahtgeflechte nicht anders als himmlische Geschenke deuten konnte.

Christbaumbehang aus Draht, Glas und Papier

Gablonzer Christbaumbehang aus Draht, Glas und Papier