Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Terminal Piece, Ausstellungsansicht

Terminal Piece, Ausstellungsansicht

TERMINAL PIECE Durch Gitterstäbe von der Kunst getrennt

Kate Millett, Terminal Piece, Foto: Markus Wörgötter

Kate Millett, Terminal Piece, Foto: Markus Wörgötter

Eine Inszenierung mit Prolog und fünf Akten zur Dramaturgie des Sehens

Wie bei vielen neuen Museumsdirektionen steht auch für Generaldirektorin Fatima Hellberg eine Öffnung des (an sich bis dato ohnehin gut besuchten) mumok an vorderster Stelle. Schwellenangst soll abgebaut werden und das Interesse über die Kunst affine Community hinaus in eine teils hartnäckig dieses Genre ignorierende Gesellschaft getragen werden. Möglichkeit dazu bietet ihre erste Großausstellung mit dem geheimnisvollen Titel „Terminal Piece“ (bis 7. Februar 2027). Die Ebene 0 darf bis 30. September 2026 ohne Erlag des Eintrittsgeldes besucht werden, was, so die nicht unberechtigte Annahme, Neugier auf den Rest erweckt und die jeweiligen Personen an die Kassa lenkt, um nach Erwerb eines Tickets mit den flotten Aufzügen auf Ebene 4 gebracht zu werden. Dort ist der Start eines beschaulichen Abstiegs, um das Haus bis ganz unten zu erkunden, bis Ebene -4, wo das kunstvoll drapierte Sammelsurium „Figure of the Child“ (bis 1. November 2026) von Tolia Astakhishvili den Ausstellungsreigen eröffnet hat.

Terminal Piece, Ausstellungsansicht

Terminal Piece, Ausstellungsansicht

Terminal Piece, Ausstellungsansicht, Foto: Markus Wörgötter

Terminal Piece, Ausstellungsansicht, Foto: Markus Wörgötter

Das Entree wartet mit einem Prolog. Der Ausdruck ist nicht zufällig aus der Theaterwelt übernommen. Die 700 Quadratmeter wurden von der Bühnenbildnerin Anna Viebrock zum, wie es hier heißt, begehbaren Kunstwerk transformiert. Damit sollte der gesamten Schau der Gedanke eines Dramas zugrunde gelegt werden, der jedoch in den anderen Bereichen nur ansatzweise erkennbar ist. Es ist tatsächlich verlockend, dieses Labyrinth aus Räumen und Gängen zu betreten, um bei jeder Biegung auf Kunst zu treffen. Über ein Kirchensetting, das aus einer Inszenierung von Goethes Faust stammt und in seinen Ecken Werke von Gerhard Rühm oder Leander Schönweger zeigt, gelangt man in ähnlich eingerichtete Räumlichkeiten wie Wohnzimmer und Keller. An den Wänden eines Korridors wird man von FIREARMS (Lutz Bacher) begleitet, einer Leihgabe der Österr. Ludwig-Stiftung, ohne durch diese Faust-Feuerwaffen einen Rückgriff auf die Kirche schaffen zu wollen, wie Chefkurator Lukas Flygare mit einem Lachen versichert. Die Werke und deren Beschreibung wurden getrennt. Ein Leporello, der allerdings nur mit Lupe zu lesen ist, verrät, wer die großteils titellosen Arbeiten geschaffen hat.

Terminal Piece, Ausstellungsansicht, Foto: Markus Wörgötter

Terminal Piece, Ausstellungsansicht, Foto: Markus Wörgötter

Terminal Piece, Ausstellungsansicht

Terminal Piece, Ausstellungsansicht

Ganz oben geht der Vorhang zum ersten Akt hoch. Die erste Szene zeigt einen düsteren Raum, in dem hinter Gittern Reihen von Sesseln aufgestellt sind. Ein einziger davon ist von einer Schaufensterpuppe besetzt. Diese Installation der US-amerikanischen Feministin und Schriftstellerin Kate Millett ist namensgebend für die gesamte Ausstellung. „Terminal Piece“ ist entstanden, weil die Künstlerin nur in dieser Form ihre Aussage umsetzen konnte. Barrieren wie diese erinnern an ein Gefängnis, wobei letztlich die Frage offen bleibt, auf welcher Seite man sich fühlt. Hell und frei wird es in der Folge, wenn sich ein Blick auf die Dächer der anschließenden Museen bietet.

Das Fenster wurde extra dafür wieder geöffnet. Es bleibt allerdings großteils ein Ratespiel, was da aus den Sammlungen des Hauses an den Wänden hängt oder dazwischen bedeutungsvoll herumsteht. Dank eines Booklets lassen sich dazu jedoch die nötigen Informationen erarbeiten. Es wird zum unabdingbaren Begleiter auch im Stockwerk darunter. Denn Akt zwei verrät in nobel reduzierter Hängung erst nach einem komplexen Denkprozess, warum es hier um „Politische Ideale und gelebte Erfahrung“ geht. Akt 3 beschäftigt sich mit „Dokumentation und Zeugenschaft“ als Mittel, um sich Realitäten anzunähern. Hinein in die dunkle Kammer und Zeit nehmen heißt es beim Filmepos „Leviatan“ von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor. Auf Ebene -2B geht es schließlich um den „Apparat des Sehens“. Dort erforscht Akt 4 die Instrumente, Medien und Vorrichtungen, durch die wir die Welt wahrnehmen und vermitteln. Sollte sich bis hierher dennoch Ratlosigkeit einstellen, ist eine Führung angebracht, bei der ohne Genierer gefragt werden darf, um auch einem Neuling die Tür zur modernen Kunst einen anregenden Spalt weit öffnen.

 Jean Fautrier  Bouquet des Fleurs, 1929 mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Jean Fautrier, Bouquet des Fleurs, 1929 mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben in 1980 © Bildrecht, Wien 2026

Tobias Pils Shh, Ausstellungsansicht

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