Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Martin Gesslbauer, Leila Strahl © Rolf Bock

Martin Gesslbauer (Monsieur Mischow), Leila Strahl (Lisa) © Rolf Bock

DAS BÄRTCHEN wächst zu einem Vollbart von Vorurteilen

Das Bärtchen, Ensemble © Rolf Bock

Das Bärtchen, Ensemble © Rolf Bock

Lachen über ernste Themen – keineswegs frivol, meinen die Franzosen

Paris, heute steht im Programmheft. Das Gleiche kann sich aber überall in Westeuropa genauso abspielen, wie es die beiden französischen Bühnenautoren Sacha Judaszko und Fabrice Donnio in ihrer Farce „Das Bärtchen“ mit dem tröstlichen Untertitel „Schlimmer wird’s nimmer“ in ihre Hauptstadt versetzt haben. Sylvan Sabourdin gerät in eine Pechsträhne. Unter Tags wartet ein Vorstellungsgespräch per Videoschaltung und am Abend ist der Besuch seine Schwiegervaters in spe angesagt, eines orthodoxen Juden. Das religiöse Bekenntnis des Papas von Lisa, seiner reizenden Verlobten, ist deshalb von einigem Belang, da ihm die Morgentoilette, besser gesagt, die Abnahme seines an sich modischen Vollbarts ein Hitlerbärtchen beschert. Ein Stromausfall und ein defekter Rasierapparat bescheren ihm diesen verhängnisvollen Schmuck der Oberlippe. Dazu kommt ein Freund, den man getrost als Parasit bezeichnen darf. JB, so sein Kurzname, hat sich bei den Jungverliebten eingenistet. Seinen Kaffee schüttet er auf ein eben geliefertes Gemälde, das nach einem Reinigungsversuch zu einem Hakenkreuz verschmiert ist. Das Kraut wirklich fett macht Hausmeister Mischow, dem sogar die Front National zu weit links steht. Mit halb ausgesprochenen Sätzen und den damit ausgelösten falschen Vorstellungen wird für Sylvan die Hölle perfekt, aber für das Publikum beginnt eben dort der richtige Spaß mit Verwechslungen, Missverständnissen und scheinbarem Rassismus in allen seinen Schattierungen.

Alexander Hoffelner, Simon Schober, Martin Gesslbauer © Rolf Bock

Alexander Hoffelner, Simon Schober, Martin Gesslbauer © Rolf Bock

Stephan Paryla-Raky, Leila Strahl © Rolf Bock

Stephan Paryla-Raky, Leila Strahl © Rolf Bock

Marcus Strahl bringt mit dem Ensemble seiner Neuen Bühne Wien diese noch recht junge und frische Komödie (Uraufführung 2018 am Montparnasse) in das Theater Center Forum I (Premiere am 29. September, bis 19. Oktober 2022). Regie und das Ambiente einer durchaus geräumigen Stadtwohnung stammen von Martin Gesslbauer, der für sich Monsieur Mischow vorbehalten hat. Auf solche Hausmeister kann man gern verzichten. Sie stellen die Post nicht zu, drücken sich vor jeder Arbeit und mischen sich ungefragt in Gespräche anderer. Ein ähnlich Unnötiger ist JB (Simon Schober) der, wenn es darum geht, nichts als Unheil anstiftet. Stephan Paryla-Raky erscheint als Paul, Lisas Vater, viel zu früh und ist zutiefst über die Barttracht seines künftigen Schwiegersohns erschüttert. Als Kippa tragender Jude muss ihn ein so verunstaltetes Gesicht abstoßen. Ließe nur einer von all denen den zugegebenermaßen hektischen Sylvan (Alexander Hoffelner) ausreden, wäre alles geklärt, sogar der überständige Brief einer Ex-Geliebten. So aber trudelt die ganze Gesellschaft, inklusive der engelsgleich geduldigen und, wie man erfährt, schwangeren Lisa (Leila Strahl) in ein veritables Chaos. Es bleibt bis zum letzten Moment spannend, ob sich ein solches Tohuwabohu ordnen lässt oder worin immer die finale Überraschung besteht.

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