Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Omar Ba Clin d‘oeil à Cheikh Anta Diop – Un continent à la recherche de son histoire, 2017

Omar Ba Clin d‘oeil à Cheikh Anta Diop 2017 © Adagp, Paris, 2024 / Photo: Galerie Templon, New York / Paris / Brussels

AVANT-GARDE AND LIBERATION Aufstand einer „dekolonialen“ Moderne

Ausstellungsansicht: Avant-Garde and Liberation © Photo: Georg Petermichl / mumok

Avant-Garde and Liberation © Photo: Georg Petermichl / mumok

Neueröffnung mit „globaler“ Gegenwartskunst aus Afrika, Asien und „Black Atlantik“

In den Werken steckt durchwegs ein gewaltiges Protestpotential. Der Widerstand richtet sich, wie kaum anders zu erwarten, konkret gegen die einstigen Herren in ihren Kolonien, aber auch gegen eine dominante westliche Moderne und nicht zuletzt gegen einen scheinbar unausrottbaren Rassismus. Christian Kravagna ist Professor für Postcolonial Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Unter dem Titel „Avant-Garde and Liberation“ (bis 22. September 2024) rückt er in 24 Positionen deren Schöpfer in der ersten Ausstellung nach einer kurzen Schließzeit des MUMOK in unser Bewusstsein. Es ist eine Untersuchung der Bedeutung einer globalen Moderne für die zeitgenössische Kunst. So gesagt, klingt das Vorhaben nicht gerade prickelnd. Man muss sich den Werken jedoch aussetzen, um die darin ausgedrückten Anliegen zu erspüren.

Fahamu Pecou, A.W.N. (Artist with Negritude), 2012 © Backslash, Paris

Fahamu Pecou, A.W.N. (Artist with Negritude), 2012 © Backslash, Paris

Serge Attukwei Clottey James Baldwin, 2020–2021 © Bildrecht, Wien 2024

Serge Attukwei Clottey James Baldwin © Bildrecht, Wien 2024

Zuerst geht es um die Definition der Avantgarde. Es ist ein in Europa entstandener Ausdruck für neue Kunst. Diese Wandlungen haben jedoch auch außerhalb der westlichen Welt oder, wie in den USA, in Gesellschaftsgruppen stattgefunden, denen die Wahrnehmung des Marktes versagt geblieben ist. Der nächste Ausdruck mit Erklärungsbedarf ist die „Dekolonisation“, einhergehend mit der Befreiung aus der historischen Sicht der einstigen Herren mit einer klaren Hinwendung zum kulturellen Erbe der Vorfahren.

Vivan Sundaram, One and the Many, 2024 Photo: Georg Petermichl / mumok

Vivan Sundaram, One and the Many, Photo: Georg Petermichl / mumok

Ausstellungsansicht: Avant-Garde and Liberation © Photo: Georg Petermichl / mumok

Ausstellungsansicht: Avant-Garde and Liberation © Photo: Georg Petermichl / mumok

Eines der Schlüsselwerke stammt von Fahamu Pecou, seines Zeichens A.W.N. (Artist with Negritude). In „La Revue du Monde noir“ (2012) wendet sich ein Farbiger im eleganten Business Outfit von einer afrikanischen Maske in seiner Linken ab. 1975 in New York mit Wurzeln in Panama geboren, musste er als Kind mit ansehen, wie sein Vater in einem Anfall von Schizophrenie die Mutter ermordete. Aufgrund dieses traumatischen Erlebnisses begann er Comics mit dem Superhelden „Black Man“ zu zeichnen. Er wurde anerkannter Künstler, der in seinen Malereien schwarze Männlichkeit und deren Identität zum Thema machte. Auf den Punkt bringt auch Moffat Takadiwa das Anliegen der Schau. Er ist ein Bildhauer aus Zimbabwe, der mit „The Occupation of Land“ (2019) gegen jede Form des Landraubes protestiert. Aus Indien kommt die beeindruckende Schar von Terrakotta Figuren, mit denen Vivan Sundaram „One and the Many“ in einer Installation aufgebaut hat. Ein Besuch dieser kritischen Ausstellung braucht auch Zeit für Beschaulichkeit. An etlichen Stationen werden Videos gezeigt, wie der 17 Minuten lange Film von Patricia Kaersenhout, einer holländischen Künstlerin. In ihr stecken das Erbe von Surinam und der Wille zum Aufbegehren gegen in ihren Augen unerträgliche Zustände. „Le retour des femmes colibris“ ist eine Botschaft an schwarze Frauen, „dass sie ihre Geschichte kennen und dass ihre Vergangenheit nicht nur Unterdrückung und Leiden ist, sondern dass sie auch voller Widerstand war.

patricia kaersenhout, Le retour des femmes colibris, 2022  Film, 17 minutes  © the artist

patricia kaersenhout, Le retour des femmes colibris, 2022 Film, 17 minutes © the artist

Mit dieser Ausstellung hat sich das MUMOK auf internationales Terroir begeben, jedoch abseits des Mainstreams. Die Botschaften, ob sie uns nun betreffen, da wir mit einer neuen Gesellschaft zwangsläufig auch deren Vertretern im Alltag begegnen, oder gleichgültig lassen, da unsere Ahnen schließlich keine Kolonien auszuplündern pflegten, stoßen jedenfalls Gedanken an, teils in direktem Zuruf des Vorwurfs, aber zum guten Teil auch in subtiler Ästhetik einer unbekannten Avantgarde, die es wert ist, aus ihrer vordergründigen Fremdheit zu einer Bekannten der jüngsten Kunstgeschichte gewandelt zu werden.

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